Dorothy im „Zauberer von Oz” brauchte nur dreimal ihre Hacken zusammenzuschlagen und dabei zu wiederholen: „Am schönsten ist es zuhause.” Heutzutage ist es genauso einfach. Skype, Internet, Satellitenfernsehen und andere neuere Technologien machen es heute möglich, sein Leben in einer virtuellen Version der Heimat zu leben – ganz egal, wo man sich tatsächlich aufhält.

Genau das tut Françoise Letellier, ehemalige Honorarkonsulin in Cork. Nach 43 Jahren in Irland schaut sie immer noch jeden Tag die französischen Nachrichten im Fernsehen, spricht mehr Französisch als Englisch und liest die französische Presse, wann immer es geht. „Als ich 1969 hier ankam, bekam man einmal pro Woche eine französische Zeitung und das war es schon”, erzählt Letellier. „Jetzt habe ich 21 französische Fernsehsender. Ich kann die bevorstehenden Präsidentenwahlen genau so verfolgen als wäre ich in Frankreich.”

Letellier stammt aus der Normandie und lebt heute in Carrigtohill, auf dem Land, in der Nähe der Stadt Cork. Ihr Haus heißt „Ma Normandie”, und obwohl sie eine Aussicht über die saftig grüne Landschaft der Grafschaft Cork hat, könnte sie genauso gut im ländlichen Frankreich leben – wohin sie im Mai nach 43 Jahren auch zurückgeht. „Ich habe Frankreich wahrscheinlich sowieso nie wirklich verlassen”, meint sie.

Jeder ist anders mit der Heimat verbunden

Ryszard Piskorski wird allerdings nicht in sein Heimatland Polen zurückkehren. Im Gegensatz zu Françoise Letellier besitzt er die doppelte Staatsangehörigkeit: die irische und die polnische. Er wurde „am 10. Februar 1940” im Alter von neun Jahren von den russischen Streitkräften aus seiner Heimat vertrieben und schlug sich nach seiner Deportation nach Sibirien und nach Aufenthalten in Usbekistan, im Nahen Osten und in London bis nach Irland durch. 1966 kam er in Dublin an.

„Ich war dabei, mein Polnisch zu vergessen”, erzählt er, „als ich polnisches Satellitenfernsehen bekam. Da kam alles wieder zurück.” Er verfolgt die polnische Politik und das Zeitgeschehen im Internetradio und weiß heute dank der sich ausbreitenden Kommunikationstechnologien mehr über sein Geburtsland als in den 1970er und 1980er Jahren. „Es ist wirklich fantastisch für mich”, freut sich der 82-Jährige.

Ein weitaus jüngerer Pole, der 28-jährige Webdesigner Igor Kochajkiewicz, hat ein völlig anderes Verhältnis zu seinem Heimatland. Nach sieben Jahren in Irland ist der Kontakt durch die Medien für ihn etwas, das er als selbstverständlich voraussetzen kann.

„Ich fühle mich mit Polen nicht so eng verbunden”, sagt er. „Ich gehöre zu einer Generation, die den Eindruck hat, man kann gehen, wohin man will, und sich niederlassen, wo man will. Staatsangehörigkeit ist für mich nicht so wichtig.” Offensichtlich gibt es massive Unterschiede im Ausmaß der Verbindung, die die in Irland lebenden Ausländer (bei der Volkszählung von 2006 waren es rund 420.000) mit ihrer Heimat unterhalten. Doch dasselbe kann man auch von irischen Staatsbürgern im Ausland sagen.

Heimspiel auf dem Handy

Für Danny Darcy aus Galway, der vor knapp 20 Jahren Irland verließ und nach Mallorca zog, ist die Lektüre der Irish Times und das Hören von Galway Bay FM ein wichtiger Teil der wöchentlichen Medienkost. „Emigration ist einfach ganz anders als damals, als ich weggegangen bin”, meint er. „Früher ließ ich mir von Freunden zuhause Videoaufzeichnungen von Hurlingspielen schicken. Jetzt kann ich sonntags in der Stadt in der Sonne sitzen, frühstücken und mir die Fußballspiele in Galway auf meinem Telefon anhören.”

