Rocío Montero ist um die 50 und hat einen olivfarbenen Teint, sie lebt in El Vacie, einem Vorort von Sevilla, in welchem eine der ältesten Barackensiedlungen der Zigeuner in Europa liegt. Dort lebt sie seit über 20 Jahren mit ihrem Mann Manolo, der als Schrotthändler arbeitet, und ihren sieben Kindern. Vor ein paar Monaten entdeckten Rocío und sieben andere Zigeunerinnen über einen Workshop des TNT internationalen Zentrums für Theaterforschung das Werk von Federico García Lorca, diesem "guten Mann, der so viel für uns getan hat". Vom Theatervirus erfasst, blieben die acht sevillanischen Zigeunerinnen am Ball und nahmen an dem in Spanien einmaligen Sozialintegrationsprojekt teil.

Offensichtliche Parallelen zwischen Figuren und Interpreten

Das künstlerische Resultat wurde von den Rezensenten und sogar von Laura García Lorca, der Nichte des Dichters und Präsidentin der Federico García Lorca Stiftung, mit Beifall begrüßt. "Anfangs dachten sie, Lorca lebt noch", schmunzelt Pepa Gamboa, die Regisseurin dieser höchst eigenen Version von "Bernarda Albas Haus". "Manche von ihnen können weder lesen noch schreiben, und natürlich haben sie keinerlei Theaterausbildung, aber sie machen dieses Manko durch einen beneidenswerten Enthusiasmus wett." "Wir sind 'Alphabeten'", wiederholten sie während der Interviews mehrmals. Eine Schwierigkeit, die sie jedoch nicht daran gehindert hat, den Text auswendig zu lernen. Rocío erzählt mit ihrer heiseren Stimme von den Proben: "Pepa hat mir den Text vorgelesen und ich habe ihn wiederholt. Einmal, zweimal, dreimal, fünfmal... bis ich ihn auswendig konnte."

Die radikale Einstellung dieser Inszenierung brachte Pepa Gamboa dazu, den Text ein bisschen auszulichten und ein wenig zeitgenössischer anzugehen. Zugunsten einer besseren Glaubhaftigkeit erhielt das Stück dann von den Schauspielerinnen selbst vorgeschlagene Zusätze. Das Ergebnis überrascht durch seine dramatische Intensität. Und dank der Beständigkeit und der Bemühungen dieser Frauen fand diese ganz besondere Arbeit ihr Publikum und konnte in ganz Spanien vorgestellt werden. "Ein kurzer Einblick in das Leben dieser Frauen zeigt eine ganz offensichtliche Parallele zu den Figuren des Stücks: Frauen, die einem erstickenden, qualvollen Gefangensein unterworfen sind. Dieser Kontext der sozialen Isolation ist für die Zigeunerinnen aus El Vacie Alltag und liegt dem von Lorcas Heldinnen Angustias, Magdalena, Amelia, Martirio und Adela sehr nahe. Für sie ist das, was in dem Stück passiert, keine Tragödie, sondern ganz alltäglich", betont Pepa Gamboa.

Ein regen- und rattendichtes Haus

Die ersten Aufführungen kamen gut an. "Im November waren wir in El Vacie und im Februar im [berühmten] Teatro Español in Madrid. Wir haben dort zwei Wochen lang vor vollem Haus gespielt", erzählt sie weiter. Diese Anerkennung durch das Publikum gab den Schauspielerinnen Selbstvertrauen und sie unterzeichneten ihren ersten Arbeitsvertrag. Und doch herrscht noch ein seltsames Paradox: "Sie leiden immer noch unter ihrer Ausgrenzung. Es gibt Orte, wo man sie nicht hineinlässt. Oft muss ich sie begleiten, damit sie überhaupt ein Taxi mitnimmt. Sogar zu einem Fest zu ihren Ehren wollten sie die Türsteher erst nicht hineinlassen."

Heute verdient Rocío zwar als Schauspielerin Geld, aber sie steht mit beiden Füßen auf der Erde. Sie weiß, dass ihr Leben in El Vacie auf sie wartet, und das einzige, was sie sich wünscht, ist nicht eine Karriere als Berufsschauspielerin, sondern ein Haus, "das regen- und rattendicht ist", ein Ort, an dem ihre ganze Familie in Würde leben könnte. (pl-m)