Da saß er wieder im Saale der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag. Er, einer der letzten großen Europäer unter den Christdemokraten, umzingelt von einer Armee der Euro-Skeptiker, die ihm bei seinem Besuch im Reichstag höflichen Applaus spendeten. Helmut Kohl fürchtet zu Recht um seinen großen Traum der europäischen Vereinigung.

Der nie um eine Metapher verlegene Kohl sprach früher immer von den zwei Seiten einer Medaille – der deutschen und der europäischen Einheit. Das war sicher eine griffige Formel, an die er wohl auch selbst geglaubt haben mag. Sie hat sich als falsch erwiesen. Die deutsche Vereinigung ist nicht die Kehrseite der europäischen Einheit, sondern ihre Antithese. Die Wiedervereinigung ist nicht nur eine der tiefen Ursachen der Euro-Krise, sie ist auch eine der Ursachen unserer Unfähigkeit, die Krise zu lösen. Genau darin besteht die eigentliche Tragödie des Helmut Kohl: Mit seinem größten politischen Streich (deutsche Einheit) säte er den Kern für die Zerstörung seines größten politischen Traums (europäische Einheit).

Die überhastete Wiedervereinigung kostete knapp zwei Billionen Euro an Transferleistungen. Sie war das größte Beispiel wirtschaftlichen Missmanagements der Weltgeschichte. Ein Rekord, der erst jetzt dabei ist, vom Euro-Desaster abgelöst zu werden. Man sollte sich nicht wundern, dass die Bundesbürger, die bereits die Transferleistungen für Ostdeutschland über sich ergehen lassen mussten (und müssen), jetzt keine weitere Transferunion in Europa wollen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die alte, nicht vereinigte Bundesrepublik die Euro-Krise besser gemeistert hätte. Wir hätten jetzt die Fiskal- und Bankenunion, und die griechischen Schulden wären abgeschrieben. Für die alte Bundesrepublik war die europäische Integration die Ultima Ratio aller Politik. Man hätte die Krise als eine Chance zur institutionellen Erneuerung der EU begriffen.