Polnische Jugend und Kohle abbauen: Karriere unter Tage

6. Dezember 2018 – Cafébabel (Paris)

Klimawandel hin, Emissionen her: In Polen setzt man immer noch auf Energie aus Steinkohle. Im schlesischen Katowice lockt die Kohleindustrie mit Job-Garantien und Vorruhestand. Vor allem junge Menschen entscheiden sich für eine Karriere „unter Tage“. Sie sehen dort ihre Zukunft – trotz des allgemeinen Niedergangs der Branche.

Sylwia Kwak hat die Angewohnheit, früh aufzustehen. Wie an jedem Freitag seit September, macht sie sich auf den Weg zum Steinkohlenbergwerk Wujek in Katowice. Die Digitaluhr aus den 1980ern zeigt 6 Uhr. Am Empfang – dessen Mobiliar ebenfalls noch aus der kommunistischen Ära stammt – trifft die 23-jährige Sylwia ihre Mitschüler aus dem ersten und zweiten Jahr an der Schlesischen Technischen Universität.

Die Klassen bestehen jeweils zur Hälfte aus Frauen und Männern, die Schüler absolvieren ihr (bezahltes) Studium innerhalb der Gruppe Polska Grupa Górnicza, welcher sie sich für die ersten drei Jahre nach Erhalt ihres Diploms verpflichten müssen. Zum Programm gehört: Mathematik, angewandte Geologie, unterirdischer Abbau, Soziologie, Makroökonomie. Eben alles, was für Führungspositionen in der Bergbauindustrie qualifiziert – eine Industrie, die fast 170.000 Personen in Polen beschäftigt, die meisten davon in Schlesien. Das Land bleibt der Bergbauriese der Europäischen Union.

Doch hier wie anderswo erlebt die Branche einen unabwendbaren Niedergang. 1996 arbeiteten noch doppelt so viele Menschen in Bergwerken wie heute, damals, bevor Restrukturierungen und Schließungen folgten. Die Privatgruppe Polska Grupa Górnicza ist der größte Produzent von Steinkohle in der EU. Entstanden aus dem Bankrott des Kohlekonzerns Kompania Węglowa, der damals mehrheitlich dem polnischen Staat gehörte, betreibt sie aktuell acht Bergwerke der insgesamt dreißig in Polen.

Unter Tage

Auch heute noch unterwirft sich Sylwia, blond mit langem Pferdeschwanz, den uralten Ritualen des Bergwerks. Nachdem sie sich eine Marke geholt hat, geht sie in die sogenannte Kaue, die Umkleidekabine. Dort schlüpft sie in die passende Kleidung: Hose, Hemd, Jacke, Gürtel, Socken, Schuhe, Umhängetasche, Helm. Bevor sie den Aufzug betritt, erhält Sylwia noch eine Stirnlampe sowie eine Sauerstoffflasche. Der Aufzug ist ein klappriger Metallkäfig, in dem Sylwia dicht gedrängt mit ihren Kollegen steht, umgeben von bunten Schildern, die an die unterirdischen Gefahren erinnern.

Der Abstieg beginnt. Marcin, der Techniker, und Piotr Buffi, der Ausbildungsleiter, geben sich Mühe, die Stimmung aufzulockern – Prüfungen stehen bevor, viele Studenten sind angespannt. Die Bergarbeiter-Azubis steigen 370 Meter unter der Erde am pole szoleniowe aus, einem Ausbildungsstollen, der vor den gefürchteten Schlagwetterexplosionen geschützt ist. Erfunden hat diese einzigartige Schule Piotr Buffi. Hier lernt „der Nachwuchs“ in 21 Etappen das A und O der Kohleförderung, auch wenn er sehr wahrscheinlich nie unter Tage, also in Stollen und Schächten, arbeiten wird.

Zusammen mit den anderen weiblichen Auszubildenden schiebt Sylwia einen Förderwagen, während die männlichen Azubis mit dem Weichensteller herumspielen. „So sieht also ein Rettungswagen aus“, kommentiert Piotr Buffi. „Denkt daran, dass der Retter seine eigene Sicherheit gewährleisten muss!“ Im Arbeitsleben, so der 46-Jährige, sei man für diejenigen verantwortlich, die unter Tage arbeiten: „Ihr müsst alle Rädchen kennen, jeder muss in der Lage sein, seiner Arbeit in absoluter Sicherheit nachzugehen“.

