Vor ein paar Wochen war ich in Madrid, gerade zu dem Zeitpunkt, an dem die Demonstrationen gegen die Regierung stattfanden und es zu den Zusammenstößen mit der Polizei kam, über die unsere Medien ausführlich berichteten. Vor allem im Fernsehen wurde das Ausmaß der Proteste und der Gewalthandlungen oft übertrieben.

Ich befand mich zufällig in einer der „heißen“ Zonen. Dort beschlich mich ein Gefühl, nicht der Angst – ich erinnere mich an sehr viel beängstigendere Kundgebungen, von den Protesten in Triest in den Nachkriegsjahren bis hin zu den Demos in den Siebzigern, an die Straßenschlachten in Genua im Jahr 1960 oder anlässlich des G8-Gipfels – sondern des Unbehagens, eines Unbehagens, das fast an Beklemmung grenzte, eine wahre Malaise.

Gerade die nachvollziehbaren Ursachen der Kundgebung – die für immer mehr Menschen immer mühseliger werdenden Lebensbedingungen, die wachsende Schwierigkeit, den wesentlichen Forderungen der Bevölkerung (Gesundheit, Sozialhilfe, Renten, Arbeit) zu entsprechen – flößten mir eine bleierne, verstörte Traurigkeit ein, machten die Last einer grauen Zukunft und eines trost- und würdelosen Lebens physisch spürbar. Sie verliehen mir das Gefühl der Ungewissheit, von der Zygmunt Bauman spricht [Soziologe, Autor des Buchs Liquid Times: Living in an Age of Uncertainty (2007), auf Deutsch Flüchtige Zeiten. Leben in der Ungewissheit (2008)].

Versperrter Weg zur Selbstverwirklichung

Dieses Gefühl einer aussichtslosen, frustrierenden Zukunft beschäftigt meine Generation nicht direkt. Uns interessiert die Zukunft nicht persönlich. Unser Universum ist die Gegenwart, die zu ergreifen und zu genießen oder, wenn wir unter ihr leiden, zu vermeiden ist. Die Ungewissheit und das mögliche Elend der Zukunft stimmen Menschen in meinem Alter nicht melancholisch. Im Allgemeinen haben wir schon seit langem auf Karten gesetzt, die uns mit ausreichender Wahrscheinlichkeit versichern, dass wir in der Zeit, die uns interessiert, auf unsere Kosten kommen.

Aber diejenigen, die heute in das Alter kommen, in dem sich die Qualität und der Sinn des Lebens entscheiden, fühlen sich behindert, wenn sie sich entwickeln, eine eigene Welt aufbauen und den Anspruch auf das Glück erheben wollen, so wie er in der amerikanischen Verfassung verankert ist.

So ergreift die Bestürzung auch jene, die nicht mehr für sich selbst fürchten, und die, wenn es nur von ihnen abhinge, es sich weiterhin gut gehen lassen und die eigenen vollen Vorratskammern leeren würden. Die Bestürzung ergreift sie nicht nur, weil sie sich um die anderen sorgt, die ihnen teuer sind – ihre Kinder und Enkel –, sondern weil wir alle für die Zukunft der anderen verantwortlich sind und der Mensch nicht glücklich sein kann, wenn er von Traurigkeit umgeben ist. In einer toten Welt kann niemand das Leben genießen.

Zur gleichen Zeit berichteten die Zeitungen in Madrid über den immer stärker gärenden Separatismus in Katalonien und die daraus resultierende Involution und Lähmung der Innenpolitik Spaniens, dieses großen und vitalen Landes, und Europas im Allgemeinen. Die Stimmung war von einem Gefühl des nahen Untergangs geprägt.

Die Demonstrationen, die den Protesten in anderen Regionen Europas ähneln, waren nicht Ausdruck einer politischen Rebellion, einer Alternativlösung, die vielleicht diskutabel oder inakzeptabel, aber immerhin ein Zukunftsprojekt wäre; Sie beschworen nicht das Bild eines militärischen Angriffs herauf, sondern erinnerten eher an ein Regiment, das zur feierlichen Flaggeneinholung antritt.

Mit Europa ins Glück

Die Europäische Union, mit ihren Kommissionen, Haarspaltereien, Vorsichtsmaßnahmen und Kompromissen, den lähmenden Vetostimmen der Mitgliedsstaaten und den unendlichen Mediationen, die oft in einem Patt enden, schien – scheint – weit entfernt zu sein, wie der Kaiser in der berühmten Parabel Franz Kafkas, dessen entscheidende Botschaft unterwegs ist, aber nie ankommt.

