Die letzten Beitritte zur Europäischen Union waren von der Furcht begleitet, dass Horden aus dem Osten nach Europa drängen könnten. Die Maßnahmen, den Zugang der Bürger aus den neuen Mitgliedsstaaten auf den Arbeitsmarkt zu beschränken, haben gegriffen. Das Schreckgespenst des "polnischen Klempners" hat funktioniert, bis die Kommission eine Bilanz zog und feststellte, dass sich die Zahl der polnischen Klempner in Frankreich auf ganze 147 begrenzte. Einige Länder der EU haben ihre Arbeitsmärkte allerdings immer noch nicht für die neuen Mitgliedsstaaten geöffnet. Österreich und Deutschland möchten die Übergangsbestimmungen bis 2011 aufrecht erhalten. Für Bulgarien und Rumänien bleiben die größten europäischen Märkte wie der britische, französische und deutsche verschlossen.

Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNPD) hat tausende von Daten zu Arbeitskraft und Migrantenflüssen zwischen 14 reichen Staaten der OECD (Einwanderungsländer) und 74 Auswanderungsländern in den Jahren 1980-2005 ausgewertet. Die Studie zeigt, dass die Immigration den Beschäftigungsgrad ansteigen lässt, ohne dass die einheimischen Arbeiter darunter zu leiden hätten, und dass Investitionen zunehmen. Die Vorteile von Immigration wirken sich zudem positiv auf den internationalen Handel, auf Technologietransfer und auf Fachkenntnisse aus.

EU verdiente 24 Milliarden Euro an EU-Immigranten

Für die Deutschen Klaus Zimmermann und Martin Kahanec, Autoren des Buches EU Labor Markets after Post-Enlargement Migration, ist die Migration eine bloße Umverteilung. Wenn die Einwanderer gut ausgebildet sind, ergeben sich durch ihre Migration vor allem für die wenig gebildete Bevölkerung der Gastländer Vorteile und umgekehrt. In jedem Fall reduziert die Migration soziale Ungleichheiten und füllt einige Nischen auf dem Arbeitsmarkt. Dank der Immigranten aus den neuen Mitgliedsländern hat die EU 24 Milliarden Euro verdient.

Die Frage der Migration ist momentan Gegenstand einer Denkfabrik zur Zukunft Europas, deren Vorsitz der ehemalige spanische Ministerpräsident Felipe González innehat. Die europäische Bevölkerung, die 1900 ein Viertel der Weltbevölkerung stellte, entspricht heute nur noch sieben Prozent davon und wird bis 2050 auf 5,6 Prozent fallen. In Europa herrschen zwei gegensätzliche demographische Strömungen vor: einerseits eine höhere Lebenserwartung, andererseits eine niedrigere Geburtenrate. Heute sind 35 von 100 Personen in der EU älter als 65 Jahre. 2050 werden es 73 sein. Um sich den demographischen Herausforderungen zu stellen, muss die EU innerhalb ihrer Grenzen Maßnahmen wie die Verlängerung der Lebensarbeitszeit ergreifen (was sicherlich Schwierigkeiten hervorrufen wird), aber sie muss sich auch nach außen öffnen. Ohne die neuen Immigranten wird die aktive Bevölkerung der EU nach und nach absinken, so dass uns 2050 ungefähr 72 Millionen Arbeiter fehlen werden!

"Wie noch nie zuvor dominiert das Thema der nationalen Identität die Diskussionen..."

Experten weisen darauf hin, dass die Migration in die EU einen höheren Stellenwert braucht, um besser ausgebildete Immigranten zu uns zu locken. Die USA, Kanada und Australien ziehen die Crème der Immigration an [the best and the brightest], während die weniger qualifizierten Arbeiter nach Europa gehen. Daran wird sich auch Weiterhin nichts ändern, wenn die EU nicht die Hindernisse, die den Arbeitsmarkt verschließen und Unternehmensgründungen beeinträchtigen, aus dem Weg räumt. Die EU müsste auch die Anforderungen an Sprachtests und kulturelle und religiöse Gewohnheiten lockern. Die Angst ist natürlich schwer zu überwinden. Die Immigration wird als negativ empfunden, vor allem in homogenen Gesellschaften. Die Immigranten stören, weil sie das Gefühl der Vertrautheit durcheinanderbringen. "Wie noch nie zuvor dominiert das Thema der nationalen Identität die nationalen Diskussionen...", stellt der niederländische Soziologe Paul Schnabel fest: "Man will unbedingt die Loyalität aller Personen überprüfen, deren Eltern keine Niederländer sind." In Frankreich ist die Debatte über nationale Identität in vollem Gange. In der Slowakei und in Ungarn steigen die Spannungen mit den Minderheiten, obwohl es sich nicht um Immigranten handelt, sondern um seit Jahren sesshafte Bevölkerungsgruppen.

Ein noch düsterer Gesichtpunkt tritt in dem Bericht Global Trends 2025 des amerikanischen National Intelligence Council (NIC) zu Tage. Dieser warnt vor dem Anstieg von Intoleranz gegenüber unterschiedlichen Völkern, Nationalitäten und Religionen, die bis zu Übergriffen gegen die Zivilbevölkerung führen kann. Um auf die Probleme der Europäischen Union zurück zu kommen, erfordern die offenen Grenzen innerhalb der EU eine gemeinsame Immigrationspolitik, Kontrolle der Grenzen außerhalb der EU und eine Koordinierung der Visabestimmungen. Zu guter Letzt muss man eine wahre Integration der Immigranten zulassen und jegliche Form von Diskriminierung ablehnen. Dies geht sicherlich mit einer Vereinheitlichung der Sozialgerichtsbarkeit einher, was in vielen Ländern Widerstände auslösen wird. Ohne eine in sich stimmige Vorgehensweise wird die EU dazu gezwungen sein, unter Zeitdruck und kurzfristig zu handeln.