Bisher sprachen Soziologen vor allem von der sogenannten „verlorenen Generation“. Politiker trauten sich dagegen nicht so recht, dieses Wort in den Mund zu nehmen. Bis der italienische Regierungschef Mario Monti das nahezu verabredete Schweigen brach und seinen jungen Landsleuten gegenüber erklärte: „Ihr seid eine verlorene Generation.“ Beziehungsweise sagte er: „Die – leider unangenehme – Wahrheit ist, dass das Versprechen und die Hoffnung auf Veränderungen und Verbesserungen des Systems erst für diejenigen eingelöst werden kann, die in ein paar Jahren erwachsen sein werden.“

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und der britische Premierminister David Cameron hätten dies diese Worte sagen können. Doch es war Monti, der den Weg geebnet hat. Das beudeted, dass Politiker bald damit anfangen werden „gute Nachrichten“ zu verkünden, um die jungen Menschen vergessen zu lassen, welch angenehmes Leben ihre Eltern genossen haben. Rücken wir die Dinge einmal ins rechte Licht: Für die heutige Euro-Krise sind die amtierenden politischen und intellektuellen Eliten verantwortlich, die in einem „Kristallpalast“ aufgewachsen sind.

Interessanterweise haben sie selbst zu ihrer wohlbehüteten Existenz, ihrem Wohlstand und ihre Sicherheit nicht wirklich viel beigetragen. Sowohl Merkel als auch Cameron, aber auch der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder und der frühere Premier Tony Blair: Sie alle sind einfach nur in die Fußstapfen ihrer Vorgänger getreten. In dieser leistungsfähigen „Verbrauchergenossenschaft“ – wie Zygmunt Bauman sie nennt – erntet man die Früchte der Arbeit anderer und sonnt sich im Glanz der Erfolge, die nicht die eigenen sind.

Wahlberechtigt, aber arbeitslos

Europa wurde von einer Generation geschaffen und aufgebaut, die eine durch Auschwitz verkörperte, tragische Vergangenheit erlebt hatte. Die Gründungsväter der Europäischen Union – Konrad Adenauer, Robert Schumann oder Alcide de Gasperi – wussten, dass sie nur dann etwas wirklich Gutes und Dauerhaftes schaffen könnten, wenn sie wirklich zusammenarbeiteten. Europäische Solidität erwies sich als Segen.

Die heutige Eliten wuchsen unter ganz anderen Umständen auf, genossen Sicherheit und Frieden und ihre Lebensstandards stiegen kontinuierlich an – das Ergebnis des vorab mit diesem Ziel geschaffenen Wohlfahrtsstaates.

Wie kann es also sein, dass Europa nach einer solch spektakulären Erfolgsgeschichte heute plötzlich ein vielleicht fast genauso spektakuläres Fiasko erlebt? Weil die gegenwärtigen Eliten meinen, dass sie die EU einfach nur von ihren Vorgängern geerbt haben, und dabei völlig ausblenden, dass sie sie ihren Kinder vererben sollen. Die Denkweisen und der Geist der Menschen, die heutzutage Europas Steuerrad in den Händen halten, lassen sich wie folgt zusammenfassen: „Lasst uns unser Leben in vollen Zügen genießen, zumal die EU schon bald nur noch in unserem Gedächtnis existieren wird.“

Die vier A's

Um die Frage zu beantworten, welches Problem in Europa momentan am akutesten ist, braucht man nur auf die Straßen und Plätze unserer Großstädte zu schauen. „Wir haben das Recht, zu wählen, aber wir haben keine Arbeit!“, schreit die arbeitslose Jugend. Wir leben in einer Demokratie, aber haben weder genug zu essen, noch ein Dach über dem Kopf. Vor unseren Augen werden immer mehr Menschen zu Vollzeit-Prekären. Wer davon betroffen ist? Der Autor von The Precariat: The New Dangerous Class ("Das Prekariat: die neue gefährliche Klasse"), Guy Standings, hat darauf eine kurze und treffende Antwort: Praktisch jeder. Im Kern aber vor allem junge Menschen.

Und das einzige, was sie von ihren Eliten zu hören bekommen, ist, dass sie eine „verlorene Generation“ sind, und dass die EU womöglich auseinanderbricht. Laut Standing machen die Prekären die „vier A’s“ durch: „anger [Wut], „anomie“ [gesellschaftlicher Zusammenbruch], „anxiety“ [Angst] und „alienation“ [Entfremdung]. Was eine solche soziale Stimmungslage produziert? „Entrüstete Bürger“, wie wir sie im Sommer 2011 in den Straßen von London zu Gesicht bekamen. Sie sind die „Neu-Armen“, die nichts mit hilflosen Obdachlosen gemeinsam haben. Es ist eine Generation, deren ganze Lebensperspektive von langfristiger Arbeitslosigkeit und Minijobs geprägt ist, in denen sie Arbeiten verrichten, die unter ihrem Qualifikationsniveau liegen und die ihnen keinerlei Perspektiven eröffnet. Eine solche Situation ist der beste Nährboden für Wut und Zorn.

