Ihr Buch „Vergesst die Krise! Warum wir jetzt Geld ausgeben müssen“ ist ein Plädoyer gegen den Sparkurs und den kategorischen Kampf gegen Defizite. Sind Sie der Meinung, dass Europa den falschen Weg eingeschlagen hat?

Den Ausgangspunkt bildet Griechenland. Niemand kann abstreiten, dass Athen Probleme mit seiner Haushaltsdisziplin hatte und weitestgehend für seine katastrophale Lage verantwortlich ist.

Als sich aber Panik ausbreitete und man nach Erklärungen suchte, erwies sich dieses Land als geeignetster Sündenbock.

Es passte einfach alles so gut: Die Zentralbanken neigen von Haus aus dazu, schärfer [gegen mangelnde Disziplin] vorzugehen und gesellschaftliche und haushaltspolitische Laschheit für die Probleme der Eurozone verantwortlich zu machen.

Und es zeigt auch, wie dogmatisch die Deutschen sind: Immer zur Stelle, wenn es darum geht, anderen ihre mittelmäßige Tugendhaftigkeit vorzuwerfen.

Es wurde einfach so ausgeblendet, wie einzigartig – und allein – Griechenland doch ist. Seine schlimmen Missgeschicke wurden falsch ausgelegt und trugen dazu bei, dass man einfach alles über einen Kamm scherte und damit das allgemein gültige Spardogma rechtfertigte.

Aus Konformismus wurden andere Standpunkte einfach Hals über Kopf verworfen, ohne sie überhaupt zu diskutieren.

Ihrer Meinung nach sind also die Deutschen schuldig?

Vom historischen Standpunkt aus betrachtet ist Ihre panische Angst vor Inflation durchaus nachvollziehbar. In ihren Augen ist sie der Grund für die damalige Tragödie. Dabei scheint ihr kollektives Gedächtnis aber auszublenden, wie viel Leid die schreckliche Deflationspolitik der 1930er Jahre auslöste.

Seine Vormachtstellung innerhalb der EZB hat [Deutschland] natürlich seiner Spitzenstellung in Europa und der ursprünglichen Rolle dieser Institution – als Schutzwall gegen mangelnde Disziplin und Inflation – zu verdanken. [...] Deutschland ist der Gläubiger eines Europas, das in der Tat eine Zeit lang im Überfluss lebte.

Allerdings hätte ich schon gern gewusst, welche Mittel man verschrieben hätte, wenn die Kapitalströme nicht von Deutschland in spanische Immobilien geflossen wären, sondern andersherum.

Sind Sie schon immer ein Euroskeptiker gewesen?

Ja. Meiner Meinung nach war der Euro ein romantisches Hirngespinst, ein ehrenwertes Zeichen für politische Einheit.

Seine Landeswährung aufzugeben bedeutet aber, viel unflexibler zu werden. Plötzlich fehlt der nötige Handlungsspielraum. Da ist es gar nicht so einfach, Alternativen zu finden.

Für den Fall, dass die Krise räumlich beschränkt ist, gibt es zwei Mittel: Die Mobilität der Arbeitskräfte, mit der sich Jobverluste kompensieren lassen. Aber vor allem die steuerliche Integration, mit der Einnahmeverluste ausgeglichen werden können. In dieser Hinsicht eignete sich Europa für die Einheitswährung wesentlich weniger als die USA.

Ziehen wir nur einmal den Vergleich Floridas und Spaniens: Die gleiche Immobilienblase, der gleiche Crash. In den Vereinigten Staaten können die Menschen aber einfach in einem anderen Bundesstaat Arbeit finden, in dem die Lage nicht so katastrophal ist.

Für sämtliche Sozialleistungen, Krankenversicherungen, Bundesausgaben und Bankgarantien steht Washington ein. In Europa sieht das anders aus.

Wie bewerten Sie Europas Reaktion auf die Krise?

Mein Aufruf, vom Sparkurs Abstand zu nehmen, richtet sich an Länder, die noch die Wahl haben. Weder Spanien noch Griechenland hätten sich von den deutschen Forderungen befreien können.

Damit hätten sie schließlich einen Totalausfall riskiert. Frankreich ist meiner Meinung nach in keiner so kritischen Haushaltslage und braucht auch nicht so viele Sparmaßnahmen. Allerdings muss man das Vertrauen der Märkte aufrechterhalten...

