Das Thema der Kollaboration von Geistlichen mit dem kommunistischen Regime und seinem Geheimdienst ist in der Slowakei tabu. Stellt die Affäre um den slowakischen Erzbischof Ján Sokol, die nun nach seiner Abberufung bekannt wurde, einen Kurswechsel dar? Ján Sokol, Erzbischof von Bratislava, ist im April in den Ruhestand getreten. In ihm verkörpert sich der mangelnde Willen und die Unfähigkeit der slowakischen katholischen Kirche, sich mit den Schattenseiten ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen — während der faschistischen ersten Slowakischen Republik und während der Zeit der kommunistischen Tschechoslowakei.

Die Wochenzeitschrift Týždeň war es, die vor ein paar Tagen den letzten Skandal um den umstrittenen Kirchenfürsten enthüllte. Sokol hätte 1998 eine halbe Milliarde slowakische Kronen auf das Konto seines Vertrauten und ehemaligen Agenten des StB (des tschechoslowakischen Geheimdienstes) Štefan Náhlik überwiesen. In Wahrheit spitzelte Sokol, ehedem im Untergrund Novize des Franziskanerordens, für den StB schon seit 1982. Er agierte also gegen seine Glaubensgenossen. Er war zudem als Spitzel eine Schlüsselfigur bei der Vorbereitung der Aktion "Vir" (Wirbel) des StBs gegen den Franziskanerorden. Der Zeitung zufolge hätte Sokol den Betrag durch Verkäufe von kirchlichen Grundstücken zusammengetragen. Warum solch eine Veruntreuung? Was ist aus dem Geld geworden? Beide Fragen sind bis heute ohne Antwort geblieben. Sokol selbst weist die Vorwürfe aufs Schärfste zurück.

Der Skandal sorgte zwar für Schlagzeilen, überraschte aber niemanden. Die einzige Überraschung war die Reaktion der Kirche, die diese Informationen als wichtig genug erachtete, um eine Untersuchung ins Leben zu berufen. Laut slowakischer Medien, hat sich der Vatikan selbst des Falles angenommen.

Für die katholische Kirche der Slowakei ist der Rücktritt Sokols eindeutig eine Erleichterung. Sokol stellt einen der schwärzesten und hartnäckigsten Flecken in der nicht blütenweißen Geschichte der Kirche dar. In den achtziger Jahren stieg er mit dem Segen des kommunistischen Regimes zum Bischof auf. Damals schon stand er als Agent auf den Listen des Geheimdienstes. Die Tageszeitung SME veröffentlichte Dokumente, die nachweisen, dass er aktiv als Spitzel tätig war und dem Geheimdienst Geld und wertvolle Informationen verschaffte. Bereits während des zweiten Weltkriegs kollaborierte er mit dem faschistischen Regime der Slowakei unter dem Präsidenten und "Priesterkollegen" Jozef Tiso.

Wie konnte dieser Mann nach November 1989 erfolgreich seine Karriere innerhalb der Kirche fortsetzen? Und warum haben die katholischen Institutionen ihn bis heute immer unterstützt? Eine Erklärung findet man in einem Mythos, den sich die katholische Kirche der Slowakei schuf. Sie betrachtet als sich wichtigsten Kämpfer gegen den Totalitarismus – und als dessen Hauptopfer. Schluss der Diskussion. Fragen nach der Kollaboration von Geistlichen mit dem kommunistischen Regime und dem Geheimdienst sind tabu. Die Mehrheit der Gesellschaft, ebenso wie fast alle Politiker, teilen diesen Standpunkt.

Die slowakische Kirche unterscheidet sich von der tschechischen durch das positive Bild, das die Menschen insgesamt von ihr haben. Die Slowakei ist ein traditionell katholisches Land. Der letzten Volkszählung zufolge, bezeichnen sich 80 Prozent der Bevölkerung als Katholiken. Und sollte der informative Wert dieser Ziffer auch begrenzt sein (nur eine Minderheit sind wahrscheinlich praktizierende Katholiken), die große Mehrheit der Politiker legt großen Wert auf gute Beziehungen zur Kirche : sei es, weil sie mit ihr gleicher Meinung sind, sei es, weil sie den Einfluss der Kirche auf die Wähler fürchten.

Darüber hinaus repräsentiert die katholische Kirche im Kollektivbewusstsein etwas Positives und Starkes, ganz im Sinne dessen, wie die Slowaken sich traditionell selber sehen. Doch gerade diese Unberührbarkeit der Kirche ist das Haupthindernis, um ehrlich und in aller Offenheit die Vergangenheit aufzuarbeiten und um Menschen, wie den Erzbischof Ján Sokol, ihrer Ämter zu entheben.