Sylwia, deren rosige Wangen von einem schwarzen Tuch bedeckt sind, ist begeistert: „Hier lernt man wirklich besser! Hier wird man sich bewusst, dass man gar nichts weiß.“ Ihr Kollege Tomasz Kotyrba gesteht: „Ich habe das Bergwerk gewählt, um nach 25 Jahren im Beruf in Rente gehen zu können. Klar, der Beruf ist riskant, aber daran denkt man nicht, wenn man dabei ist.“

Nach der Pause macht der Teamleiter weiter mit einer Fragerunde: „Wie benutzt man seinen Methangas-Detektor?“ Statt auf eine Antwort zu warten, hält er seinen eigenen Apparat, der am Ende eines Stabes befestigt ist, bis knapp zehn Zentimeter unter die Decke. Dann begibt die Gruppe sich Richtung Ausgang. Rückkehr zum blendenden Licht. Die Studierenden machen sich auf den Heimweg – die meisten wohnen noch bei den Eltern, einige dutzend Kilometer entfernt, im weiträumigen Ballungsraum Schlesien, mit mehr als 2 Millionen Einwohnern.

Bergbau, Hawaii und Fidel Castro

Sylwia nimmt den Bus und die Tram, um zu ihrer Familie in Mysłowice zu gelangen, einem Vorort von Katowice. Ein verlassenes Bergwerk und finstere Bergarbeitersiedlungen ziehen an den Fenstern vorbei, ein wahres Niemandsland. Das heutige Mysłowice ist nicht mehr als ein Schatten der Stadt, welches es 1972 war, als Fidel Castro zu Besuch kam. Damals galten Bergarbeiter noch als wichtige Stütze der Volksrepublik Polen, sie ernteten für ihre Großtaten stürmischen Beifall, sowohl von Führungskräften als auch der Bevölkerung.

Das war, bevor sie in den 1980ern begannen zu rebellieren: Am 13. Dezember 1981 wurde das Kriegsrecht in Polen verhängt, der Ortsvorsitzende der Solidarność, einer unabhängigen und freien Gewerkschaft, verhaftet. Die Arbeiter im Bergwerk Wujek streikten spontan – ein Streik, der von Armee und Miliz gewaltsam niedergeschlagen wurde. Neun Menschen starben.

Aus allen Ecken des Landes stammend, vor allem aus den östlichen Provinzen, die nach dem Zweiten Weltkrieg an die UdSSR abgetreten wurden, machten sich die Bergarbeiter dann an den Wiederaufbau des ganzen Landes, und bevölkerten bei dieser Gelegenheit auch wieder das ehemals preußische Schlesien. Heute werden die „Kumpel“ vom Rest Polens als die letzten Überlebenden einer heruntergekommenen Branche wahrgenommen, Überlebende, die dennoch von großzügigen sozialen Privilegien profitieren.

Sylwia teilt diese Meinung nicht. Um ihre Einkünfte aufzubessern, arbeitet sie zusätzlich als Kellnerin in einem der wenigen Cafés am großen Platz, von deren Fassaden der Putz abbröckelt. „Ich habe viele Nebenjobs gemacht, ich habe in Katowice im Fundraising und auch in Krakau gearbeitet. Aber hier ist es doch näher an meinem Zuhause“, erklärt sie lächelnd. Auch wenn ihr Großvater in der Zeche in Wesoła gearbeitet hat, ist die Studentin eher durch Zufall zur Kohle gekommen.

„Am Anfang wollte ich Linguistin werden. Dann habe ich die Geologie entdeckt. Am Ende wurde ich an der Fakultät für Bergbaustudien angenommen.“ Mit Computern kann Sylwia nicht viel anfangen: Sie träumt davon, kombajn zu bauen, Maschinen, die für den Abbau von Kohle eingesetzt werden. „Ich mag das Konkrete, ich möchte unter Tage gehen.“

Völlig egal ist dabei das Geschlecht der Auszubildenden: „Das Bergwerk ist sowohl für Frauen als auch für Männer geeignet. Die einzige Einschränkung ist zu schwere körperliche Arbeit“. Für Sylwia, wie für so viele ihrer Kollegen, ist die Arbeit im Bergwerk deshalb attraktiv, weil sie eine Anstellungsgarantie in der Nähe des elterlichen Hauses bietet.

