Schon immer gehörte es zu den Stärken des Filmregisseurs Jacques Audiard, den Puls des Lebens auf der Straße zu fühlen und jede auch noch so kleine Veränderung im zeitgenössischen Leben wahrzunehmen. Daraus entwickelte er in seinen Filmen so viel zeitgeistliches weißes Rauschen wie nur möglich. Womit er in seinem letzten Film Ein Prophet den Nagel auf den Kopf getroffen hat? Mit der Sprache. Und auch wenn der vielsprachige Mix aus Französisch, Arabisch und Korsisch denjenigen, die die Untertitel erarbeiten mussten, sicherlich Schweißperlen auf die Stirn getrieben hat, so gibt Audiard damit sehr gut das multikulturelle Chaos und das berauschende Sprachwirrwarr wieder, die das gesellschaftliche und geschäftliche Leben der meisten globalen Großstädte heutzutage ausmachen.

Natürlich dominiert noch immer das Englische. Im Kino ebenso sehr wie in allen anderen Bereichen. Was aus der künstlerischen Perspektive allerdings so aufregend und neu ist: Das Englische kann nicht mehr als absolutes Synonym für die dominierende Wirklichkeit verwendet werden. Vielmehr liefert es sich einen energiegeladenen Wettstreit mit den anderen Sprachen. Und das eröffnet ganz neue Perspektiven. Nun sind wir an einem Punkt angekommen, an dem wir uns die daraus resultierenden Verwirrungen sogar bei Popcorn im Kino anschauen.

Sprachlich gesehen war Slumdog Millionär kein revolutionärer Film. Bemerkenswert war jedoch, dass dieser Film zu einem Drittel in Hindi gedreht wurde und dennoch so viele Oscars gewann. Quentin Tarantino, der immer ein wachsames Ohr hat, ging im Sommer noch einen Schritt weiter: In Inglourious Basterds jonglierte SS-Standartenführer und "linguistisches Genie" Hans Landa mit dem Englischen, Französischen, Italienischen und seiner lieben Muttersprache – fast so als moderiere er in einem SS-Varieté-Theater. Dass sich Tarantino der multilingualen Welt, in der wir gegenwärtig leben, so bewusst ist, macht seinen Film so aktuell.

Ein Prophet – den man als beispielhaften Vertreter des Arthouse-Kinos sehen kann – ist noch viel ausgefeilter als die beiden anderen Filme. Audiard nutzt die kulturellen Unterschiede als eine Art Strategie, die dem Steifen seine ganze Dramatik verleihen. Entscheidend sind die Sprache und die Fähigkeit, diese zu beherrschen. Als Lingua Franca dient im Gefängnis nicht das Englische, sondern das Französische. Was die Handlung jedoch vorantreibt und Malik (Tahar Rahim) immer mehr Macht gewinnen lässt, ist seine Beherrschung ganz anderer Sprachen. Nachdem der Korse ihn für sich arbeiten lässt, lernt er zunächst einmal zu lesen. Anschließend schnappt er den Dialekt seiner Bosse auf, den sie für ihre privaten Unterhaltungen verwenden (ohne dass sie dies bemerken).

Für mich ist es das, was Malik zum titelgebenden Propheten macht. Viel mehr noch als die hellseherischen Szenen Audiards. Weil er der einzige ist, der drei – und nicht zwei – Sprachen spricht, sieht er buchstäblich weiter als jede andere Figur. Dadurch kann er die korsischen und arabischen Gruppen im Gefängnis jeweils bewerten und gegeneinander ausspielen. Der Film macht auf die dunkle Seite der Sprache aufmerksam. Auf ihre Beziehung zur Macht. Zum einen kann sie als Zeichen derZugehörigkeit, zum anderen aber auch ausschließend wirken. Zudem versteht der Film Sprache als nicht-statisch. Zu ihr gehören Fehler, Missverständnisse und Unverständnis: Genau die richtige Währung für gerissene Nutzer wie Malik. Die globalisierte Welt braucht viel mehr sprachliche Filme wie Ein Prophet – gelenkig, aufgeweckt und opportunistisch. Wenn die Mobiltelefone erst einmal die meisten Handlungsmöglichkeiten für Filmemacher zunichte gemacht haben, werden diese neuartigen semantischen Tunnel es vielleicht wert sein, dass man sich ihnen widmet?

Malik macht genau das. Allerdings wissen wir nichts über seine Vergangenheit. Außer dass er ein französisierter "Beur" (Einwanderer aus dem Maghreb) ist, der von seinen arabischen Wurzeln abgeschnitten ist und den die moderne Gesellschaft zu einem Leben an ihrem Rand zwingt. Im kulturellen Niemandsland gestrandet bleibt Malik nichts anderes übrig, als sich seinen eigenen Weg zu schaffen. Eine Lektion, die in einer immer komplexeren Welt für uns alle von Bedeutung ist. Fast kann man sagen, dass er für die schnell anwachsende Gruppe derjenigen steht, die gemischter undmehrsprachiger Abstammung sind und somit einen Schritt weiter sind als die althergebrachten Reinkulturen. Sie sind diejenigen, die trotz der immervertrackteren und schwer zu begreifenden Machtkonstruktionen der Welt gedeihen und erfolgreich sein werden. Die Stunde des Bag-Man, des Zwischenhändlers, des Gesandten und des mittleren Managers hat geschlagen. Mit anderen Worten: Malik ist die Zukunft.