Währenddessen verbreitet sich der von der Wirtschaftskrise genährte Gestank der Nationalismen, Partikularismen, der bornierten und unversöhnlichen separatistischen Bestrebungen. Jede Nation oder Ethnie, die selbstverständlich die Möglichkeit haben muss, sich frei zu entwickeln oder ein Staat zu werden (die Schweiz müsste sich in diesem Fall in vier Staaten spalten, was die Schweizer nicht anzustreben scheinen), wird von einer absurden Erregung ergriffen und meint, dass Abschottung und feindselige Separation die Wirtschaftskrise lösen könnten.

Unsere einzig mögliche Realität, die einzige, die Sicherheit und Stabilität garantiert, ist Europa; ein europäischer Staat, ein echter Staat – eine dezentralisierte Föderation, die zusammenhält und souverän ist wie die Vereinigten Staaten von Amerika – ein Europa, in dem die aktuellen Nationalstaaten Regionen werden, die zwar autonom sind, jedoch zum Beispiel weder ein Vetorecht bei politischen Entscheidungen einer wirklich regierenden Regierung hätten, noch das Recht, Gesetze oder gar Verfassungen zu verabschieden, die nicht mit den Grundsätzen der europäischen Verfassung übereinstimmen; ein europäischer Staat, dessen Autorität sich nicht auf Verwarnungen oder Mahnungen, sondern auf wahre Rechte stützt.

Nur ein wahrer europäischer Staat bietet uns die Möglichkeit einer würdevollen Zukunft. Heute sind die Probleme nicht mehr national, sie betreffen alle. So ist es zum Beispiel genauso lächerlich, in den einzelnen Ländern unterschiedliche Immigrationsgesetze zu haben, wie es lächerlich wäre, in diesem Bezug unterschiedliche Gesetze in Genua und in Bologna einzuführen.

Bloß keinen Trübsinn blasen

Ein authentischer europäischer Staat könnte auch beträchtliche Einsparungen erzielen und zum Beispiel die Kosten für die unzähligen schmarotzenden Kommissionen, Vertretungen und Institutionen reduzieren. Europa ist an und für sich eine Großmacht und es ist schmerzlich zusehen zu müssen, wie sie zu einer streitsüchtigen oder schlimmer noch, einer ängstlichen und machtlosen Wohnungseigentümerversammlung verkommt. Um sich ihrer selbst gewachsen zu sein, um wirklich Europa zu werden, müsste die Europäische Union entschlossen und von fester Hand regiert werden, ohne schwammigen Ökumenismus, ohne Angst davor zu haben, diejenigen zurechtzuweisen, die ihr Haus rein halten, indem sie ihre Abfälle vor die Tür der anderen werfen.

Die Europäische Union ist wahrscheinlich nicht in der Lage, standhaft und entschlossen zu handeln, aber wenn sie so weitermacht, dann bedeutet das ihr Ende, das allmählich Erlöschen der Lichter in einem sich leerenden Kino. Zum ersten Mal in der Geschichte wird versucht, ohne Rückgriff auf kriegerische Handlungen eine große politische Gemeinde aufzubauen. Ja gerade die Ablehnung des Krieges erfordert eine Autorität, die funktioniert. Unschlüssigkeit ist kein Merkmal der Demokratie, sondern deren Todesurteil.

Wenn das vereinigte Europa augenscheinlich aus den Fugen gerät, sich auflöst, dann ist es normal, dass jene, die an Europa glauben, von diesem Gefühl des Unbehagens und der Niedergeschlagenheit überkommen werden, das mich an diesem Abend in Madrid ergriff. Selbstverständlich bedeutet das nicht, dass man sich der Melancholie hingeben soll. Wir sind nicht auf der Welt, um in unseren Gemütsverfassungen zu schwelgen oder trübsinnigen Gedanken nachzuhängen, die manchmal von Verdauungsbeschwerden hervorgerufen werden.

Unbehagen oder nicht, wir arbeiten weiter, so gut wir können, für das, was wir für das Beste, oder zumindest für das am wenigsten Schlechte halten, in der tiefen Überzeugung, dass wir letzten Endes Erfolg haben werden. Die Malaise und Trostlosigkeit sind Übel, die es zu bekämpfen gilt, vor allem, weil sie heute immer stärker verbreitet sind. Gewiss, wenn man die Texte der Gründerväter des Konzepts eines vereinigten Europas liest, wie zum Beispiel das [1941 verfasste] „Manifest von Ventotene“ der italienischen Antifaschisten Altiero Spinelli, Ernesto Rossi und Eugenio Colorni, wird man sich bewusst, dass in diesen düsteren Zeiten, wie der Kabarettist Karl Valentin, der Brecht inspirierte, zu sagen pflegte, die Zukunft besser war.