Während in den sozialen Netzwerken Bilder von leeren Supermarktregalen und Anleitungen zum Händewaschen kursieren, agieren europäische Politiker im Spannungsfeld zwischen Beschwichtigung vor Panikmache und Vorbereitung auf einen möglichen Gesundheitsnotstand.

In Italien, dem ersten europäischen Land, in dem sich das Coronavirus rasant ausbreitete, erlebten die Krankenhäuser und Gesundheitshotlines einen Ansturm von Patienten und besorgten Bürgern. Andere europäische Nationen beobachten die Entwicklungen dort genau und ziehen ihre Schlüsse daraus, wie man im eigenen Land auf einen ähnlichen Ausbruch reagieren kann. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) warnt, die Wahrscheinlichkeit für ein gehäuftes Auftreten von Coronavirus-Erankungen wie in Italien sei in Europa weiterhin moderat bis hoch. Deshalb sei mit Engpässe in der Gesundheitsversorgung zu rechnen.

An vorderster Front bei der Bekämpfung eines Ausbruchs stehen Krankenhäuser und medizinische Dienste. Besonders benötigt werden Covid-19-Tests, Quarantänestationen zur Isolierung von Fällen und Schutzausrüstung. Ebenso hoch ist der Bedarf an Ärzten und Pflegekräften sowie an Intensivbetten für den kleinen Teil der Patienten, bei denen die Krankheit zu einem Organversagen führt.

Bei aller Anstrengung der Nationen um die Ausarbeitung von Aktionsplänen darf nicht außer Acht gelassen werden, dass in Europa große Unterschiede im Hinblick auf Umfang und Leistungsfähigkeit der staatlichen Gesundheitsversorgungen bestehen. Das zeigt die ländervergleichende Studie Sustainable Governance Indicators (SGI) 2019 der Bertelsmann Stiftung, die unter anderem der Frage nachgegangen ist, inwieweit nationale Gesundheitspolitiken eine qualitativ hochwertige, allen zugängliche und kosteneffiziente Gesundheitsversorgung ermöglichen.

Fast zwei Drittel der europäischen Länder erfüllen weitgehend die Kriterien Qualität, Zugänglichkeit und Kosteneffizienz. Zehn Länder erfüllen diese Standards jedoch nur teilweise. Auf dem letzten Platz der Rangliste steht Ungarn, das nur drei von zehn möglichen Punkten erzielt. Das ungarische Gesundheitsbudget ist eines der niedrigsten in der OECD und die Pro-Kopf-Ausgaben liegen nur bei etwa der Hälfte des EU-Durchschnitts.

Vorbereitung der Krankenhäuser, neue Finanzierung

Obwohl die Weltgesundheitsorganisation noch nicht von einer Pandemie sprechen will, breitet sich das Virus innerhalb Europas, befördert durch die miteinander verflochtenen Volkswirtschaften, rasant aus. Nachgewiesen wurde das Virus in Italien zuerst im Norden. Bis zum 5. März waren schon 19 von 20 italienischen Regionen betroffen und 107 Menschen an der Viruserkrankung gestorben. Das veranlasste Premierminister Giuseppe Conte schließlich vor einer möglichen Überforderung des Gesundheitssystems zu warnen.

Infolge steigender Infektionszahlen und zunehmender Angst in der Öffentlichkeit rief Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ein Corona-Reaktionsteam aus fünf EU-Kommissaren ins Leben, das die Arbeit zur Eindämmung koordinieren soll. Sie unterstrich, dass die komplexe Situation schnelles Handeln und starke Koordinierung auf EU-Ebene und zwischen einzelnen Regierungen erfordere.

Auch auf nationaler Ebene wird gehandelt: Frankreich hat 108 Krankenhäuser, mindestens eines in jeder Region, darauf vorbereitet, Coronavirus-Patienten zu isolieren und zu versorgen. Laut Gesundheitsminister Olivier Veran können Labore in Krankenhäusern in Paris und Marseille 1.400 Patienten pro Tag testen. In Deutschland hat das Gesundheitsministerium 23 Millionen Euro für Coronavirus-Maßnahmen bereitgestellt. Der National Health Service in Großbritannien hat ebenfalls einen Aktionsplan erstellt, auch wenn fraglich bleibt, ob das unter Druck stehende Gesundheitswesen, das seit der Finanzkrise im Jahr 2008 Ausgabenkürzungen zu verzeichnet hat, in der Lage sein wird, einen plötzlichen Patientenanstieg zu verkraften.

Krankenhäuser trifft Corona auf dem Höhepunkt der Grippewelle

Auch Eurostat-Daten zeigen Qualitätsunterschiede zwischen den europäischen Gesundheitssystemen. So hat Deutschland mit seiner im europäischen Vergleich hervorragenden Gesundheitsversorgung fast dreimal mehr Krankenhausbetten pro 100.000 Einwohner als Großbritannien. Der jüngste SGI-Länderbericht Großbritannien zeichnet das Bild eines nationalen Gesundheitssystems, das in eingeschränktem Umfang Mängel aufweist: „Im Winter sind ‚Krisen‘ in der Gesundheitsversorgung zur Norm geworden, wenn Krankenhäuser in Schwierigkeiten gerate, sich aller Notfälle anzunehmen, und Routineoperationen aufgrund fehlender Kapazitäten an freien Betten abgesagt werden müssen. (…) Neuere Untersuchungen bestätigen dem Gesundheitsdienst ein hervorragendes Angebot an klinischer Versorgung, aber auch häufige Überlastung.“

Aus der Gesundheitsverwaltung und von Intensivärzten in Großbritannien hört man Warnungen, dass System sei für den Kampf gegen das Coronavirus nicht gewappnet Besonders für ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen könne das lebensbedrohlich werden. Letzte Woche änderte sich die offizielle Strategie Großbritanniens im Umgang mit der Krankheit: Von der Eindämmung verlagern sich die Bemühungen jetzt auf den Versuch, die Ausbreitung zu verlangsamen. Man gibt damit zu, dass sich die Krankheit so weit verbreitet hat, dass es unmöglich ist, Übertragungsketten zu verfolgen. Der neue Ansatz besteht darin, die Zunahme von Fallzahlen in der Notfallversorgung zu verlangsamen und auf diese Weise den Gesundheitsdienst zu entlasten, der schon mit den vielen Grippepatienten zu kämpfen hat.

Das ECDC warnt ebenfalls in seinem täglichen Lagebericht, die Gesundheitsversorgung in ganz Europa könne durch die Zeitgleichheit mit der Influenza-Saison in Mittleidenschaft gezogen werden. „Wenn sich dann noch eine beträchtliche Zahl von Beschäftigten im Gesundheitswesen infiziert, könnte es zu einer weiteren Verschärfung kommen“, schreibt die Behörde und schließt: „Eindämmungsmaßnahmen zur Verlangsamung der Ausbreitung des Virus in der Bevölkerung sind daher äußerst wichtig.“