Den Analysten zufolge, die das Vorgehen Deutschlands in Europa am schärfsten kritisieren, gibt sich Berlin am Anfang der Krisen immer unnachgiebig, erklärt sich auf halbem Weg bereit, seine Meinung zu ändern, kehrt schlussendlich wieder zum ursprünglichen Standpunkt zurück und beharrt auch im entscheidenden und endgültigen Augenblick darauf.

Wie verhält sich Deutschland nun in dieser Phase des existenziellen Zweifels am Euro? Einige Tage lang schienen die Kanzlerin Angela Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble den Vorschlag der südeuropäischen Länder wie Spanien und Italien zu akzeptieren.

Demnach sollte die Europäische Zentralbank (EZB) zusammen mit den europäischen Rettungsfonds den verschuldeten Staaten zu Hilfe eilen. Deutschland wurde dabei von Frankreich, seinem traditionellen Partner, der befürchtet, von Berlin vernachlässigt zu werden, unterstützt.

Rollenverteilung zwischen Kanzlerin und Bundesbanker?

Die öffentliche Meinung tendiert derzeit dazu zu betonen, dass Deutschland seinen Standpunkt geändert hätte, obwohl die beiden denkenden Köpfe in dieser Angelegenheit sich weder für den Aufkauf der Staatsschulden noch für sonstige Maßnahmen ausgesprochen haben. Das deutsche Establishment, an dessen Spitze die Bundesbank steht, drückt sich jedoch sehr klar gegen den Vorschlag aus. Hinter dieser emblematischen Institution stehen einflussreiche Ökonomen, Politiker und Unternehmen, deren Argumente bereits bekannt sind, deswegen lohnt es sich nicht, sie hier zu wiederholen.

Interessanter wäre es herauszufinden, ob der Präsident der Bundesbank, Jens Weidmann, wirklich nicht mit der Auffassung der Regierung Merkel einverstanden ist, oder ob es sich lediglich um eine Verteilung der Rollen handelt, eine Hypothese, die die Kanzlerin in der Vergangenheit bereits auf alle nur mögliche Arten von sich gewiesen hat.

Es ist offensichtlich, dass Angela Merkel sich nicht schon wieder an den Bundestag wenden kann, um mehr Mittel für eine weitere Rettungsaktion zu fordern. Das hatten Spanien und Italien angesichts der hohen Zinsen an den Märkten gehofft, bis der EZB-Chef Mario Draghi letzte Woche seine magische Ansprache hielt.

Merkel auf Bundesbank-Linie — der Albtraum

Die Kanzlerin hat keinen politischen Spielraum für die Inszenierung einer umfassenden Rettung. Angesichts des starken Drucks der Märkte ist es für sie am bequemsten, die Akte der EZB beziehungsweise auf Landesebene der Bundesbank in die Hand zu drücken. Die Bundesbank, die das Manöver erkannte und weiß, dass sie das Risiko der Verluste auf sich nehmen muss, wenn die Operation scheitert, beharrte auf ihrem Standpunkt. Das wäre daher wohl eher eine Logik der Kollision, nicht der Rollenteilung.

Wenn sich dieses Szenario bewahrheitet, wird der Rat der EZB am Donnerstag Zeuge einer Konfrontation zwischen den südeuropäischen Zentralbanken und den meisten Regierungen des Euroraums, Berlin eingeschlossen, einerseits und der Bundesbank und einigen verbündeten Notenbanken andererseits. Ein historisches Ereignis.

Im zweiten Szenario würde Merkel sich hinter die Bundesbank stellen, und Draghi trotzdem Maßnahmen versprechen. Dann würden wir am Donnerstag vor einem wahrhaften Fiasko stehen, mit einer EZB, der kaum Spielraum bleibt und die von den Mächten der Eurozone desavouiert wird, auch wenn sie die offizielle Abstimmung gewinnt. Ein Albtraum.