„Ich sehe mich nicht weit entfernt von meinen Angehörigen wohnen, ich träume von einem einfachen Leben. Ich würde gerne einmal nach Hawaii reisen, nur ein einziges Mal“, sagt sie, Tasse in der Hand. Vor Ort gilt Kohle als eine Ressource, die im Überfluss vorhanden ist und auf die zu verzichten ein Nachteil wäre. „Polen hat wenige Wasserkraft-Ressourcen, wenig Wind. Kernenergie möchte niemand wirklich. Kurz gesagt, wir haben keine Wahl“, so Sylwia.

Trotzdem: In einem Land, wo Umweltschutz für die derzeitige konservative Regierung nicht gerade Priorität hat, stellt sich die Frage nach den mit dem Kohlebergbau verbundenen Umweltrisiken. Den Aktivisten der Bürgervereinigung Katowicki Alarm Smogowy zufolge, die auf die Problematik aufmerksam machen, entspricht das simple Wohnen in Katowice 2500 passiv gerauchten Zigaretten im Jahr.

Und doch wird in Schlesien das schwarze Gold nicht für den Smog und für die Luftverschmutzung verantwortlich gemacht, unter denen die Region im Winter leidet. Lieber gibt man einer angeblich ineffizienten Verbrennung in den oft mit alten Kohleöfen ausgestatteten Wohnungen die Schuld, ein Relikt der kommunistischen Jahre. Dieses Empfinden wird auch vom Lehrkörper geteilt, darunter Paweł Sikora, der an der Technischen Hochschule in Gliwice Vermessungsingenieurwesen unterrichtet: „Ja, Polen überschreitet die europäischen Feinstaub-Normen (und wurde dafür Anfang 2018 vom Europäischen Gerichtshof verurteilt, Anm. d. Red.), aber das Problem ist vor allem dort präsent, wo die Luft sich nicht erneuert.

Die mit Kohle betriebenen Energiekraftwerke sind mit Filtern ausgestattet. Außerdem gibt es keinen Beweis dafür, dass Kohle die Klimaerwärmungbeeinflusst. Die Medien haben eine Tendenz, die Welt des Bergbaus negativ darzustellen.“ Dazu muss man sagen, dass es in Polen seit dem Jahr 2000 sieben tödliche Unfälle in Bergwerken gab, insgesamt starben 87 Menschen. Der letzte Unfall ereignete sich im Mai 2018.

Die Regierung subventioniert den zerfallenden Bergbau-Sektor weiterhin und ist mit einem unlösbaren Dilemma konfrontiert: Wie können nicht-rentable polnische Bergwerke geschlossen werden, ohne dass die Energiesicherheit Polens, also die Versorgung Polens mit Energie, bedroht ist? Polen bezieht seine Energie zu 80 Prozent aus der Kohle, kein Wunder also, dass diese Quelle im offiziellen Diskurs als lebenswichtig präsentiert wird. „Man muss in die Bergwerke investieren, in ihre Maschinen, ihre Schulen, ihre Forschung, dann wird ihre Förderung nicht sterben. Wir haben noch für mindestens 20 Jahre Kohlereserven“, betont Piotr Buffi.

Paradoxerweise wünscht sich dieser Bergmann, der zwölf Jahre lang unter Tage arbeitete und heute seine Leidenschaft unerschütterlich an seine Studenten weitergibt, keine Bergbau-Laufbahn für seine beiden Kinder. „Es ist ein extrem harter Job. Ein Bergarbeiter verdient gerade einmal 2000 Złoty im Monat (etwa 500 Euro, Anm. d. Red.). Man muss Samstag und Sonntag in die Zeche, auf die Gefahr hin, nicht genug zu verdienen. Zur Zeit meines Vaters gab es noch beachtliche soziale Vorteile wie ein 14. Monatsgehalt, Ferienanlagen für die Kinder und sogar für Bergarbeiter reservierte Geschäfte. Heute bleibt kaum noch etwas übrig außer der Barburka (Bonus, der im Dezember am Gedenktag der heiligen Barbara, einer Schutzheiligen der Bergarbeiter, ausgezahlt wird, Anm. d. Red.) und dem Vorruhestand.“

