In der Ungarischen Nationalgalerie, die in der majestätischen Budaer Burg untergebracht ist, sind derzeit zwei vielsagende Ausstellungen zu sehen. Die erste, mit dem programmatischen Titel “Helden, Könige und Heilige” zeigt die bekanntesten Werke der ungarischen Romantik des 19. Jahrhunderts. Mit der zweiten [Titel: “Zeitgenössische Malerei zur Geschichte Ungarns”] werden mehr als hundert Jahre übersprungen.

Doch steht sie in direkter Kontinuität zur ersten. Die fünfzehn vom Kurator, einem persönlichen Mitarbeiter des Ministerpräsidenten, in Auftrag gegebenen Gemälde sollen eine Art Illustration der neuen ungarischen Verfassung, sowie eine Repräsentation der romantischen ungarischen Malerei zu Anfang des 21. Jahrhunderts sein.

Die beiden Ausstellungen haben noch etwas gemeinsam. Sie zeigen auf, was für die Regierung von Viktor Orbán wahre Kunst ist und wie sie ihren ästhetischen Kanon durchzusetzen gedenkt.

Eine gemeinsame Weltsicht

Auch wenn einige Gemälde durchaus von Qualität sind, so springt doch ins Auge, dass hier nicht Talent die Auswahl bestimmt hat. Das wichtigste war, dass der Kurator der Ausstellung, Imre Kerényi, und der Auftragskünstler eine gemeinsame Weltsicht teilten.

Kerényi, der sich vor 1989 mit der Inszenierung von kommunistischen Paraden einen Namen gemacht hat, brüstet sich damit, dass er die Künstler während ihres kreativen Prozesses angeleitet hätte, indem er ihnen Änderungen und Ergänzungen vorgeschlagen hätte.

Die Gemälde zeigen die wichtigsten Momente der ungarischen Geschichte. Highlight der Ausstellung ist ein Gemälde des Heiligen Stephanus, dem Gründer des ungarischen Staats, mit der neuen Verfassung an der Spitze seines Schwerts. Es soll Entschlossenheit symbolisieren, denn “die Annahme der neuen Verfassung war nichts für Menschen, die zögern oder Angst haben”, sagt der Maler. Und wenn Ministerpräsident Orbán nicht selbst als Held der Nation auf dem Bild zu sehen ist, dann nur deshalb, weil sich dessen Frau dagegen ausgesprochen haben soll.

Im Zentrum eines anderes Bildes steht Graf Albert Apponyi, Symbol der Märtyrer-Nation und ungarischer Delegationsführer bei den Friedensverhandlungen, die [am 4. Juni 1920 in Versailles] im Vertag von Trianon gipfelten

Die ausländischen Politiker, die die Spaltung des ungarischen Reichs ausmachten, werden hier symbolisch als Henker dargestellt. Freimaurer-Symbole komplettieren das Bild, um selbst dem dümmsten Betrachter klarzumachen, warum es dazu kam.

Das ehemalige Staatsoberhaupt Miklós Horthy [der das Land von 1920-1944 regierte], Symbolfiguer der Zwischenkriegszeit, wird hoch zu Ross gezeigt.

Doch kommt das Pferd nicht voran, da geheimnisvolle Hände die Zügel des Tiers festhalten. Eine klare Anspielung auf die Schwierigkeiten der Orbán-Regierung, dessen Auftrag, das Richtige zu tun, von dunklen Mächten aus dem Ausland und von Verrätern im Land, behindert wird.

Doch das Werk, das die meiste Empörung auslöste, hat auch den meisten Spott hervorgerufen. Es zeigt die Unruhen von 2006 [die gewaltsam unterdrückten Demonstrationen gegen die Regierung des Sozialisten Ferenc Gyurcsány anlässlich des fünfzigsten Jahrestags des Aufstands von 1956].

Anlehnend an das Motiv des Heiligen Georgs als Drachentöter, malte er Künstler einen ganz in schwarz gekleideten Polizisten, der hoch zu Ross eine in weiß gehüllte, am Boden liegende Frau attackiert. Der Künstler gab an, die Prinzessin symbolisiere die ungarische Nation, die von “dämonischen” Mächten aus dem Ausland mit Füßen getreten werde.

Politisch motivierte Mythologie

Das Bild ist sicherlich die perfekte Illustration des neuen künstlerischen Kanons, der zur Pflicht wird und als Instrument dienen soll, die einzig wahre Interpretation der Geschichte und der aktuellen Ereignisse darzustellen. Genauer gesagt, handelt es sich darum, Geschichte und Gegenwart zu verfälschen und durch eine politisch motivierte Mythologie zu ersetzen.

Im Grunde sind die Ausstellungen in der Budaer Burg nur die sichtbarsten Manifestationen dieses Phänomens. Sie versuchen mit allen Mitteln, eine — authentische — neue ungarische Kultur und nationale Mythologie einzuhämmern.

Die Anfang des Jahres in Kraft getretene neue Verfassung hat die Ungarische Akademie der Künste auf denselben Rang wie die Ungarische Akademie der Wissenschaften gehisst, dabei war erstere, trotz ihres pompösen Namens, lediglich ein privater Verein von nationalistischen Künstlern im Dunstkreis Viktor Orbáns.

Im Fernsehen gibt es beispielsweise eine Sendung, die sich ausschließlich den ungarischen Erfindungen und all dem widmet , was Ungarn der Welt gebracht hat. In einer anderen Sendung, Magyarország, szeretlek! [Ich liebe Ungarn!] gibt es Wettkämpfe von Teams aus ungarischen Sportlern und Prominenten vor malerischer ungarischer Kulisse [Das Spiel, ein niederländisches Format, gibt es auch in anderen europäischen Ländern].

Und damit die zweite Säule der Staatsideologie und Verfassung nicht vernachlässigt wird, gibt es auch gleich noch eine Familien Spielshow im Fernsehen rund um die Bibel. Damit ist die Patriotismus-Propaganda komplett. Alle diese Programme benutzen dieselben Kitsch-Kulissen wie das Privatfernsehen, was umso lächerlicher erscheint, dass die Regierung sich mit aller Anstrengung als Hüter der traditionellen Werte verkaufen will.

Die staatlich verordnete Kultur nimmt immer groteskere Züge an. Die fast manische Eigenwerbung erinnert an einen paranoiden Menschen mit Minderwertigkeitskomplex, der sich immer selbst von seiner Bedeutung überzeugen will und keinerlei Kritik duldet.

Und diese Kultur ist es, regierungstreu aber auch meistens zweitklassig, die über staatliche ungarische Kultureinrichtungen und über patriotische Vereine ins Ausland exportiert wird. (js)