Jeden Tag spielt sich das Gleiche ab: Nur wenige Meter vom Omonia-Platz entfernt bildet sich vor den Gittern des Rathauses in Athen Punkt 12 ein Menschenauflauf. Wie viele sind es? Etwa Hundert? Noch viel mehr? “Abends sind es zwei bis drei Mal so viele”, seufzt Xanthi, eine junge Frau, die “die Massen im Auftrag der Stadt steuert”.

Wenn sich endlich die Gitter öffnen, macht sich viel Hektik breit. Dann bildet sich eine lange Schlange bis zum Stand, an dem Diät-Cola und so etwas wie Kartoffelbrei in Plastikschüsseln verteilt wird. Es wird geschrien und gestritten. Alles muss sehr schnell gehen: Die Essensausgabe dauert nur eine halbe Stunde.

Mitten unter Aussteigern und Greisen in abgetragenen Kleidern fällt eine neue Kategorie ins Auge: Athener, für die es eine ganz neue Erfahrung ist, um Nahrung bitten zu müssen. Die meisten von ihnen lehnen Gespräche mit Journalisten ab. “Sie schämen sich”, verrät der 55jährige Sotiris, der seinen Job nach 25 Jahren bei einer Sicherheitsfirma verloren hat. Er erinnert daran, dass einem “in Griechenland nur ein Jahr lang Arbeitslosengeld zusteht.”

“Neuarme” oder “Obdachlose mit iPhone” nennt man sie in Griechenland. Ehemalige Angestellte der einst so zahlreichen kleinen und mittleren Unternehmen, die Pleite gegangen sind. Einstige Beamte, die den seit zwei Jahren um sich greifenden Sparmaßnahmen zum Opfer gefallen sind.

Kinder mit leerem Magen

Alle standen plötzlich ohne Job da. Hochverschuldet, wegen der Verbraucherkredite, die sie in den ‘fetten Jahren’ abgeschlossen hatten. Und diese sind gar nicht mal so lange her: Zwischen 2000 und 2007 verzeichnete [Griechenland] noch eine vielversprechende Wachstumsrate von 4,2 Prozent. Bis zur Bankenkrise 2008, die wie eine Bombe einschlug. Ende 2009 fiel die Wirtschaft mit dem rekordverdächtigen Haushaltsdefizit von 12,7 Prozent des BIP wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Ihr brüchiges Fundament wurde ihr angesichts der Spekulationsspielchen auf den Märkten zum Verhängnis.

Schwarzarbeit, Steuerhinterziehung, mangelhafte Verwaltung: Alles bekannte Übel. Und ein Großteil der Bevölkerung duldet die notwendigen Strukturreformen, die das in Brüssel das Sagen habende Tandem Merkel-Sarkozy, das man hier auch “Merkozy” nennt, fordert.

Dabei läuft mit den Sparkursen, die man den Ländern seit dem Frühjahr 2010 aufzwingt, so einiges schief. In erster Linie sind Arbeitnehmer und Rentner von ihnen betroffen: Während die Quellensteuern exponentiell steigen, sinkt ihr Einkommen, oder, werden sie entlassen, bleibt es ganz aus. Das Ergebnis? In zwei Jahren ist die Zahl der Obdachlosen um 25 Prozent gestiegen, und Hunger für viele zur Hauptbeschäftigung geworden.

“Ich begann, mir Sorgen zu machen, als erst ein, dann zwei und irgendwann zehn Kinder mit leerem Magen in die Sprechstunde kamen, weil sie am Vortag nichts zu sich genommen hatten”, erzählt der Präsident der griechischen Abteilung der Ärzte der Welt [frz. Médecins du monde], Nikita Kanakis.

Den Armen den Gürtel enger schnallen

Vor etwa zehn Jahren hatte die regierungsunabhängige Organisation in Griechenland eine Zweigstelle aufgebaut, um auf den sowohl plötzlichen als auch massiven Ansturm von mittellosen illegalen Einwanderern zu reagieren. “Seit einem Jahr sind es Griechen, die zu uns kommen. Leute aus der Mittelschicht, die nicht mehr ins öffentliche Krankenhaus gehen dürfen, weil sie keinen Anspruch mehr auf Sozialleistungen haben. Und seit sechs Monaten verteilen wir auch Nahrung. Wie in den Ländern der Dritten Welt”, berichtet Kanakis.

Auch wenn er einräumt, dass “die Schulden ein wirkliches Problem sind”, fragt er sich, “wie weit Brüssel mit seinen Forderungen wohl noch geht, wenn Kinder, die nur drei Flugstunden von Paris oder Berlin entfernt leben, nicht mehr versorgt werden können oder kein Essen mehr haben?”

Auf dem Syntagma-Platz mitten in Athen spielte sich am Donnerstag direkt gegenüber vom Parlament Ungewöhnliches ab: Bauern aus dem 83 Kilometer entfernten Thiva verteilten kostenlos 50 Tonnen Kartoffeln und Zwiebeln. Die im Fernsehen angekündigte Aktion schlug schnell in eine Massenunruhe um. Jeder stürzte auf die Stände zu. Wieder wurde geschrien und gestritten.

“Seit der Besetzung haben wir so etwas nicht erlebt”, wütet Andreas, der sich das Treiben aus sicherer Entfernung anschaut. Im Gedächtnis der Menschen ist die schreckliche Hungersnot, die man während der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg erlitten hatte, auch heute noch tief verankert.

Doch ist die Verwendung dieses Wortes für den rückkehrenden Hunger der Mittelschicht auch auf die Diktate Brüssels zurückzuführen. Und vielmehr noch auf diejenigen Berlins. “Alle drei Monate droht man uns mit einem unverzüglichen Bankrott und befiehlt uns, den Gürtel der Armen noch enger zu schnüren. Das Geld, das man uns verspricht? Dabei handelt es sich um Kredite, die nur dazu dienen, unsere Gläubiger auszuzahlen!”, schimpft Andreas.

Als Angestellter einer Schifffahrtsgesellschaft, die ihm seit Monaten kein Gehalt mehr zahlt, kann er nur lachen, wenn es um die mögliche Abschaffung des dreizehnten und vierzehnten Monatsgehalts im öffentlichen Dienst geht. “Um ihre Angestellten nicht zu bezahlen, berufen sich die Arbeitgeber auf die Krise”, beschwert er sich. Mit Blick auf den ehemaligen Königspalast fügt er hinzu: “Hier folgen 300 Idioten einer Regierung, die das Volk nicht einmal gewählt hat. Haben sie ihren Lebensstandard eingeschränkt? Noch immer verdienen die Parlamentarier sechzehn Monatsgehälter. Darum schert sich in Brüssel keiner.”

Anders als in Italien, wo das ganze Land angesichts der Krise zusammenzuckte, zeichnet sich der neue “technokratische” Regierungschef [Griechenlands], Loukas Papademos, vor allem durch sein Stillschweigen aus. Während das Land erneut darüber verhandelt, ob es auch in Zukunft existieren wird, und neue Sparmaßnahmen verspricht, gab er ein einziges Interview… der New York Times. Überzeugt fällt Andreas folgendes Urteil: “Wir leben in einer Wirtschaftsdiktatur. Und Griechenland ist das Labor, in dem man die Widerstandsfähigkeit der Völker testet. Nach uns sind andere Länder Europas dran. Und bald wird es keine Mittelschicht mehr geben.”