Wie kann das gelingen?

Die Antwort ist die Währung. Und für sie ist die Europäische Zentralbank zuständig. Einerseits kauft [die EZB] massiv spanische und italienische Anleihen, um die Zinssätze so niedrig wie möglich zu halten. Andererseits machte sie unmissverständlich klar, dass sie eine flexiblere Politik fährt.

Sie versprach sogar, die Zinsen auch dann nicht anzuheben, wenn es Anzeichen für Inflationsdruck gibt. Und obendrein hat man sich inzwischen für realistischere Prognosen entschieden: Statt der heutigen Inflationsrate von null oder einem Prozent rechnet man mittelfristig mit zwei oder drei Prozent.

Und Griechenland?

Ich weiß nicht, wie sich dieses Land in der Eurozone halten kann. Das ist fast unmöglich. Kommt es aber zum Austritt, würden [Kunden das Geld von] spanischen und italienischen Bank[kont]en massiv abheben. Und dann wäre die EZB gezwungen, umgehend unbegrenzte Liquiditätsversorgung zu gewährleisten.

Würde sie das in den darauffolgenden zwei Wochen nicht tun, würde die Bundesbank die Flinte ins Korn werfen – und dann wäre der Euro Vergangenheit.

Welche Folgen hätte das Ende der Einheitswährung?

Man stelle sich nur einmal Schulden in einer Währung vor, die es gar nicht mehr gibt... Meiner Meinung nach würde die [Euro-]Zone ungefähr ein Jahr lang in eine schwere Rezession abtauchen, bevor die Länder Mittel und Wege finden, den Austausch fortzusetzen und – wie Spanien und Italien – wieder auf den Weg zur Wettbewerbsfähigkeit gelangen.

Politisch gesehen wäre dies eine Katastrophe: Das größte Projekt der Geschichte wäre damit gescheitert. Zudem würden die Führungsspitzen, die man für das verantwortlich machen würde, so sehr in Verruf geraten, dass Populisten und Nationalisten sozusagen freie Bahn hätten.

Welche Lösung schlagen Sie für die südlichen Länder vor?

Die herkömmliche Lösung wäre eine interne Geldabwertung. Grundsätzlich könnte man mittels Lohnsenkungen wieder wettbewerbsfähig werden.

Allerdings ist es keinem einzigen Land – nicht einmal Irland oder Lettland – gelungen, die Reallöhne in der Privatwirtschaft zu senken. Ferner verstärkt Deflation die private Euro-Schuldenlast. Und obendrein droht Kapitalflucht.

Zudem müssen die ins Schwanken geratenen Regierungen all diese Maßnahmen durchsetzen. Da gerät man schnell in eine Sackgasse.

Im Vergleich zu Deutschland zahlt Spanien um ein Drittel zu hohe Gehälter. Anstatt sie aber gewaltsam zu senken – eine politische Unmöglichkeit –, könnte man sie jenseits des Rheins einfach steigen lassen, um den Wettbewerb mit Spanien zu fördern.

Das hätte eine Lockerung der Geldpolitik zur Folge und würde für Deutschland sicher eine höhere Inflationsrate bedeuten.

Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft der Eurozone aus?

Wenn die EZB die richtigen Maßnahmen ergreift, könnte sich die Lage in den kommenden drei bis fünf Jahren durchaus entspannen. Allerdings würde Europa dadurch nicht weniger anfällig werden. Seine Währung steht auf wackeligen Beinen. Daran wird sich nichts ändern.

Außer natürlich man führt eine europäische Bankgarantie ein. Bis dies geschieht, würde das System ein wesentlich bequemeres Dasein fristen, wenn es sich mit höheren Inflationsraten abfindet und diese als ein Mittel betrachtet, um die Krise besser zu überstehen.

Eines sollten wir aber nicht vergessen: Grundsätzlich befindet sich Europa nicht auf dem absteigenden Ast. Es ist ein produktiver und innovativer Kontinent.

Es hat nur versäumt, dem richtigen Team das Steuerrad in die Hand zu drücken, und sich Institutionen zu geben, die ein kontrollierendes Auge auf seine Wirtschaft werfen. All das lässt sich aber durchaus nachholen.