Eine Straße mit kalten Gebäuden, Institutionen, Fabriken. Neben dem Eingangstor steht eine Ampel, die ständig von grün auf rot umspringt, aber nicht nach den Verkehrsregeln, sondern nach den Regeln der heutigen Gesellschaft. Sie steht auf rot, wenn die Firma kein Geld für Kultur übrig hat, und auf grün, wenn wieder Fördermittel fließen. Man läuft durch Beton und Metalltüren. Links ist ein Büro, vielleicht das des Meisters oder des Chefingenieurs? Aber keinesfalls das von Rariţa Zbranca, der Kulturmanagerin.

Die Fabrikhalle hat vier Stockwerke, auf jedem gibt es Galerien, Ateliers, Verweilräume. Jede Etage misst 500 Quadratmeter. Um die Mittagszeit ist es noch sehr ruhig auf dem Gelände. Die Mauern erwachen erst einige Stunden später zum Leben. Aber wenn eine Ausstellung eröffnet wird oder ein Konzert stattfindet, dann kann man auch bis zwei Uhr früh hier bleiben.

Dann wird Kultur „in drei Schichten“ produziert. Es werden Konferenzen zum Thema Kultur organisiert. Es kommen Persönlichkeiten der Stadt Cluj (Klausenburg) und stellen hier ihre Ideen vor. Es kommen Künstler aus anderen europäischen Ländern, die hier ihre Arbeiten ausstellen. Es werden Dokumentarfilme gezeigt. Schwierig wird es nur, wenn man in die Ateliers der Bildhauer und Maler vordringen möchte – diese Welt gehört ihnen.

Gemeinsames Dach für wenig Geld

In Klausenburg hat die Finanzkrise auch etwas gutes hervorgebracht. Denn wegen der Schwierigkeiten, eine Kunstgalerie in dieser Stadt zu führen, die immerhin als zweites kulturelles Zentrum Rumäniens gilt, haben die hiesigen Künstler beschlossen, sich zusammen zu tun. Die Mietpreise für eine Kunstgalerie kletterten 2009 im Zentrum auf 10 Euro pro Quadratmeter. Daraufhin bereiteten sich die Kultureinrichtungen darauf vor, das Feld zu räumen, denn es gab weder Geld, noch Sponsoren. In einer ähnlichen Lage befand sich auch die Stiftung AltArt für digitale Kunst, der sich auch Rariţa Zbranca zurechnet, oder die Galerie Plan B, die sich auf zeitgenössische visuelle Kunst spezialisiert hat.

Die ersten aber, die die freien Räume der ehemaligen Pinselfabrik entdecken, waren die Betreiber der Galerie „Sabot“, erzählt Rariţa Zbranca. In der Fabrik war es aus finanzieller Sicht mit nur 2 Euro für den Quadratmeter doch viel besser. Nach einigen Monaten der Unentschlossenheit, „haben wir dann einen Verband gegründet, der sogar den Namen ,Pinselfabrik‘ trägt. Heute hat das Projekt 46 Mitglieder, neun Organisationen, fünf Galerien und 32 Künstler.

Man sollte jetzt nicht denken, damit sei eine neue Institution geschaffen worden. Die Künstler haben zwar ein gemeinsames Dach gefunden, aber jeder verfolgt weiterhin seine eigene Vorstellung von Kunst. So werden an bestimmten Tagen Theater- und Tanzvorstellungen organisiert, Ausstellungen für Bilder und Skulpturen, aber auch Filme gezeigt. „Wir fördern alle diese Aktivitäten und haben eine beständige Verbindung zum Publikum geschaffen. Hier ist eine Pilgerstätte der zeitgenössischen Kunst entstanden“, fügt Rariţa Zbranca hinzu.

Die Früchte dieser gemeinsamen Vision zeigten sich zwischen 2009 und 2011, als die Kulturfabrik 40 Konzerte, 50 Ausstellungen, 30 Workshops, 10 Festivals und 15 Konferenzen beherbergte.

Überlebenskampf der Künstler

Jenseits der festlichen Veranstaltungen brauchte es aber auch finanzielle Unterstützung. „In Rumänien ist das Prinzip der Förderung für eine unabhängige Kulturszene noch gänzlich unbekannt“, sagt die Kulturmanagerin. Auch die Sponsoren drängeln sich nicht. Ein Künstler braucht Raum für sein Schaffen, aber muss die Miete bezahlen und die nötigen Materialien kaufen. Von der Kunst lässt sich nicht leben. Also suchen sie sich einen Job.

Zum Beispiel als Innenausstatter, wie Daniela Cristina Gagiu, für die „das Künstlersein in Rumänien heute gleichbedeutend ist mit dem Versuch, zu überleben“. Einige Künstler arbeiten also ganz konkret in zwei Schichten, machen tagsüber ihren Job und kommen abends in ihr Atelier in der Fabrik.

Die ersten Unterstützer dieser Künstlerinitiative kamen aus dem Ausland, durch die Förderung der Regierungen von Norwegen, Liechtenstein und Island im Rahmen des Finanzmechanismus des Europäischen Wirtschaftsraums, eines Projektes mit 75.000 Euro. Es wurden Anschaffungen gemacht wie eine Soundanlage oder Tanzmatten. Ursprünglich wurde die Fabrik nicht von den lokalen Behörden unterstützt, das hat sich später aber geändert. Da hat das Rathaus eine Unterstützung von umgerechnet 9.000 Euro (30.000 Lei) angeboten.

Gute Nachrichten kamen vor kurzem auch aus der Verwaltung des Nationalen Kulturfonds in Form einer Finanzierung für eine Sommerschule, die auf dem Fabrikgelände stattfinden wird.

„Die Pinselfabrik sollte zu einer Alternative für die Kulturpolitik jenseits der staatlichen Vorstellungen werden, denn das hätte den Vorteil, dass wir sie gleich hier in der Fabrik ausprobieren könnten“, betont Rariţa Zbranca. Es ist klar, die Ideen müssen erst einmal in der Fabrik „gären“. Das gilt umso mehr, als die Stadt Klausenburg sich für 2020 um den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt bewerben möchte.

Vom 9. bis 20. Mai beteiligt sich die Pinselfabrik am Festival Transeuropa.