Der 30-jährige Ingenieur Sebastian Müller hatte keinen Grund zur Klage über seinen Job bei Audi in Ingolstadt, wo er monatlich über 4500 Euro verdiente. Und doch kehrte er in seine Heimat in der Oberlausitz zurück, um dort für einen kleinen Autozulieferer zu arbeiten.

Er verdient dort zwar weniger, aber ist „so zufrieden, wie ich es in Westdeutschland niemals war“, erzählte er dem Spiegel.

Wie sich herausstellt, ist Müller keine Ausnahme. Dieses Jahr sind bereits Hunderte von Menschen aus dem Westen in die neuen Bundesländer zurückgezogen. Das renommierte Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) beschrieb dies als eine Umkehrung des Trends.

Bis vor Kurzem litt Ostdeutschland noch unter einem Bevölkerungsschwund, doch heute hat sich das Blatt gewendet.

Keine blühenden Landschaften

Im Sommer 1990, ein paar Wochen vor der Wiedervereinigung, gab Bundeskanzler Helmut Kohl sein berühmtes Versprechen, er wolle die Ostländer in „blühende Landschaften“ verwandeln.

Doch obwohl in den nächsten zwölf Jahren rund 1500 Milliarden Euro in die Region gepumpt wurden, kamen die blühenden Landschaften nicht zustande. Die bislang vom Staat geführte Industrie erwies sich als nicht wettbewerbsfähig und die Leute entdeckten plötzlich den bitteren Geschmack der Arbeitslosigkeit.

Rund zwei Millionen Menschen verließen die so genannten „neuen Bundesländer“ und zogen auf Arbeitssuche in den Westen: Allein 1990 gingen die Bevölkerungszahlen in Sachsen um 130.000 zurück. Die Abwanderung erwies sich als verheerend.

Die bestausgebildeten Arbeitnehmer (knapp 60 Prozent der Auswanderer aus Mecklenburg-Vorpommern etwa waren Akademiker), viele davon Frauen, strömten nach München, Düsseldorf und Hamburg, während der frühere Osten immer mehr Facharbeiter und werdende Eltern verlor.

Die Haupteigenschaft der Städte im Osten war, wie viele Deutsche zu sagen pflegten, dass „nur die alten Leute und die Neonazis der NPD dort blieben“.

Der Wandel im Osten vergegenwärtigte sich durch den Abriss von einwohnerleeren Plattenbauten-Wohnblocks (über 130.000 Wohnungen wurden so verschrottet) und die Schließung von Schulen, denen die Schüler ausgegangen waren.

Die Abwanderung qualifizierter Fachkräfte in den Westen, die viele Unternehmen in den Konkurs führte, ließ die Arbeitslosigkeit weiter ansteigen.

Noch vor ein paar Jahren prophezeiten die meisten Experten dem Osten bis 2015 eine ernsthafte demografische Krise, doch die Katastrophe trat nicht ein. Dem Spiegel zufolge sind im vergangenen Jahr in Sachsen 3000 Menschen mehr zu- als fortgezogen. Auch Brandenburg schreibt in Sachen Bevölkerungswachstum schwarze Zahlen und Thüringens Wanderungsbilanz steht auf Null.

Sachse kommt zurück

„Wenn die Sehnsucht wächst, mach dich auf den Weg. Setz die Segel. Du wirst es nicht bereuen!“ drängt ein Werbevideo auf MV4You, einer Website für Mecklenburg-Vorpommern. MV4You zeigt ein Video über ein Mädel aus Rostock, das sein Glück in Düsseldorf gesucht hat und jetzt beschließt, wieder nach Hause zurückzukehren.

Doch eines ist vielleicht noch wichtiger: In dem Bestreben, die Rückwanderung attraktiv zu gestalte, ist hier auch eine lange Liste von Stellenangeboten zu finden. Sachsen hat unter dem Titel „Sachse komm zurück“ eine ähnliche Kampagne gestartet.