Der Ire Dermot Arrigan, der seit neun Jahren in Barcelona lebt, ist ebenfalls einer der rund 1,3 Millionen monatlichen Online-Leser der Irish Times. „Wenn ich wissen will, was los ist, dann mache ich mich einfach an die Irish Times”, sagt er. Eben diese Bindung an das Zuhause und die Kultur, die man doch körperlich verlassen hat, kann zu Misstrauen gegenüber Migranten führen. Es wird oft angenommen, es fehle ihnen an Loyalität zur Adoptivheimat und man könne sich doch nicht mit mehr als einem Ort auf einmal verbunden fühlen.

Das ist jedoch ein ernstes Missverständnis, findet Professor Han Entzinger, Direktor der Abteilung für Migrations- und Integrationsstudien an der Erasmus-Universität in Rotterdam. „Wir haben das untersucht”, erklärt Entzinger, „und dabei herausgefunden, dass jemand, der Verbindungen zum Heimatland aufrechterhält, sich deshalb nicht mit geringerer Wahrscheinlichkeit im Aufenthaltsland integriert.” Tatsächlich, so Professor Entzinger, wird eine „transnationale Identität” zunehmend zur Norm – die Entscheidung der meisten Länder, eine doppelte Staatsbürgerschaft zu erlauben, reflektiert das.

Virtuelle Heimat, ein doppelschneidiges Phänomen

Irland macht da keine Ausnahme. Bei der Möglichkeit für seine Staatsangehörigen im Ausland, in Parlaments- und Präsidentschaftswahlen zu wählen, hinkt das Land hinterher. Die Auslandsfranzosen zum Beispiel dürfen bei ihrer nächsten Parlamentswahl für elf Übersee-Abgeordnete stimmen. Durch den Zugang über die modernen Technologien werden die Franzosen, die in dieser Wahl wählen, nicht nur gut informiert sein, sondern ihre Stimme auch erstmals online abgeben können. Ihr virtuelles Frankreich in Irland wird immer greifbarer.

Das ist einer der Gründe, warum Dr. Alan Grossman vom DIT-Zentrum für Transkulturelle Forschung und Medienpraxis den Ausdruck „virtuell” überhaupt nicht akzeptiert. „Die Heimat, in der sie da wohnen, ist durchaus reell”, sagt er. „Sie informiert mich, wo immer ich bin. Sie regt meine Denkweise an. Die Verbreitung der Medientechnologie hinterfragt grundlegend den etablierten Raum zwischen dem Hier und dem Dort.”

Die simultane Identität, die durch den einfachen, transnationalen Zugang zu den Medien unterstützt wird, sei auch eine Art doppelschneidiges Phänomen, sagt Dr. Áine O’Brien, Leiterin des DIT-Forums über Migration und Kommunikation. Sie sei etwas Irisches, an dem die Leute selbst teilnehmen, indem sie ausländische Medien konsumieren. Eindeutige Auffassungen von Identität und Nationalität seien viel unklarer und komplexer als sie auf den ersten Blick wirken, und das sei für einen nationalen Sender wie RTÉ eine Herausforderung, erklärt sie weiter.

„Wir haben den nationalen Sender, der glaubt, seine Aufgabe liege darin, eine Art zusammenhängende Dokumentation der Ereignisse zu bilden”, erklärt sie. „Und dies entsprechend sehr klaren Konventionen, die von Dingen wie Akzent, Zugehörigkeit usw. geleitet werden.” Es ist fast, also wäre die „Heimat”, die auf RTÉ präsentiert wird, die virtuelle – und nicht die, in der die Immigranten hier und im Ausland mit Hilfe von Skype, Online-Nachrichtenwebsites und Internetradio leben.