Damals im Dezember waren viele verblüfft, als ein kroatisches Mitglied des Europäischen Parlaments neue Vizepräsidentin der Europäischen Kommission für Demokratie und Demografie wurde. Die Kroaten waren besonders überrascht. Dubravka Šuica, eine ehemalige Bürgermeisterin von Dubrovnik, hatte sich nie für ihren Beitrag zur Demokratie oder zur Demografie einen Namen gemacht.

Die Ernennung von Šuica erscheint umso absurder, als Kroatien zu den EU-Mitgliedstaaten gehört, die von der jüngsten demografischen Krise in Mittel- und Südosteuropa am stärksten betroffen sind. Wenn Šuica diese Aufgabe auf europäischer Ebene anvertraut wurde, basiert ihre Ernennung dann nicht auf ihren einschlägigen Errungenschaften in Kroatien? Leider nicht. Scheinbar weiß sie nichts von all den jungen Leuten, die nach Irland und Deutschland auswandern, den leeren Dörfern in Slawonien, wo ein Haus nicht mehr kostet als ein Gebrauchtwagen, oder den leeren Schulen im ganzen Land, wo allein 2019 40 Schulklassen verschwanden. Allerdings muss sie die offiziellen und inoffiziellen Statistiken gekannt haben: Die Geburtenrate von 1,4 Kindern pro Frau und die 200.000 Menschen, die im letzten Jahrzehnt das Land verlassen haben.

Vielleicht beabsichtigt sie, diese Krise jetzt zu lösen, indem sie diese ganz oben auf die Tagesordnung setzt, während Kroatien die EU im ersten Halbjahr 2020 steuert? Leider gibt es absolut keine Anzeichen für eine solche Absicht.

In einem kürzlich erschienenen Artikel macht der Journalist und Balkanexperte Tim Judah auf einige beunruhigende demografische Prognosen aufmerksam. Judah sagt voraus, dass Kroatien bis 2050 mit 22 Prozent weniger Einwohnern ein armes Land sein wird, das von alten Menschen bewohnt wird, die niemanden mehr haben werden, der für sie sorgt. Und auch wenn das kein wirklicher Trost ist, steht fest: Kroatien ist nicht allein. Heute leben über 20 Millionen EU-Einwohner (etwa 4 Prozent) in einem anderen Mitgliedstaat als ihrem Herkunftsland. Und dieser Prozentsatz wächst weiter. In den nächsten Jahrzehnten wird Bulgarien etwa 39 Prozent seiner Bevölkerung verlieren, gefolgt von Rumänien mit 30 Prozent und Polen mit 15 Prozent. Was die Nicht-EU-Länder in der Region betrifft, so werden sowohl Serbien als auch Bosnien und Herzegowina etwa ein Drittel ihrer Bevölkerung verlieren, und Albanien 18 Prozent.

Der Bevölkerungsrückgang ist in dieser Region keineswegs ein neues Phänomen: Von der Massenauswanderung in die USA zu Beginn des 19. Jahrhunderts bis hin zu den Gastarbeitern, die Ende der 1960er und 1970er Jahre zu Hunderttausenden Jugoslawien in Richtung Deutschland und andere westeuropäische Länder verließen, und damit die jugoslawische Wirtschaft retteten. Viele kehrten zwar nie zurück, aber das Gleichgewicht wurde durch eine hohe Geburtenrate aufrechterhalten. Diese Situation hat sich nun verändert. Und mit den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien in den 1990er Jahren verlor Kroatien mehr als 300.000 Menschen: Entweder als Opfer, Flüchtlinge oder Auswanderer. Schließlich hat die jüngste Migrationswelle in den Westen die Bevölkerung auf unter vier Millionen reduziert.