Vor zehn Jahren wurden solche Projekte, die im besten Fall vielleicht ein paar Dutzend Menschen pro Jahr überzeugten, mit großer Skepsis betrachtet. Heute liegen die Dinge anders und die Politiker vor Ort schließen sich den Bemühungen an.

Anfang April ging Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff auf eine Tour durch den Westen, um 5000 Rückwanderer wieder nachhause zu bringen.

Mehrere Bürgermeister unternahmen ähnliche Anstrengungen und es sieht so aus als könnten sie Erfolg haben. Laut dem renommierten IAB in Nürnberg spielen heute zwei Drittel der Auswanderer mit dem Gedanken an die Rückkehr.

Diskrimination gegen Ossis

Die Ossis gehen nach Hause, weil sie im Westen keiner so wirklich haben wollte. Sie wurden als zweitrangige Bürger betrachtet und waren Zielscheibe zahlreicher Witze über ihre kommunistische Erziehung und ihre Unfähigkeit, sich an die Gewohnheiten des Westens anzupassen.

Viele von ihnen beschwerten sich, gewissermaßen im Ghetto zu leben und praktisch keinen Kontakt zu Wessis zu haben: Ein Leben in der „Ostalgie“, abgemildert durch den Einkauf von DDR-Produkten in speziellen Online-Supermärkten für Ossis, die in Anbetracht der großen Nachfrage wie die Pilze aus dem Boden schossen.

Manchmal schreibt die Presse immer noch über die neuen Bundesländer als handle es sich um ein anderes Land. 2010 gab es eine Menge Publicity um eine Buchhalterin aus Ostberlin, die sich für eine Stelle in Stuttgart beworben hatte.

Ihre Bewerbung wurde abgelehnt und jemand schrieb „DDR“ auf ihren Lebenslauf. Die Frau klagte wegen „ethnischer Diskriminierung“, verlor jedoch, denn das Gericht entschied, so etwas wie eine ostdeutsche Ethnie existiere nicht.

Im Osten diskriminiert niemand gegen die Ossis und – ganz entscheidend – es gibt Arbeit. Die Arbeitslosenrate bleibt zwar hoch, oft doppelt so hoch wie im Westen (in Mecklenburg-Vorpommern liegt sie bei knapp 15 Prozent), doch in der einheimischen Industrie herrscht dringender Bedarf an Ingenieuren und IT-Fachkräften.

Kohls 20 Jahre altes Traumbild hat begonnen, sich zu verwirklichen. Und bis zum Ende des Jahrzehnts sollen die neuen Bundesländer, was den Lebensstandard betrifft, ihre Rivalen im Westen eingeholt haben.

Um ihre renovierten Stadthäuser und dynamischen Universitäten werden sie von vielen Städten in Westdeutschland bereits beneidet. Dresden zum Beispiel ist eine der zehn Städte in Deutschland, die am schnellsten wachsen, und Jena ist heute ein bedeutendes Zentrum für die High-Tech-Industrien.

Die Einkommen im Osten sind rund ein Drittel niedriger als im Westen, doch auch Mieten und Lebensmittelpreise sind niedriger, also müssen die heimkehrenden Ossis nicht mit einem Einkommensschock kämpfen.

Soziologen meinen zudem, dass ihre Erfahrungen mit der Mobilität, der harten Arbeit und der Tapferkeit im Westen ein Motor für die Veränderung im Osten sind, wo sie ihren neuen/alten Nachbarn zugute kommen.

Doch Experten bleiben vorsichtig und warnen davor, dass das Wachstum in der ehemaligen DDR auf wackeligen Beinen steht.

Den Unternehmen dort es geht es heute gut, weil das ganze Land prosperiert, doch dieser Wohlstand wird nicht immer anhalten. Irgendwann demnächst wird die Welle der Rückkehrer verebben. (pl-m)