Im Buch Genesis, Kapitel 11 heißt es: "Alle Menschen hatten die gleiche Sprache und gebrauchten die gleichen Worte." Die Überlebenden der Sintflut beschlossen, ihre glückliche Rettung auf eine altehrwürdige Art und Weise zu feiern: mit triumphaler Architektur. Dieses Vorhaben beschreibt die Bibel mit den Worten "Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel." "Machen wir uns damit einen Namen," sagten Noahs Nachfahren, "dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen."

Pech gehabt, denn dem Alten Testament zufolge ist der Drang der Menschheit, sich einer gemeinsamen Sache zu widmen, dem Herrn nicht gefällig. Die Idee, dass Männer und Frauen Göttern gleich sein sollten, war daher ein Schuss in den Ofen, und das zum Scheitern verurteilte Projekt hieß Babel. Der King-James-Bibel zufolge "verwirrte der Herr dort die Sprachen der ganzen Erde." Obendrein zerstreute er die Völker mit ihren unterschiedlichen Sprachen über die ganze Welt.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist die Welt nach wie vor ein Patchwork aus über 5.000 verschiedenen, miteinander wetteifernden Sprachen. Für alle jedoch, die nach wie vor von einer Einheitssprache träumen, waren die Aussichten nie so gut: 2011 war für die Kunst der Übersetzung ein außerordentliches Jahr. Ob es möglich wäre, noch einmal mit dem Turmbau zu Babel zu beginnen? Viele Sprachwissenschaftler akzeptieren heute die bahnbrechende Erkenntnis des Philosophen Noam Chomsky, dass alle Erdbewohner trotz unverständlichen Vokabulars ein und dieselbe Sprache sprechen. Chomsky zufolge wäre dies der Eindruck, den ein Besucher vom Mars hätte. Aus verschiedenen Gründen stehen wir so kurz davor wie nie, diese Einheitssprache verständlich zu machen.

Dem Einfluss der internationalen Medien ist es zu verdanken, dass der Markt für übersetzte Literatur so groß ist wie nie zuvor. Die Standardsprache für solche Übersetzungen ist britisches oder amerikanisches Englisch. Die Übersetzungen haben mitunter so wenig mit dem Original gemeinsam wie die Vorder- und Rückseite eines Orientteppichs, was das Interesse an ihnen jedoch nicht zu schmälern scheint.

Das Interesse an ausländischen Romanen – Stieg Larssons Millennium-Trilogie oder 1Q84 von Haruki Murakami – förderte eine Tendenz, die Superstars der internationalen Literatur wie Umberto Eco, Roberto Bolaño und Péter Nádas neues Publikum brachte. Der Trend, internationale Literatur in Übersetzung auf den Markt zu bringen, war wahrscheinlich seit den 1980er Jahren, als die Romane von Milan Kundera, Gabriel García Márquez und Mario Vargas Llosa zu internationalen Bestsellern wurden, nicht so stark gewesen.

Bühne frei für Übersetzer

Neue Ausgaben von Tolstois Krieg und Frieden, Flauberts Madame Bovary und Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit haben sonst eigentlich eher scheue, überforderte Übersetzer ins Rampenlicht gebracht. David Bellos, dessen neues Werk Is That A Fish In Your Ear? Translation and the Meaning of Everything im vergangenen Herbst veröffentlicht wurde, beobachtet beispielsweise, dass in Japan "Übersetzer wie Rockstars sind". Sie haben dort sogar ihre eigene Starklatsch-Veröffentlichung mit dem Titel "Das Leben der Übersetzer 101."

Die explosionsartig gestiegene Interesses an neuen Romanen wäre ohne eine beeindruckende Zahl undenkbar: Dem British Council zufolge, der sich hierbei auf viele andere zuverlässige Quellen stützt, verfügt ca. die Hälfte der Weltbevölkerung, also 3,5 Milliarden Menschen, über irgendeine Art von Kenntnis der englischen Sprache. Und zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit wurde es möglich, dass eine Sprache sozusagen in die ganze Welt übertragen und dort auch empfangen werden kann. Dieses nie dagewesene linguistische Phänomen wird durch den unglaublichen Einfluss der internationalen Medien unterstützt. Lindsey Hilsum, Auslandsredakteurin bei Channel 4 News, berichtet, wie sie nach der Bedeutung eines arabischen Graffitis auf einer Mauer in Tripolis fragte. Als Antwort erhielt sie eine Übersetzung, die eine Art komisch-unpassender, transkultureller Wink war: "Gaddafi, du bist das schwächste Bindeglied. Tschüss."

Wen überrascht es angesichts dieses erweiterten Horizonts, dass Google bei dem, was zur Revolution des Umfangs und der Techniken der Übersetzung wird, führend ist. Die Google-Lösung für ein durch und durch menschliches Problem ist die Einführung eines Computers, der dem heiligen Gral der künstlichen Intelligenz nahe kommt und "natürliche Sprache" zu übersetzen in der Lage ist. Google Translate durchforscht riesige Archive übersetzten Materials und leitet mit Hilfe von Wahrscheinlichkeit die in Anbetracht des Kontexts zutreffendste Bedeutung ab. Hierzu nutzt Google Translate eine Datenbank mit mehreren Billionen Wörtern aus so unterschiedlichen Quellen wie UN-Unterlagen, Harry Potter-Romanen, Presseberichten und Schriftwechsel zwischen Unternehmen.

Die ideale Übersetzung gibt es nicht

Letztendlich hängt der Traum von einer echten Einheitssprache von perfekter Übersetzung ab. Neben den Lektionen, die wir aus dem Turmbau von Babel lernen können, sind in der Bibel noch zahlreiche andere Belehrungen zu finden. Besonders dieses Jahr, da der 400. Jahrestag eines Monuments der Sprache, nämlich der King-James-Bibel, gefeiert wird. Das Jubiläum gab sowohl Anlass zum Feiern als auch zum Nachdenken darüber, ob es überhaupt je eine ideale oder endgültige Version eines solchen Werks geben kann. Spiegelt nicht jede neue Fassung den gesellschaftlichen und kulturellen Hintergrund wider, vor dem ein Übersetzer tätig ist?

Das Schicksal der verschiedenen Bibelübersetzungen in die englische Sprache zeigt, wie schwierig es ist, Texte in einer Sprache, die sich ständig weiter entwickelt, auf zeitlose Art und Weise wiederzugeben. Anhänger der King-James-Bibel, einer Übersetzung aus der Zeit Shakespeares, finden moderne Übersetzungen lächerlich. So ersetzt die New English Bible beispielsweise die "Wölfe im Schafspelz" durch einen Ausdruck, der auch von den Monty Python stammen könnte: "als Schafe verkleidete Männer".

Trotz des Übersetzungs-Booms und der zahlreichen technischen Durchbrüche im Hinblick auf die Art und Weise, wie wir einander verstehen, ist dies noch längst nicht der letzte Streich von Wittgensteins Sprachspielen. Google Translate wird in der Tat in vielen Sprachen der Welt noch lokale Versionen des Frankfurter Rätsels lösen müssen. Hierbei handelt es sich nicht um eine harte Nuss der deutschen Sprache, sondern um die Antwort auf eine einfache Frage: Was meint man mit "Hot Dog" auf Englisch? Ein Brötchen mit einer heisser Wurst oder einen jungen Hund?

Übersetzung aus dem Englischen von Angela Eumann