Vor 20 Jahren, kurz vor dem Fall der Berliner Mauer, wurde mein Vater in einem bulgarischen Krankenhaus, das an alten Menschen Experimente vornahm, umgebracht. Zur Umsetzung meiner Trauer drängte sich mir ein Genre auf: der metaphysische Krimi "Le vieil homme et les loups" (Fayard, 1990), in welchem der alte Mann getötet wird, weil er sieht, wie sich die Menschen um ihn herum in Wölfe verwandeln. Und ein Text, "Bulgarie, ma souffrance", eine Reflexion über die kulturelle Tradition, insbesondere die Religion, die am Boden dieser seltsamen "Degeneration der politischen Integrität" schlummert, die heute von der Nichtregierungsorganisation "Transparency International" in Rumänien und Bulgarien diagnostiziert wird. Das politische Zeitgeschehen, mit der tiefgreifenden wirtschaftlichen, sozialen und politischen Krise, bringt mich wieder darauf zurück. Ich betone hier zwar die rumänische Situation, doch habe ich die ähnlichen Entwicklungen der beiden Nachbarländer im Auge. Sie stellen eine Frage, die lieber ignoriert wird: Stehen wir am Rande oder im Zentrum Europas?

Der Übergang vom Kommunismus zur EU erfolgte, ohne dass der alte Staatsapparat ersetzt oder ernsthaft restauriert wurde. Die lokalen Medien zerpflücken zur Genüge die Entstehung eines Phänomens, das Rumänien und Bulgarien zu den korruptesten Ländern der EU macht. Zur "hohen Korruption" der Landesführung, welche ehemalige kommunistische Kader in eine neokapitalistische Oligarchie verwandelt, kommt die "Korruption im Alltag": "Vitamin B", Schmiergelder noch und noch, Strategien des "Organisierens", Unterschlagung der öffentlichen Gelder usw.

Korruption: tragikomische Prozession von Skandalen

Schon 2002 schlug der GRECO (Staatengruppe gegen Korruption, ein Teilabkommen des Europarats) Alarm, doch das Europäische Amt für Betrugsbekämpfung (OLAF) verfügt weder über die nötigen Mittel noch die nötigen Kompetenzen, um die verschiedenen Korruptionsfälle innerhalb der Mitgliedsstaaten zu behandeln. Die Ineffizienz dieser Kooperations- und Kontrollmechanismen bringt Europa als solches in Misskredit. Brüssel kürzt die Subventionen für bulgarische Landwirtschaftsprojekte und Transportinfrastrukuren um 220 Millionen Euro und friert 600 Millionen ein, während es auf staatliche Maßnahmen gegen die Korruption wartet. Rumänien wird von der EU kritisiert, jedoch nicht sanktioniert.

Ob Angst, Feigheit oder faule Kompromisse unter dem Kommunismus des Ehepaars Ceaușescu – die Korruption zieht in der komplexen Wendelandschaft eine Prozession von tragikomischen Skandalen hinter sich her, während Nationalismus, Fremdenhass und Populismus sowohl mit dem gewerkschaftlichen Erwachen als auch mit dem Elend der Landbevölkerung und der unvermeidlichen "Roma-Frage" koexistieren.

Am Rand oder im Mittelpunkt Europas?

Die Roma... ein wenig diebisch, ein wenig gaunerisch? Oder, im Gegenteil, die europäischen Bürger schlechthin, da sie mobil und bewegungsfähig sind, und denen man nicht nur Schutz im Sinne der Menschenrechte, sondern auch einen Platz auf der politischen Bühne gewähren sollte? Ein schönes Paradox: Sind die Roma Rumänen? Typische Europäer? Oder sind sie gar die Universalmenschen? Und steht nun das arme Rumänien am Rand oder im Mittelpunkt Europas?

"Es muss mit der Maschinenpistole regiert werden", wiederholt Corneliu Vadim Tudor, ehemaliger Verfechter der Ceaușescus, der nun "von Gott erleuchtet" wurde, um "die Nation zu retten", und der gemeinsam mit dem Bulgaren Volen Siderov das große Kontingent der europäischen Fraktion "Identität, Tradition, Souveränität" repräsentiert, die direkt hinter dem Front National steht. Das rot-braune Gemisch, das den Ultranationalismus der extremen Rechten mit der kommunistischen Nostalgie eines schützenden Staates vereint, bekämpft sowohl die "politischen Medien" als auch die "privilegierten Minderheiten" (die Ungarn in Rumänien, die Türken in Bulgarien).

Die Kirche und die Kultur

"Kafkaeske Demokratie", "seltsame Kombination von Burleske und Byzantinismus"...: Der in New York lebende rumänische, jüdische Schriftsteller Norman Manea hat Recht. In unserer Eile, rechtliche und soziale Lösungen zu finden, vergessen wir darüber die kulturellen Quellen. Und um so mehr, da eine Umwertung der religiösen Traditionen geboten ist, welche die kulturelle Diversität Europas knüpft, stößt die Untersuchung hier an einen Akteur, dessen Bedeutung das säkularisierte Europa nach wie vor unterschätzt: die orthodoxe Kirche. In Verbindung mit dem Staat, der den Klerus bezahlt, und den Politikern, die der bevölkerungsverlockenden Orthodoxie engegenkommen, gibt die Kirche zu, mit der Securitate zusammengearbeitet zu haben, und beharrt darauf, sich an der Staatshandlung beteiligen zu wollen. Weit entfernt von einem geistlichen Leben, das auf die bürgerliche Bewusstwerdung und die öffentliche Integrität ausgerichtet ist.

Existiert die Europäische Kultur? Meine Antwort lautet Ja. Da sie der Selbstbesinnung fähig ist, über ihre Engpässe und ihre Schrecken, ist die europäische Kultur Trägerin dieser vielstimmigen Identität. Sie ist entwicklungsfähig und sich selbst erneuernd, und damit ist sie das einzige Gegengift zur Automatisierung der menschlichen Spezies; Vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer, von Ovid bis Ceaușescu, von der Securitate bis zum Nobelpreis von Herta Müller.