Griechenland: Manolis Glezos, ewiger Widerstand

Manolis Glezos im griechischen Parlament in Athen. 12. Februar 2012.
Manolis Glezos im griechischen Parlament in Athen. 12. Februar 2012.
22. Februar 2012 – El Mundo (Madrid)

Er ist 89 Jahre alt. Er ist eines der Gesichter der Proteste. Seit 70 Jahren ist er Mitglied der Kommunistischen Partei und ein Nationalheld, seit dem Tag im Jahr 1941, als er die Hakenkreuzflagge von der Akropolis holte.

Die Proteste in Griechenland haben viele Gemeinsamkeiten. Alle finden auf dem Syntagma-Platz statt. Die Mehrheit der Protestierenden sind friedliche Bürger, die entsetzt sind über die Sparmaßnahmen und die fehlende politische Führungskompetenz in dem, was als eines der schrecklichsten finanziellen Desaster der Geschichte bezeichnet werden darf.

Und es gibt noch einen Aspekt, der sich wiederholt. Ein aufgebrachter älterer Herr ist immer in Aktion: er steht ganz vorne, er ist immer mittendrin. Aber er ist kein Anführer.

Er ist ganz klar ein bekannte Persönlichkeit, aber er steht dort wie jeder andere Demonstrant auch. Er ist zwar älter und schwächer, aber er demonstriert genauso innbrünstig wie die anderen. Er ist immer in Streits verwickelt. Im März 2010 sprühte ein Polizist Tränengas auf ihn, als er vor den Toren des Parlaments protestierte, und man musste ihn mit Gewalt an einen sicheren Ort bringen. Diesen Monat wurde er an derselben Stelle wieder mit Tränengas besprüht, diesmal wurde er ohnmächtig und er musste auf die Krankenstation des Parlaments gebracht werden. Für die Polizei ist er ein Agitator. Er heißt Manolis Glezos. Er kämpft so seit 70 Jahren. Er ist jetzt 89 Jahre alt.

In der jüngeren Geschichte Griechenlands lassen sich vier prägende Ereignisse ausmachen: die Besatzung durch die Nationalsozialisten, der Bürgerkrieg, die Militärdiktatur und der Finanzzusammenbruch. Glezos hat alle vier Ereignisse miterlebt.

Symbol der Hoffnung für alle belagerten Nationen

Eine Begebenheit vom Anfang seines Lebens hat ihn für immer geprägt. In der Nacht des 30. Mai 1941, als die Nazis das ganze Land besetzt hatten, schlich er gemeinsam mit seinem Freund und Kameraden Lakis Santas durch eine Höhle hoch auf die Akropolis. Dort schafften sie es, die Nazifahne vom Mast zu entfernen und sich davonzuschleichen, ohne dass die Wachposten sie bemerkt hätten. Die symbolische Bedeutung dieser Geste war enorm. Der einfache Akt des Ungehorsams in den dunkelsten Stunden des Krieges ist zu einem Symbol der Hoffnung für alle belagerten Nationen unseres Planeten geworden.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs bedeutete für Griechenland nicht das Ende des Leidens. Es folgte ein vier Jahre währender Bürgerkrieg zwischen dem Militär, der neuen griechischen Republik und den kommunistischen Guerillas, die am effizientesten Widerstand gegen die Nazis geleistet hatten. Dieser Bürgerkrieg hat das Land aber noch mehr gespalten und gebrochen.

Manolis Glezos war ein herausragendes Mitglied der kommunistischen Partei und Direktor ihrer offiziellen Zeitung. In dieser Funktion wurde er oftmals verhaftet. Er erhielt zweimal die Todesstrafe und wurde aus dem Gefängnis heraus als Abgeordneter ins Parlament gewählt. Er hat insgesamt 16 Jahre seines Lebens im Gefängnis oder im Exil zugebracht.

“Glezos ist das Symbol des kollektiven Bewusstseins in Griechenland”, sagt Nilos Marantzidis, Politikprofessor an der Mazedonischen Universität in Thessaloniki. “Seine revolutionäre Tat während des Krieges war der entscheidende Moment in seiner Karriere. Aber seine politischen Ideen haben sich gewandelt. Der Glezos der 50er Jahre war ein ganz anderer als der Glezos der 80er Jahre. Aber wenn es in seinem Leben eine Konstante gibt, dann die Vorstellung, dass Griechenland eine geeinte Nation ist, die sich stets im Kampf gegen äußere Feinde befindet”.

