HN: Gibt es Mitteleuropa eigentlich?

JT: Ja nachdem, wie man's nimmt. Mit einer strengen Lesart, beschränkt auf Geschichte und Geopolitik, lässt sich Mitteleuropa nicht eindeutig bestimmen. Eine nuanciertere, also kulturelle Lesart hingegen erlaubt es, so etwas wie Mitteleuropa zu finden. Mitteleuropa ist ein Konzept, ein Wesen in freier Wildbahn. Man muss es schützen. Es kennt keine Grenzen, es hat weder Reich noch Territorium, die eh nur für Hysterie oder Konflikte sorgen. – Im Gegensatz zur Kultur, selbst der einfachsten, wie beispielsweise die Küche, die Gemeinsamkeiten schafft und die Menschen eint.

HN: Bezieht sich also das Konzept "Mitteleuropa" nur auf ein bestimmtes kulturelles Umfeld oder auch auf eine bestimmte Region?

JT: Man sagt, es beziehe sich vor allem auf ein gewisses kulturelles Umfeld, doch muss man von der Region sprechen. Man muss es geschichtlich und auch geographisch erfassen. Sonst ist es nur ein leerer Begriff. Ich denke, man kann die Region folgendermaßen abgrenzen: München im Westen, Stettin und Danzig im Norden, Vilnius im Osten, Triest und Novi Sad im Süden... Auch wenn man Mitteleuropa definiert, ohne Deutschland mit einzubeziehen, ist es undenkbar ohne die Deutschen und vor allem ohne die deutsche Sprache, die in der Vergangenheit in diesem Gebiet selbstverständlich zur Kultur dazugehörte.

HN: Wie würden Sie diesen mitteleuropäischen Geist einem Fremden erklären?

JT: Ich würde ihm sagen, was es eben nicht ist. Worin es anders ist als Westeuropa mit seinen gut etablierten Traditionen, aber auch anders als Osteuropa (vor allem als Russland). Es befindet sich irgendwo zwischen westlicher Ordnung und Zivilisation und vorderasischen Einflüssen. Wie Metternich sagte: "Der Balkan beginnt in Wien, am Rennweg." Ich würde einem Fremden auch erklären wollen, dass Mitteleuropa allen politischen Wirren widerstanden hat. Auch die Exilerfahrung gehört eng zum Konzept Mitteleuropa. Für Schriftsteller wie [der in Tschechien geborene und seit 1975 in Frankreich lebende Schriftsteller] Milan Kundera und Czeslaw Milosz [1911-2004, Dichter und Literatur-Nobelpreisträger mit amerikanischer Staatsbürgerschaft] ist es unvorstellbar, dass man uns als russische Provinz abstempelt. Sie fragten sich in den achtziger Jahren, was Mitteleuropa eigentlich sei. Und sie kamen zu Begriffen wie "gestohlene Geschichte" und "westliche Vereinnahmung".

In den Neunziger Jahren kamen wir in die Europäische Union, doch in gewisser Weise haben wir vergessen, nach Mitteleuropa zurückzukehren. Doch gibt es bei uns noch eine weitere spezifische Thematik: die Leiche im Keller. Nehmen wir beispielsweise den Fall des [ungarischen] Schriftstellers Peter Esterházy mit seinem Roman Harmonia Caelestis, in dem er voller Bewunderung von seinem Vater erzählt. Nach der Veröffentlichung musste er erfahren, dass sein Vater für den kommunistischen Geheimdienst gearbeitet hatte. Der Schriftsteller schrieb eine Klarstellung [das Buch Verbesserte Ausgabe]. In Mitteleuropa ist es ratsam, sich nicht zu früh zu freuen, einen Roman nicht zu loben, solange die Archive noch nicht gesprochen haben.

HN : Wenn man Sie so hört, bekommt man den Eindruck, dass Mitteleuropa nur durch seine Vergangenheit lebt, in einer verflossenen Zeit...

JT : Das war mehr oder weniger schon immer so, zumindest seit 1918. Wir schwelgten schon immer in der Vergangenheit, der Zeit Österreich-Ungarns, oder der Zeit vor Jalta. An die Vergangenheit denken, spendet uns Trost, oder aber wird zum Zukunftstraum. Erhard Busek [österreichischer Politiker, Experte für Mitteleuropa- und Balkanfragen] meint, der Begriff "Mitteleuropa" beinhaltet auch, sich dem Status Quo, mit anderen Worten der Realpolitik, zu verweigern. Wir leben in einer Art zeitverschobener Gegenwart.

HN : Heute benutzt man den Begriff "Mitteleuropa", um zu unterstreichen, dass man nicht zu Osteuropa gehören will. Sehen Sie das auch so?

JT : Ja, aber das ist nichts Neues. Nach 1989 wurde der Begriff von Slowenen, Kroaten, den Bewohnern der [serbischen] Provinz Vojvodina und anderen Serben benutzt, um sich vom Balkan abzugrenzen. Ich habe auch Weißrussen getroffen, für die Mitteleuropa eine Möglichkeit war, sich von Lukaschenka zu distanzieren, um sich, anders gesagt, vom Big Brother im Osten loszulösen. Eine Art Identitätswechsel, ein Mittel, einen neuen geokulturellen Weg einzuschlagen... (js)