Die neue Welle der innereuropäischen Migration ist jedoch anders. Zum ersten Mal in der Geschichte erlebt diese Region Europas eine echte Talentabwanderung (braindrain). Früher waren diejenigen, die weggegangen sind, ungelernte Arbeiter. Heute sind es die hochqualifizierten Arbeitskräfte: Von den berüchtigten „polnischen Klempnern“, die Frankreich vor einigen Jahren Angst gemacht haben, bis hin zu Elektrikern, Technikern und verschiedenen IT-Experten. Noch nie zuvor hatten 32 Prozent dieser „mobilen EU-Bürger“ (wie sie genannt werden) einen Universitätsabschluss. Unterdessen müssen die Bulgaren und Rumänen mit einem gravierenden Mangel an spezialisierten Ärzten und Krankenschwestern zurechtkommen. Das Problem ist so groß, dass ein ehemaliger rumänischer Minister tatsächlich vorgeschlagen hat, eine Gesetzgebung gegen eine länger als fünf Jahre andauernde Auswanderung zu erlassen.

Außerdem wandern die jungen Menschen nicht mehr allein aus, sondern nehmen ihre Familien mit: Ein klares Zeichen dafür, dass sie beabsichtigen, für immer wegzugehen. Auch die Beweggründe haben sich geändert: Zahlreichen Studien zufolge sind die Gründe für die Abwanderung nicht mehr ausschließlich wirtschaftlicher, sondern auch sozialer Art. Häufig werden Themen wie Korruption, Ungerechtigkeit und mangelnde Hoffnung auf eine bessere Zukunft als Gründe für die Auswanderung genannt.

Während der Westen den Arbeitskräftemangel zumindest teilweise durch Zuwanderung ausgleicht, und Polen zum Beispiel viele Arbeitskräfte aus der Ukraine aufnimmt, stehen kleinere Länder im Osten vor einem Problem. Hier herrscht Ethno-Nationalismus, und die Angst vor einer verschwindenden Nation ist groß. Diejenigen, für die 1989 auch die Bildung eines ethnisch homogenen Staates bedeutete, begrüßen die Idee der Einwanderung von außerhalb Europas nicht. Stattdessen wird ernsthaft über eine Einschränkung der Auswanderung nachgedacht. Der erwähnte rumänische Minister ist nicht allein. Etwa die Hälfte der Ungarn und Polen teilen seinen Wunsch, wie Stephen Holmes und Ivan Krastev in ihrem jüngsten Buch „Das Licht, das erlosch: Eine Abrechnung “ feststellen.

Bisher scheitern nationale Strategien, weil nationalistische Regierungen, die sowohl von der katholischen als auch von der orthodoxen Kirche unterstützt werden, immer wieder an den Patriotismus appellieren, anstatt die Grundbedürfnisse zu sichern. Dabei würden gerade Arbeitsplätze und Wohnungskredite die jungen und gebildeten Menschen und ihre Familien in ihrem Land halten. Das ist nicht schwer zu verstehen: Die Menschen würden bleiben, wenn sie eine Zukunft für sich und ihre Kinder sehen könnten. Aber das ist das Letzte, was die Regierungen zu erfüllen scheinen. Stattdessen verschärfen ihre Lügen und leeren Versprechungen ein tiefes Misstrauen gegenüber der politischen Elite, was wiederum zu einem weiteren Grund für Auswanderung wird.

Angesichts sinkender Geburtenraten sind Reformen wie die in Finnland, wo Gesundheits- und Sozialministerin Aino-Kaisa Pekonen Anfang des Monats die Einführung eines siebenmonatigen gleich bezahlten Elternurlaubs für jeden Elternteil angekündigt hat, zwangsläufig wirksam. Dies sind jedoch keine realistischen Vorschläge für Osteuropa. In Kroatien hat die Regierung kürzlich ein neues Ministerium für Demografie, Sozialpolitik und Jugend gegründet, um die Krise zu bewältigen. Doch selbst wenn ein solches Ministerium endlich einige sinnvolle Initiativen auf den Weg bringen könnte, wird es an ausreichenden Mitteln für die Umsetzung fehlen.

In diesem Zusammenhang kann die neu ernannte Vizepräsidentin für Demokratie und Demografie nicht umhin, die leeren Versprechungen der Vergangenheit zu wiederholen. Es wird noch einige Zeit dauern, bis sie und die Europäische Kommission die demografische Revolution, die im Herzen Europas stattfindet, endlich zur Kenntnis nehmen.

Dieser Artikel wird in Zusammenarbeit mit Eurozine veröffentlicht.