Während amerikanische Beamte Alarm schlagen und vor einer wiederaufflammenden Bedrohung warnen, die von der schiitischen militanten Gruppe Hisbollah ausgehe, fällt es tausenden ihrer Mitglieder und Anhänger in Europa erstaunlich leicht, Geld zu beschaffen und dieses zur Führungsspitze der Organisation in den Libanon zu schleusen.

Washington und Jerusalem bestehen darauf: Die Hisbollah ist eine vom Iran geförderte blutige terroristische Organisation, die eng mit Teheran zusammenarbeitet, und syrische Militärs ausbildet, bewaffnet und finanziert, damit diese den dortigen Aufstand gewaltsam niederschlagen. Für die Europäische Union ist [die Hisbollah] aber weiterhin eine politische und soziale Kraft im Libanon.

Während Israel einen Präventivschlag gegen iranische Atomanlagen für immer wahrscheinlicher erklärt, warnen Geheimdienstler vor Angriffen ausländischer Ziele durch den Iran und die Hisbollah.

Israelische und amerikanische Beamte machen die Hisbollah und den Iran für den Bus-Anschlag in Bulgarien verantwortlich, bei dem vor wenigen Wochen fünf israelische Touristen starben.

Ihrer Meinung nach war dieses Attentat Teil einer Geheimoffensive, die bis nach Thailand, Indien, Zypern und sonst wohin reicht. Hisbollah-Anhänger führen dagegen ins Feld, dass keinerlei konkrete Beweise vorliegen, die den Bombenanschlag auch wirklich mit der Gruppe in Verbindung bringen.

Wie der diesjährige Gefahrenbericht der Schutzkommission zeigt, soll die Gruppierung auf dem ganzen Kontinent aktiv sein und Deutschland eine Art Zentrum darstellen, in dem vergangenes Jahr 950 Mitglieder und Anhänger, 2010 etwa 900 tätig waren.

Seit den Anschlägen vom 11. Dezember hat sich die Hisbollah in Europa in Zurückhaltung geübt und heimlich, still und leise Geld beschafft, das in humanitäre Maßnahmen im Libanon fließt, wo es für den Bau von Schulen und Krankenhäusern, aber laut westlichen Geheimdiensten auch für Terroranschläge verwendet wird.

Europaweit beobachten Sicherheitsdienste die politischen Anhänger der Gruppierung. Wenn es aber darauf ankommt, Schläferzellen aufzuspüren, von denen die größte Gefahr ausgeht, bringt dies nicht allzu viel, meinen die Experten.

„In ganz Europa verfügt [die Hisbollah] über gut ausgebildete Agenten, die lange Zeit nicht gebraucht wurden, je nach Bedarf aber wieder schnellstens aktiv werden könnten“, erklärt der politische Berater der European Foundation for Democracy in Brüssel, Alexander Ritzmann, der [das Problem unter anderem] vor dem US-Kongress ansprach.

„Würde es handfeste Beweise dafür geben, dass die Hisbollah in terroristische Aktivitäten involviert ist, würde die EU prüfen, ob sie die Organisation [als terroristische Gruppierung] einzustufen hat“, erklärte Erato Kozakou-Marcoullis, die Außenministerin Zyperns, das derzeit die EU-Ratspräsidentschaft innehat.

Die Standpunkte sind genauso unglaublich unterschiedlich wie die vielen Rollen, in welche die Hisbollah seit ihrer Gründung nach der israelischen Libanon-Invasion 1982 geschlüpft ist.

Dem militanten Flügel der Hisbollah konnte eine Reihe von Entführungen und ausgeklügelten Bombenanschlägen im eigenen Land nachgewiesen, im Ausland vorgeworfen werden. Allerdings nimmt die Gruppierung auch zahlreiche soziale Aufgaben wahr, zu denen die zerrüttete libanesische Regierung nicht mehr imstande ist.

Seither ist sie zu einer politischen Kraft angewachsen, die zwei Minister stellt und ein Dutzend Parlamentssitze innehat.

Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah erklärte, dass eine europäische Listung [der Gruppe als Terrororganisation] „die Hisbollah zerstören“ würde, weil sie die „Geldquellen austrocknen“ und die „politische und materielle Unterstützung vernichten“ würde.

