Der Albaner, der zum wohlhabenden Geschäftsmann wurde, oder die gute Tochter aus dem schicken Ekali-Vietel, die sich zur Westentaschen-Aktivistin mausert. Der Alt-Anarcho, der den jungen Möchtergern-Revoluzzern erklärt, was Sache ist, der Hotelier aus Zypern, der sich auf japanische Touristen spezialisiert oder der Ex-Knacki, der heute Kultur-Events organisiert: Sie alle treffen sich auf einem Platz, den ehedem ein Politiker der PASOK der Sozialistischen Partei Griechenlands in einen Parkplatz verwandeln wollte: dem Exarchia-Platz, Treffpunkt der Jugend von Griechenlands Hauptstadt, die am Mythos der Subkultur schnuppern will.

Wie eine Schlange häutet sich der Ort Tag für Tag. Verschiedenste Hautfarben mischen sich. Geschäfte öffnen und schließen (im Rhythmus der Molotow-Cocktails, versteht sich). Alteingesessene Etablissements wie die Restaurants „Rosalia“ oder „Floral“, sowie das Kino „Riviera“. Nicht zu vergessen, zwei, drei andere Sehenswürdigkeiten, wie die beiden Kioske oder der Brunnen, Treffpunkt für Verliebte. Wer spätabends hierherkommt erlebt nicht nur die Auswirkungen der Krise, sondern auch das unveränderte Flair von Exarchia, dem unruhigsten Ort Griechenlands seit dem Sturz der Diktatur, wie es selbst das amerikanische Außenministerium formuliert!

Laute Musik, Cabrios und Mafia

An vielen Nächten machen auf dem Platz Amateur-Gruppen oder DJs Musik, sehr laute Musik: „Wir wollen sehr laute Musik, um uns die Junkies, Händler von Fälscherware oder die albanische Mafia vom Hals zu halten“, erklärt einer der Konzert-Organisatoren. Trotz der dröhnenden Musik spielen die jungen Leute Fußball, trinken Bier oder diskutieren in kleinen Gruppen über dies und das, aber nicht über Politik! Nachts gibt es auf dem Exarchia-Platz keine Politik!

Wie soll man auch über Politik diskutieren, wenn ab 23 Uhr die Mini Coopers, BMW-Cabrios und Audis aus den schicken Vierteln herkommen und die Horden junger Insassen in die Cafés rund um den Platz strömen ? Oft sind es Gruppen junger Frauen auf Highheels oder mit Tod’s Sandaletten, im Prada-Outfit und mit Vuitton-Handtasche. Sie trinken Bier und lassen sich einen Abend lang von der mythischen Atmosphäre des Exarchia-Platzes berauschen. Manchmal kommt Haschisch-Geruch vom Nachbartisch, wo ihnen eine Gruppe junger Männer mit Antifa-T-Shirts Komplimente für Frisuren zuruft.

Greift jemand ein? Niemand! Die „Mützen“ sind auf dem Platz nicht gern gesehen, erklären die Anwohner, alles, was Uniform trägt, vom Polizisten zum Steuerfahnder. Kommt es zu wirklichen Vorfällen, kann es sein, dass die Polizei erst gar nicht erscheint. Oder dass sie wartet, bis es Tag wird. Giorgos Apostolopoulos, ein dem Athener Bürgermeister nahestehender Stadtrat, hatte einmal eine ganze Nacht lang bei der Polizei angerufen, um sich über die laute Musik zu beschweren. Der Beamte sagte ihm, er werde seinen Chef informieren, und das war’s dann auch. Auch Exarchia leidet unter den „kriminellen Elementen“, wie man hier die Pakistaner bezeichnet, die Schmuggel-Zigaretten verkaufen, oder die albanische Mafia, die Drogenhandel betreibt. Doch die Anwohner des Viertels sind es gewohnt, selbst für Ordnung zu sorgen und verjagen sie regelmäßig. Selbst die Anarchos beteiligen sich daran.

Prügeleien und billiges Bier

Giorgia Blani hatte einst ein Schmuckgeschäft am Platz. Oft schon hat sie gesehen, wie Leute mit Schlagstöcken zusammengeschlagen wurden. „Glauben sie nicht, dass der Platz immer voller Leute ist. Jedes Jahr, am Jahrestag des Aufstands gegen die Diktatur am 17. November, ist der Platz wie leergefegt. Die Menschen fliehen. Es wird immer gefährlicher“, erzählt sie. Vor allem, wenn jemand mit Stoppelhaarschnitt sich irgendwie auffällig bewegt. Dann meinen die Leute, er sei ein Faschist und wird mit Schlagstöcken verprügelt.

Manche meinen, dass die Krise Exarchia gut getan hat. Sicher, die Buchhandlungen mussten schließen, aber es gibt auch viele neue Bars und das Bier ist sehr billig. Die Live-Musik ist gut und kostenlos, und alles ist blitzblank sauber. Im Vox, einem besetzten ehemaligen Kino, eröffnete eine soziales Café: Man kann hier für wenig Geld trinken, und alles ohne Quittung! Schwierig, die Hausbesetzer zu vertreiben und das Kino endgültig zu schließen. Das letzte Mal, als die Polizei es versucht hat, haben die Anarchos nur drei Tage später die Schlösser aufgebrochen und das Gebäude wieder besetzt. Sie sind heute immer noch da.

Im Kampf gegen den „totalen Kapitalismus“

Aber es gibt nicht nur Anarchisten auf diesem Platz. Das ist ein Mythos. Das Heroin ist zurück, und mit ihm hat sich Exarchia verändert. Die Schlägertrupps der benachbarten Missolongi-Straße streunen um den Platz herum: die gefährlichste Straße der Hauptstadt. Die „Veteranen“ der Platzes, oftmals Freunde oder Klassenkameraden von Alexis Grigoropoulos [einem 15-Jährigen, der im Dezember 2008 von Polizisten in der Nähe des Platzes erschossen wurde sind misstrauisch geworden.

Organisationen wie die gewerkschaftlich-anarchistische Initiative oder die Anarchisten für die soziale Befreiung gelten als die gemäßigten des Exarchia-Platzes, da sie die einzigen sind, die sich über eine Mitgliedschaft organisieren. Sie verteidigen den Anarchosyndikalismus, der im spanischen Bürgerkrieg entstand, aber auch einen Sozialanarchismus, der sich aus dem kommunistischen Anarchismus ableitet. Bei Demonstrationen markieren sie ihr Revier mit schwarzen Flaggen. An der Bewegung der Empörten haben sie sich aber nicht beteiligt, da es sich ihrer Meinung nach dabei um eine Bewegung von Kleinbürgern handelte. Die Annulierung des Memorandums zwischen der Regierung und der Troika aus EZB, EU und IWF zur Sparpolitik ist für sie derzeit das einzig lohnende Ziel in ihrem Kampf gegen den totalen Kapitalismus. (j-s)