Der "Bericht über die jährlichen Fortschritte der Türkei auf dem Weg zum EU-Beitritt" gilt als eine Art "Zeugnis", in welchem die Europäische Kommission die von der Türkei unternommenen Maßnahmen der vergangenen Jahre bewertet. Zum ersten Mal haben wir den Bericht ohne jegliche Begeisterung gelesen. Klar waren wir gerade in Kasachstan, also weit weg von der Türkei und noch viel weiter von Brüssel entfernt, aber das mangelnde Interesse in den vergangenen Jahren ist nicht nur geographisch zu begründen. Sicher haben die Umgebung, in der wir uns befanden, und die dort herrschende Dynamik um uns herum uns beeinflusst. Tatsächlich hat der Bericht 2009 in Kasachstan wirklich niemanden interessiert. Um ganz ehrlich zu sein haben alle darauf gepfiffen. Gerade als wir versuchten, seine Bedeutung zu erwähnen, erwiderte man uns sogleich: "Vergesst Europa ganz einfach und schaut lieber nach Asien!" Andere, die entweder taktvoller oder diplomatischer waren, sagten uns: "Sicher wäre es schade, wenn Ihr den so langen Weg nach Europa aufgeben würdet. Jedoch solltet Ihr irgendwo im Hinterkopf bewahren, dass Ihr eines Tages begreifen werdet, dass Ihr vor allem hier Eure wirklichen Ziele erreichen könnt."

In der Tat ist es ganz offensichtlich, dass die Zukunft der Türkei, aber auch die Europas, sich größtenteils in Zentralasien abspielen wird. Sogar der "kleine Napoleon" Europas, der normalerweise nicht die geringste Kritik verträgt – der französische Staatspräsident Nicolas Sarkzoy –, ist Anfang Oktober untertänigst bis Astana gereist. Die Böden Kasachstans verfügen in Hülle und Fülle über Erdöl, Erdgas und Uran. In kürzester Zeit wird diese Region als neues Norwegen, Kanada und Australien gelten und von vielen Seiten begehrt werden. Die unendliche Weite dieses Landes, welches viermal so groß ist wie die Türkei, aber noch nicht einmal dreißig Millionen Einwohner zählt, bietet zahlreiche Möglichkeiten. Die Türkei hat sich übrigens schon Teilgrundstücke dieser Gebiete sichern lassen.

Unter diesen Bedingungen sind die Kommentare zu dem Bericht über die Fortschritte, die uns erklären, dass "der Ton dieses Berichtes gemäßigter ist als in den vergangenen Jahren" und dass "die Erwartungen und Ansprüche der Europäischen Union gegenüber der Türkei viel angemessener sind", ein einziger Witz. Aber natürlich werden wir die EU nicht zum Narren halten, indem wir ihr sagen, dass uns das wenig kümmert, weil wir ja jetzt unser "Eurasien" haben. Gewiss wird die Europäische Union auch in Zukunft "unser Weg" sein, aber sie ist nicht mehr unser "einziger Weg". Aber abgesehen davon sagen wir: Herzlichen Glückwunsch zu diesem Bericht!