Viele Jahre schon ist – Europa militanten islamischen Gruppen gegenüber toleranter als die Vereinigten Staaten [von Amerika]. Vor den Anschlägen vom 11. September unterhielt Al-Qaida in London sogar ein Informationsbüro.

Und ein Teil der Anschläge wurde im deutschen Hamburg geplant, wo Mohammed Atta – der Anführer des Ganzen – lebte.

Jahrelang warfen US-amerikanische Funktionäre Deutschland vor, sich gegen eine härtere Bestrafung der Geschäfte zu sträuben, welche die Sanktionen gegen den Iran umgehen.

Offensichtlich hat sich ihr Druck ausgezahlt: Im vergangenen Jahr akzeptierte Deutschland, dass die in Hamburg ansässige Europäisch-Iranische Handelsbank auf die schwarze Liste der EU gesetzt wird.

Doch während die Regierungen der USA und Israels vor den lange Zeit untätig gebliebenen internationalen Terroristen des Irans und der Hisbollah warnen, betont Europa nachdrücklich die Unterschiede zwischen einem international agierenden Terrornetzwerk wie Al-Qaida und dem, was als Auseinandersetzung zwischen Israel und den USA einerseits; dem Iran, Syrien und der Hisbollah andererseits betrachtet wird.

Für einige Experten sind schiitische Gruppierungen wie die Hisbollah nicht so gefährlich wie militante sunnitische Organisationen wie Al-Qaida. „Die größte Gefahr radikal-islamischer Aktivisten aber gehe von den Salafisten, also nicht den Schiiten, sondern den Sunniten aus“, meint der Berliner Terrorismusexperte Berndt Georg Thamm mit Bezug auf eine harte Kerngruppe des sunnitischen Islams.

Diese Wahrnehmungslücke, die zwischen beiden Ufern des Atlantiks klafft, ist so groß, dass man den Eindruck bekommt, dass die US-Amerikaner sich mehr Sorgen um die von der Hisbollah ausgehenden Gefahren für Europa machen als die Europäer selbst.

Die Niederlande stuften die Hisbollah 2004 als terroristische Vereinigung ein und erklärten, dass sie nicht zwischen dem politischen und dem terroristischen Flügel der Gruppierung unterscheiden.

Großbritannien unterscheidet beide Phänomene und hat nur den militanten Flügel gelistet.

„Für die Briten ist das eine Art Werkzeug: Ändert Ihr Euch, nehmen wir Euch von der Liste“, erklärt Ritzmann. „Die Franzosen halten es für nicht sehr schlau, sie auf die Liste der terroristischen Gruppen zu setzen, zumal sie doch eine wichtige Rolle auf der politischen Bühne spielen.“

Für Thamm „lässt sich die Hisbollah nicht als homogene Einheit bewerten“ und das wird sich seiner Meinung nach „auch nicht in absehbarer Zeit ändern“.

Europas Skeptiker glauben, dass die Hisbollah sich nur deshalb zu einer stärker politisch agierenden Gruppe entwickelt hat, weil sie sich immer mehr von ihrer terroristischen Vergangenheit distanzierte, die sie dennoch nicht völlig aufgegeben hat.

Israel dagegen schüre Ängste, um einen möglichen Angriff auf die iranischen Atomanlangen irgendwie zu rechtfertigen.

Expertenmeinungen zufolge sind Sicherheitsbeamte auf dem Kontinent gegen die Listung der Gruppierung, weil es so etwas wie eine stillschweigende Vereinbarung gibt, welche die Lage ein wenig entspannt: Ihr zufolge verübt die Hisbollah keine Anschläge, wenn ihr die Gesetzeshüter beim Geldbeschaffen oder beim Ausbau ihrer Organisation nicht in die Quere kommen.

„Ein jeder befürchtet, den Zorn der Hisbollah auf sich zu ziehen und sie dadurch womöglich ins eigene Land zu holen“, erklärt der Terrorismusexperte Bruce Hoffman, der als Professor für Sicherheitspolitik an der Georgetown Universität arbeitet.

„Warum sollte man einen Stein ins Rollen bringen, wenn man damit eine ganze Lawine auslöst?“