Gerard Piqué kennt jeder. Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens ist er ein ausgezeichneter Fußballspieler, auf den weder der FC Barcelona noch die spanische Nationalmannschaft verzichten kann. Zweitens ist er mit dem kolumbianischen Pop-Sternchen Shakira verlobt. Zudem ist Piqué ein leidenschaftlicher katalanischer Nationalist, um nicht zu sagen ein Chauvinist. Und obendrein ein Großmaul.

Zur „clásico“-Begegnung zwischen FC Barcelona und Real Madrid rief Piqué seinen Rivalen im vergangenen Frühjahr zu: „Hey! Werte Herren Spanier! Mit unseren acht Punkten Vorsprung haben wir die Meisterschaft bereits gewonnen! Nun müssen wir uns nur noch den Königspokal holen. [Den Pokal] eures Königs.“

Piqué spricht laut aus was viele Barça-Spieler und –Fans sich insgeheim denken. Am liebsten hätten sie alle, dass Barcelonas Siege als diejenigen Kataloniens gezählt werden, dass die katalanische Mannschaft an der Weltmeisterschaft teilnehmen kann, und dass Piqué, Puyol, Busquets, Xavi und Fabregas den Pokal für Katalonien gewinnen. Und nicht für Spanien oder König Juan Carlos. Momentan ist das jedoch unmöglich. Die FIFA lässt [Katalonien] nicht zu internationalen Wettbewerben zu.

Sport, Baustein der nationalen Identität

Für die katalanischen Nationalisten war Sport schon immer ein wichtiger Bestandteil der nationalen Identität. Vor allem unter der Franco-Diktatur, die den Real Madrid zum Lieblingsclub des Regimes auserkoren hatte. Jedes Tor gegen die „Royalisten“ hatte so den süßen Beigeschmack von Rache. Für jahrelange Demütigung und kulturelle Diskriminierung.

Ähnlich geht es den Schotten. Auch sie fordern immer offener einen souveränen Staat. [2014 soll ein Referendum über die Unabhängigkeit stattfinden.] Und Fußball nimmt hier keiner auf die leichte Schulter. Um ihre Mannschaft zu unterstützen, würden [die Schotten] wirklich alles tun. So wie alle anderen, die gegen England spielen.

Für separatistische Demonstrationen bieten Sportveranstaltungen den idealen Rahmen. Ob katalonische, baskische, schottische oder korsische Stadien: Lieder, Fahnen und inszenierte nationale Einheit fungieren hier üblicherweise als Kulisse. Dabei bilden sie nur den Hintergrund eines scharfen Kampfes um Macht und Geld. Bis vor kurzem spielte sich dieser Krieg noch hauptsächlich auf der Straße ab: In verschiedenen Teilen Europas legten Separatisten in Einkaufshäusern Bomben, machten Polizisten zu Zielscheiben und organisierten Hungerstreiks. Aus Angst vor Chaos und Staatszerfall reagierten die spanischen, britischen oder französischen Politiker meist mit blinder Brutalität.

Allerdings haben sich die Zusammenhänge und Vorgehensweisen in den vergangenen Jahren ziemlich verändert. Nun setzen die Selbstbestimmungs-Verfechter ihre Waffen vielmehr in gut behüteten Kabinetten und EU-Institutionen ein. Oder sie machen sich kulturelle Events zunutze oder treten für Regionalsprachen ein. Diese Strategie ist wesentlich wirksamer: Um die parlamentarische Mehrheit halten zu können, geben Regierungen kurz vor Wahlen gern mal separatistischen Forderungen nach. Dafür müssen [die Separatisten] sie nur unterstützen.

Der gefährliche Fanatiker war gestern

In dieser Schlacht gibt es eine ganz außerordentliche Waffe: Die Sprache. Sie beherrschen die Katalanen mindestens genau so gut wie das Spiel mit dem Ball. In Katalonien gilt Spanisch als Fremdsprache. In den dortigen Schulen muss Spanisch nur vier Wochenstunden unterrichtet werden. Diejenigen, die mit ihren Familien aus Kastilien oder Andalusien kommen, suchen vergebens nach einer Schule, in der ausschließlich auf Spanisch gelehrt wird.

Bei ihren Verhandlungen mit den staatlichen Behörden drucksen die Separatisten nicht lange herum und bringen gut durchdachte pro-europäische Argumente vor. Ihrer Meinung nach würde die Unabhängigkeit Kataloniens, des Baskenlands oder Schottlands weder der spanischen noch der britischen Nation in irgendeiner Art und Weise schaden. Zumal die immer stärker föderale Union die Rolle der Nationalstaaten sowieso einschränkt. Jedes Jahr geben die Hauptstädte der Kommission ein bisschen mehr Macht ab. Warum sollten sie dann Edinburgh und Barcelona nicht genauso behandeln?

Mit dieser europa-enthusiastischen Rhetorik haben die Separatisten auf das richtige Pferd gesetzt. Damit befreien sie sich nach und nach von ihrem Image als gefährliche und verantwortungslose Fanatiker. Unter diesen Bedingungen fällt es der Zentralgewalt immer schwerer, die separatistischen Ideen anzuprangern. Zumal sie dann die Ideen infrage stellen müssten, die sie doch eigentlich bisher in den Himmel hoben.

Im gegenwärtigen Europa ist der Begriff der „Staatsgewalt“ in Verruf gekommen. Was dagegen viel Anklang findet ist das Prinzip der „Dezentralisierung“ und der „regionalen Zusammenarbeit“, die den Schutz von „Minderheitssprachen“ und „regionalen Erzeugnissen“ miteinschließen.

Irgendwo zwischen Luxemburg und der Slowakei

Welches politische Gewicht hätten Schottland, Katalonien und Padanien, wenn sie zu EU-Mitgliedern würden? Sie befänden sich wohl irgendwo zwischen Luxemburg und der Slowakei. Aber ganz sicher nicht in einer idealen Position, um in Brüssel wirksam für ihre Interessen zu kämpfen. Diese werden paradoxerweise effizienter durch das Groß-Italien und das Groß-Spanien vertreten.

Engagiert verfolgen die europäischen Separatisten ihr Ziel. Ob sie damit erfolgreich sein werden steht aber in den Sternen. Was sich allerdings auszuzahlen scheint ist die Verhandlungstaktik. Der Lega Nord ist es in der Regierungskoalition mit Silvio Berlusconi tatsächlich gelungen, die regionalen Finanzierungsgrundsätze zulasten der ärmeren Regionen abzuändern. Und die Christdemokraten des katalanischen Parteienbündnisses Convergència i Unió (kurz CiU) sagten Mariano Rajoys Reformpaket nur dann ihre Unterstützung zu, wenn dieser auf die katalanischen Forderungen eingehe.

Scheint so, als müsse Gerard Piqué noch weitere Opfer bringen und auch in Zukunft für die spanische Nationalmannschaft spielen. Glücklicherweise ist es ihm im vergangenen Jahr erspart geblieben, den Königspokal hochzuhalten. Real Madrid gewann das Finale. (jh)