Die Macht der Tradition

Die nagelneue Regionalbahn, finanziert mit europäischen Fördermitteln, führt in 30 Minuten von Katowice nach Gliwice und transportiert Studierende und Arbeiter in der schlesischen Metropole. Es geht vorbei an Minenschächten und Ziegelstein-Schornsteinen, Orte, an denen die Natur sich ihr Gebiet zurückerobert. Im Studentenwohnheim von Gliwice teilen sich die Bergbau-Studenten der Technischen Hochschule zu zweit ein Zimmer und zu viert eine Küche. Bei Adrian Grzesiok hat der Computer einen Ehrenplatz, er thront neben seinem kaum ausgepackten Koffer. „Ich war dieses Wochenende bei meinen Eltern in Bojszowy“, entschuldigt sich der Student im vierten Jahr Bergbaustudien.

Für Adrian hat sich der Bergbau nahezu aufgedrängt, „ohne zu Zögern“. Seine Familie lebt nur fünf Kilometer vom Bergwerk entfernt, niemand hier entkommt dem Bergbau, auch Adrians Bruder nicht. Nach dem Studium zieht es Adrian wieder nach Hause, zurück in sein Elternhaus. Um seine Zukunft macht er sich keine Sorgen: „Das hängt von den Entscheidungen ab, die ganz oben getroffen werden. Aber es ist unmöglich, alle Bergwerke zu schließen. Und außerdem macht die technologische Entwicklung es möglich, dass man Kohle gewinnen kann, welche bisher nicht rentabel war.“

Nichts lässt beim Anblick dieses jungen Mannes mit blaugefärbten Haaren und gepierctem Ohr auf eine tiefe Verbundenheit zu Traditionen schließen. Und dennoch: Der Bergbau gehört entschieden zu ihm. Adrian erzählt: „Die Schlesier sind mit der Familie und den Traditionen verbunden. Wir haben unsere eigenen Gerichte wie die Rolada (Rindsroulade mit Gewürzgurke, Anm. d. Red.), aber auch unseren Dialekt. Meine Großeltern sprachen ihn, sie sind zu früh gestorben, als dass ich ihn hätte lernen können. Ich gehe auch zur Messe, aus Überzeugung und auch aus Tradition.“

Er gibt zu, dass die Gehaltsbedingungen Ingenieure in anderen Industriezweigen wohl kaum eifersüchtig machen werden, aber er schätzt die kostenlose Kohle zum Heizen und andere Vorteile in natura. Was die Gefahr im Bergwerk betrifft, so schafft er es nicht, diese zu hundert Prozent auszublenden. Umso mehr, weil seine Eltern und auch schon seine Großeltern vor ihnen an Lungenerkrankungen litten.

Łukasz Wojcik hätte eigentlich nie wieder arbeiten müssen. Der 30-jährige Elektriker lebt in der Arbeiter-Gartenstadt in Nikiszowiec. Mit ihren adretten Backstein-Fassaden und ihren bebaumten Plätzen ist sie eines der schönsten Viertel von Katowice, eine moderne Stadt, die von einer Autobahn durchquert wird. Gebaut vor dem Ersten Weltkrieg, als dieser Teil Schlesiens noch zu Deutschland gehörte, beherbergt Nikiszowiec seitdem Generationen von Bergarbeitern.

Łukasz hat ein technisches Gymnasium besucht und arbeitet im Steinkohlebergwerk Wieczorek, 900 Meter unter dem Meeresspiegel. Am Wochenende trifft er seinen Kollegen Robert, der bereits Vater ist und seine kleine Tochter in den Sandkasten setzt. „Hier kennt jeder jeden. Es ist ein bisschen wie im Bergwerk, es herrscht Solidarität.“ Łukasz hatte unter Tage einen Unfall. Aber er ist zurückgekommen. Aus Entschlossenheit, sicherlich aber auch, weil er keine andere Wahl hatte: „Ich bin Elektriker im Bergwerk. Und was sollte ich auch sonst machen?“

Aus dem anglais, français, allemand, espagnol, italien, catalan, polonaisen von Julia Korbik

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