"Gestern hat mir mein Chef unterbreitet, das ich erst mit 60 in Rente gehen werde, anstelle mit 58. Der meint wohl, ich sei ein Spanier! Ich sag’s dir, man versucht uns das amerikanische System aufzudrücken, hier in Griechenland, in der Wiege Europas! Das ist ein Ding der Unmöglichkeit! Besser sofort sterben!" Der 52-jährige Bauarbeiter Nicos Anvaris demonstrierte gestern morgen [am 10. Januar] unterm Nieselregen auf dem Platz der Verfassung in Athen zusammen mit einigen tausend anderen Protestierenden. Die niedrigen Löhne, die "ungerechten, wirkungslosen Opfer", die die Gewerkschaft Adedy anprangert, die der letzten stalinistischen kommunistischen Partei Europas (KKE) angegliedert ist, all das wollen Nicos und seine 700 000 Kameraden des öffentlichen Dienstes nicht.

In Griechenland gehören Streiks zum Alltag. Der gestrige schmeckte aber bitterer als sonst. Der griechische Staat ist ausgeblutet und ruiniert. Dem soeben erwählten Ministerpräsidenten Papandréou steht das Wasser bis zum Hals. Der Euro stürzt ein, weil die Spekulanten mit dem Scheitern ihrer Staatsverwaltung spielen. Die "Wiege Europas" muss in Brüssel betteln gehen. Das Problem hat enorme Ausmaße. Von nun an machen sich die Finanzmärkte auf ihrer Suche nach leichter Beute an kraftlosen Staaten zu schaffen.

Grieche ist nicht gleich griechischer Staat

In der Menge der Demonstranten in Athen weiß dies jeder. Aber allen ist es egal. Es ist so, als wären der "griechische Staat" und die "Griechen" zwei völlig unterschiedliche Konzepte ohne Verbindung zueinander. "Seit der Nachkriegszeit hat Griechenland keinen Staat mehr gehabt", erklärt Hélène Ahrweiler, Präsidentin des Athener Nationaltheaters. "Die Politiker verwalten Institutionen und Infrastrukturen, die nicht funktionieren. Die wahre Krankheit Griechenlands ist die Abwesenheit eines Staates!"

Es stimmt schon, dass die 11 Millionen Griechen nicht arm sind. Aber Griechenland ist arm. Denn niemand oder fast keiner zahlt Steuern. Im schicken Viertel Kolonaki trifft man sich allmorgendlich im Café Dakapo unter Medizinern, Architekten, Staatsbeamten und Unternehmern, die in ihrer Steuererklärung 10 000 Euro pro Jahr verdienen. Jeder besitzt mindestens ein Haus auf Mykonos, ein anderes auf Hydra, herrschaftliche Wohnungen in der Hauptstadt, Sportwagen und Wohnungen sowie Bankkonten im Ausland. Die griechische "Elite" praktiziert die Steuerflucht so leidenschaftlich wie das Golf spielen. Die weniger Reichen schaffen es auf andere Weise, ihr Land nach und nach zu ruinieren.

Nach Schätzungen der Weltbank gehen 35 Prozent der griechischen Wirtschaft auf den Schwarzmarkt. Die Wirtschaftswissenschaftler vor Ort halten diesen Prozentsatz für geschönt. Wenn man einen von ihnen fragt, was das Durchschnittsgehalt des Landes ist, bricht er in Gelächter aus. Der Mindestlohn liegt bei monatlichen 700 Euro. "Das will aber gar nichts heißen, denn jeder hat zwei oder drei Jobs", erklärt Richard Someritis, Leitartikler der sozialdemokratischen Tageszeitung To Vima.

Die Gesellschaft der Individuen

Dies gilt vor allem für griechische Beamte, die 32 Prozent der Angestellten und 40 Prozent der Staatsausgaben ausmachen. "Sieben von zehn Beamten arbeiten nicht in diesem Land", behauptet Gikas Hardouvelis, Wirtschaftsprofessor an der Universität von Athen. Trotzdem erhalten sie Lohnzuschläge für "Computerbenutzung" oder "Verantwortung"... Die griechischen Zollbeamten haben sogar eine Prämie für pünktliches Erscheinen bei der Arbeit ergattert. Die meisten dieser Gehaltszuschläge sind steuerfrei, verdoppeln aber häufig das Gehalt. Someritis entrüstet sich: "In Frankreich rollen wenigstens die Züge. Hier gibt es nur Defizite zu verzeichnen!"

Man unterstellt Papandréou die Absicht, demnächst in den Zeitungen die Namen der größten Steuerbetrüger zu veröffentlichen. Diese Methode könnte die Steuerflucht rapide stoppen und den Beginn eines Minimums an Steuergerechtigkeit einläuten. Momentan stehen 60 Prozent der Griechen hinter Papandréou. Er nimmt sich großes vor, denn die Krise in Griechenland ist nicht wirtschaftlicher, sondern politischer und sozialer Art. "Wir haben unseren sozialen Zusammenhalt verloren", erklärt der Schriftsteller Takis Theodoropoulos, "Wir sind im Nu von einer gemeinschaftlichen Gesellschaft zu einer sogenannten offenen Gesellschaft geworden, d.h. einer individualistischen, harten und gewalttätigen Gesellschaft. Das ist völlig neu. Die Griechen sind Kinder". Berlin, Paris und Washington erwarten nun, dass das Kind schnell erwachsen werde. Sehr, sehr schnell.