“Parlamentswahlen sind heute die einzige Lösung”

In den 80er Jahren nahm Glezos als Mitglied der linksorientierten Bewegung EDA an drei Wahlen als Kandidat der sozialistischen PASOK teil. Deren Vorsitzender Andreas Papandreou hatte Griechenland durch die ganzen 80er Jahre hindurch regiert und den Nährboden für die immer wilder wuchernde Schuldenanhäufung durch einen korrupten Staat bereitet. “In den 80er Jahren ist in Griechenland ein neuer Diskurs entstanden, um sein Selbstbild und den Umgang mit der eigenen Vergangenheit zu beschreiben”, sagt Marantzidis. “Glezos war in der richtigen Position, um sich zum Brennpunkt dieses Diskurses zu entwickeln.”

Dies könnte eine Erklärung sein, warum Glezos als einmalige politische Figur so lange überleben konnte. Es ist nur wenigen gelungen, während der entscheidenden Momente des modernen Griechenlands so lange präsent zu bleiben. Und obwohl seine Überzeugungen sich auf seinem Lebensweg gewandelt haben, ist eine Sache für ihn immer klar gewesen. Für Glezos handelte es sich nicht um verschiedene Kämpfe. Es wurde ein einziger Kampf ausgetragen. Und dafür tritt er unermüdlich ein.

Die griechische Finanzkrise hat gegenwärtig einen entscheidenden Höhepunkt erreicht. In den letzten Jahren wurde eine Flut von Sparmaßnahmen verabschiedet, die der griechischen Wirtschaft mindestens genauso zugesetzt haben wie der Geduld der Bürger. Deshalb ist es unvermeidlich, dass die Menschen auf die Straße gehen. Und Manolis Glezos ist immer mit dabei, sowie sein Leidensgenosse in der Empörung, Mikis Theodorakis, ein legendärer Komponist von 87 Jahren.

Glezos ist mittlerweile ein alter Mann, aber man sieht ihm nicht an, dass er im September 90 Jahre alt wird. Wir reden über das, worüber viele Griechen heutzutage reden: über die Finanzkrise. “Parlamentswahlen sind heute die einzige Lösung”, versichert er. “Unser Wahlsystem ist ein einziges Chaos. Die Regierung ist meilenweit entfernt von den Problemen der Menschen. Wir brauchen Wahlen und wir brauchen Einigkeit unter den Parteien der Linken. Sie sollten ihre Differenzen beiseite legen und die Gelegenheit, an die Regierung zu kommen, beim Schopfe packen”.

“Ich habe 118 meiner Kameraden verloren.”

Glezos hat ganz klare Vorstellungen von der Zukunft seines Landes und er kann sie auch gut erklären: “Ich glaube, Griechenland sollte sich weigern, auch nur einen Euro dieser ‘scheußlichen’ Schulden abzubezahlen.” Er hat einen Fünf-Punkte-Plan für den Umbau seiner Wirtschaft parat. Er weiß genau, was zu tun ist, um die Schwerindustrie zu retten. Und er hat Vorschläge für die Restrukturierung der Energieinfrastruktur. Er ist auch der Ansicht, dass Griechenland die im Krieg entstandenen Reparationszahlungen von Deutschland einfordern sollte.

Eine weitere Konstante in seiner Karriere ist der Glaube an die absolute Demokratie, in das Recht der Menschen, sich selbst zu regieren. Als Bürgermeister seines Heimatdorfes Apiranthos auf der Insel Naxos hatte er 1986 ein kurz andauerndes System der Selbstregierung eingeführt. Man kann einige seiner Ideen als Spinnereien eines alten Mannes zurückweisen (was einige auch tun), aber niemand kann die Macht und Bedeutung seiner eigenen Symbolik oder die Art und Weise, wie er beides während dieser 70 langen Jahre eingesetzt hat (und sich treu geblieben ist), bestreiten.

Ich frage ihn, was ihn umtreibt, was seine Begeisterung während dieser langen Jahrzehnte des Kampfes entfacht. “118 Freunde” lautet seine Antwort. “Ich habe 118 meiner ehemaligen Kameraden verloren. Sie sind im Bürgerkrieg hingerichtet worden. In dieser Zeit haben wir uns vor jedem Kampf erzählt, welche Träume, welche Ziele wir erreichen wollen, denn wir wussten, dass nicht alle überleben würden. Wir wollten, dass die, die überlebten, einige dieser Träume umsetzen würden. Und ich habe all diese Kameraden überlebt.”

Aus dem Spanischen von Ramona Binder

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