Die Frage, die sich uns derzeit stellt, ist folgende: Wie können wir aus dieser Wut Mut machen? Dafür dürfen wir erstens nicht vergessen, dass mutige Gedanken aus Mut zu Visionen hervorgehen. Folglich sollte laut verkündet werden: „Lasst uns keine Angst vor unserem Hass haben“. Wir haben das Recht dazu, weil unsere Situation nun einmal so ist, wie sie ist.

Dafür gibt es nur eine Bedingung: Wut, Aufruhr und Hass dürfen nicht gegeneinander gerichtet werden. Sie dürfen nicht gegen unsere Mitmenschen gerichtet werden, weil dadurch nur Öl ins Feuer gegossen würde. Damit würden wir aus unserer Welt einen grauenvollen Albtraum machen. Mit dem gegenwärtigen Hass und der Wut in den Herzen tausender junger Europäer muss Gleichgültigkeit bekämpft werden. Unser heutiger kategorischer Imperativ muss lauten: „Ich hasse meine Gleichgültigkeit“.

Wut statt Mut

Zweitens brauchen große Veränderungen „konstruktive Phantasie und Initiativen“, wie Claus Leggewie es in seinem bekannten Buch „Mut statt Wut“ schreibt. Wer kann also sicher sein, dass Solidarität und nicht Egoismus, dass Zusammenarbeit und nicht mörderischen Konkurrenzkämpfe, dass nachhaltige Entwicklung und nicht nur Profitdenken irgendwann wieder zu den Leuchttürmen werden, die uns den Weg in einem vereinten Europa weisen?

Beginnen wir mit jenen, die es – aus moralischen, intellektuellen aber auch spirituellen Gründen – ganz sicher nicht tun werden: Europas Eliten. Diejenigen, die die EU in den letzten zwei Jahren so erfolgreich gerettet haben, dass sie bald nur noch in unserer Erinnerung existieren wird. Diese Eliten sind nicht die Lösung für die Probleme der Union. Sie sind der Grund dafür. Merkel oder Hollande zu bitten, dass sie uns aus der gegenwärtigen Krise herausholen, ist etwa so, als würde man einen blinden Menschen darum bitten, impressionistische Gemälde zu kommentieren.

Wer also? So verrückt das klingen mag, aber ich denke, dass die Erasmus-Generation Europas letzte Chance ist. Dabei handelt es sich um ein Programm, dass nach Meinung der Eurokraten in Brüssel so verschwenderisch ist, dass es im Rahmen der „Sparmaßnahmen“ ausrangiert werden könnte. Warum sollten wir auch das Geld der Steuerzahler für Stipendien ausgeben, die junge Europäer – so wird zumindest gemunkelt– vor allem dafür ausgeben, um es sich so richtig gut gehen zu lassen?

„Es reicht!“

Allerdings könnten wir die Gegenfrage stellen, ob die Konferenzen, Debatten und Studienreisen der Eurokraten, sowie die damit verbundenen Kosten, die alle mit unseren Steuergeldern finanziert werden, dem Zusammenhalt der EU mehr dienen, als wenn man junge Menschen dabei unterstützt, in einem anderen Land zu studieren und Lebenserfahrung zu sammeln.

Der Erasmus-Generation steht Massenarbeitslosigkeit bevor. Sie steckt inmitten einer Hoffnungskrise. Gleichzeitig ist sie durch ihren engen Kontakt zu Gleichaltrigen aber auch mit der Vielfältigkeit Europas aufgewachsen. Angesichts ihrer hoffnungslosen Lage versteht diese Generation ganz genau, was der tschechische Philosoph Jan Patočka die „Solidarität der Erschütterten“ nennt. Aufgrund ihres gemeinsamen Schicksals hat die Erasmus-Generation verstanden, dass es die Welt, wie wir sie heutzutage kennen, bald nicht mehr geben wird.

Was danach kommt? Die Zukunft liegt in unseren Händen. Es ist an der Zeit, dass die heutige „verlorene Generation“ damit beginnt, ein neues Europa zu erschaffen. Wir brauchen eine neue fortschrittliche Politik, die nicht auf Wachstumslogiken gründet, sondern radikal mit ihnen bricht. Diejenigen, die heutzutage wirklich frei sind, sind nicht etwa diejenigen, die stets „mehr, mehr, mehr“ schreien (mehr Shopping, mehr Kredite, mehr Zerstörung unserer Mutter Erde), sondern diejenigen, die daran glauben und stark genug sind, „Es reicht!“ zu rufen.

Werte Erasmus-Generation: Ich weiß, dass ihr keine Arbeit habt und man Euch jede Hoffnung auf eine bessere Zukunft geraubt habt. Dabei seid Ihr die letzte Chance für Europa. Wer soll die EU retten, wenn nicht Ihr? Wann, wenn nicht heute? Tut es für Euch und Eure Kinder. Der „Europäische Traum“ liegt in Euren Händen. (j-h)