Dieses Land bleibt trotz aller Bemühungen der Brüsseler Eurokraten und ihrer inländischen Mitarbeiter eine so gut wie einsame Insel der wahren Freiheit in einer Welt, die mit ihren verschiedenen Verboten und ihren – entschuldigen Sie den Ausdruck – direkten Vorschriften in Sklaverei versinkt.

Wir können also damit rechnen, dass ein paar Hegers [Leoš Heger – tschechischer Gesundheitsminister] und Konsorten versuchen, die aktuelle Krise des Spirituosenmarkts zu nutzen und ein Grundrecht einzuschränken, für welches vor langer Zeit im ganzen Land öffentlich gekämpft wurde: nämlich den völlig freien Zugang zu Hochprozentigem aller Art, überall und zu jeder Tages- und Nachtzeit. Wenn sie es doch nur täten.

Das partielle Alkoholverbot, das die Behörden am Abend des 14. Septembers aus schierer Verzweiflung verhängten, kann nicht ewig andauern. Vielleicht ist das Ende dieses Verbots jedoch der richtige Zeitpunkt für eine ernsthafte Diskussion darüber, ob man nicht einen Teil davon aufrechterhalten könnte. Weil es dafür gute Gründe gibt und weil es das Land der Zivilisation ein Stück näherbrächte.

„Liberales Paradies“ außer Kontrolle

Unzweifelhaft werden sich Stimmen erheben und erklären, ein Verbot sei „keine Lösung“, und wir werden mit Sicherheit auch eine Menge Beispiele aus der ganzen Welt zu hören bekommen, in welchen alle Bemühungen hinsichtlich einer begrenzten Verfügbarkeit von Spirituosen gescheitert sind, umgangen werden und nur den Schwarzmarkt unterstützen... Es gab auf Facebook in der Tat schon humorvolle Anspielungen auf die Frage, ob Miroslav Kalousek [tschechischer Finanzminister, der bekannterweise gerne trinkt] denn auch der richtige ist, um über die Gefahren des freien Zugangs zu hochprozentigem Alkohol zu predigen.

Vielleicht ist er wirklich nicht der richtige, aber diesmal hat er die Wahrheit auf seiner Seite. Und obwohl es in der Debatte bestimmt nützlich ist, auf die Skeptiker und ihre Argumente und Erfahrungen zu hören, sollten wir in unserer jetzigen Situation lieber auf die Länder sehen, in denen Hochprozentiges als das behandelt wird, was es tatsächlich ist: im Wesentlichen eine ziemlich gefährliche Droge, die sich von illegalen Drogen womöglich nur dadurch unterscheidet, dass der Staat bei ihrem Verkauf stattliche Steuern kassiert.

Doch in der Tschechischen Republik, dem „liberalen Paradies“, ist die Situation leicht aus dem Ruder gelaufen. Das ist kein Unfall, sondern vielmehr bei der tschechischen Variante von „Freiheit“ die Regel. Und steht scheinbar auch in Zusammenhang mit anderen, typisch tschechischen Dingen – zum Beispiel die in ganz Europa unübertroffene Anzahl von Spielcasinos, in denen man seinen Lohn und seine Sozialleistungen munter aus dem Fenster werfen kann. Oder sogar der dreiste Widerstand gegen „Modetrends“, die uns davon abhalten würden, nach dem Mittagessen direkt vor der Nase unserer Tischgenossen in einem vollen Restaurant eine Zigarette zu genießen.

Statt an eine Insel der Freiheit denkt man dabei jedoch vielmehr an ein rustikales Freiluftmuseum, in dem natürlich jeder ein bisschen Frieden finden kann. Aber vielleicht ist es Zeit, sich anderswo umzusehen. (Der Autor gibt übrigens zu, dass er weder Nichtraucher noch Abstinenzler ist.)

Verbieten wir doch zuerst die Straßenstände.

Jeder, der mit Schwarzmarktwodka das Augenlicht oder gar das Leben verlieren will, kann das letztendlich bewerkstelligen – auch wenn der Verkauf von Spirituosen strikt verboten wird. Doch es könnte ihm ein bisschen schwerer gemacht werden. Schließlich fallen für solche Hasardeure manche Ausgaben an, die durch ihre Beiträge beim Finanzministerium nicht gedeckt werden.

Das gleiche gilt für die weniger drastischen Fälle von „gewöhnlichem Alkoholismus“. Ein Verbot von Straßenständen, die Hochprozentiges anbieten, könnte somit der erste, relativ einfachste Schritt sein. Und dann können wir anfangen, darüber zu reden, ob die Tschechische Republik ein guter Ort ist, um das Modell anderer Länder auszuprobieren – die sich ganz bestimmt nicht als totalitäre Staaten betrachten und in denen Spirituosen nur in zugelassenen Läden und nur zu bestimmten Öffnungszeiten verkauft werden. Halb vier Uhr morgens gehört eindeutig nicht zu letzteren. Alles ist besser als unsere Situation heute.

Das alles setzt natürlich voraus, dass der Staat zusätzlich zu dieser offiziellen Repression dazu fähig ist, seine anderen Funktionen auszuführen. Das hat er in den letzten Jahren offensichtlich vernachlässigt, trotz aller Warnzeichen. Er muss auch in der Lage sein, den Schwarzmarkt ebenso erfolgreich zu bekämpfen wie kleine Marihuana-Anpflanzungen. Denn dies ist wirklich ein Problem, das nichts mit „Freiheit“ zu tun hat. (pl-m)