Interview (2/2): Glucksmann: „Europa leidet auch am Scheitern der Intellektuellen“

4. September 2012 – Der Spiegel (Hamburg)

Europa durchläuft eine Vertrauenskrise und ist gezwungen, seine demokratischen Grundlagen zu überdenken. Bei diesen Herausforderungen ist es nötig, die Solidarität innerhalb der EU zu stärken und eine Gemeinschaft aufzubauen, die offensiver auf die Herausforderungen von Außen reagiert, meint der französische Intellektuelle André Glucksmann.

Die EU hat ihre Anziehungskraft nicht eingebüßt, niemand verlässt freiwillig die Euro-Zone.

Glucksmann: Niemand tue freiwillig Böses, sagte Sokrates. Ich interpretiere das so: Das Böse geschieht, wenn der Wille erlahmt. Lösungen und Wege in der aktuellen Finanzkrise zu finden scheint mir keine übermenschliche Aufgabe. Die EU- Lenker finden sie ja auch immer wieder, von Mal zu Mal.

Von Gipfel zu Gipfel in Brüssel in immer kürzerem Abstand. Die angeblichen Lösungen halten nur nicht.

Glucksmann: Was fehlt, ist eine globale Perspektive. Das Warum der Europäischen Union, ihr Daseinszweck, ist abhandengekommen. Man wird immer eine Mög- lichkeit finden, die europäischen Institutionen zu verbessern und den Erfordernissen der Situation anzupassen. Da kann man sich auf die Findigkeit der Politiker und Juristen verlassen. Die Herausforde- rung stellt sich auf einer anderen Ebene, und es geht dabei sehr wohl ums Überleben: Wenn die alten europäischen Nationen sich nicht einigen und geschlossen auftreten, werden sie zugrunde gehen.

Das haben die europäischen Führer doch wohl begriffen?

Glucksmann: Warum handeln sie dann kleinstaatlich? Die Frage der Größe ist in der Globalisierung eine absolute Notwendigkeit geworden. Frau Merkel fühlt bestimmt, dass Deutschlands Schicksal sich auch im europäischen Hinterhof entscheidet. Deshalb hat sie sich nach einigem Zögern zur Solidarität entschlossen, in Maßen. Dennoch lässt auch sie es zu, dass Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien in der Krise auseinanderdividiert werden. Wenn unsere Staaten sich unter dem Druck der Marktkräfte trennen lassen, werden sie untergehen, jeder für sich und alle gemeinsam.

Lesen Sie das vollständige Interview auf Spiegel Online

Lesen Sie den ersten Teil des Interviews auf Spiegel Online: „*Das Krisenbewusstsein kennzeichnet die europäische Moderne*****“

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