Der sowjetische Geheimdienst KGB wurde im Oktober 1991 aufgelöst. Seither stößt jede Veröffentlichung neuer Informationen wie Listen von Reservisten und Führungskräften des KGB oder Zeugenberichte über die Aktivitäten sowjetischer Agenten durch das litauische Forschungszentrum für Völkermord und Widerstand (LGGRTC) auf reges Interesse. Die Internetseite des Instituts (www.genocid.lt) war zwischenzeitlich wegen Überlastung nicht mehr zugänglich. In 50 Jahren wird die Geschichte des KGB kaum noch jemanden interessieren, aber dieser Tage beeinflusst sie nach wie vor das Leben vieler Litauer. Zudem sind ehemalige Agenten des sowjetischen Geheimdienstes heute auf wichtigen Posten.

Erst kürzlich schlug die Veröffentlichung von Personallisten der KGB-Regionalzentralen hohe Wellen. Auf ihr findet man den Direktor der Kriminalpolizei Algirdas Matonis sowie die Namen zahlreicher Personen in namenhaften Ämtern. Bisher hatte die litauische Bevölkerung keine Ahnung von deren Vergangenheit.

Staatsgeheimnis

Seit Ende des Zweiten Weltkrieges gehörten in Litauen insgesamt mehr als 100.000 Menschen dem KGB-Netzwerk an. 1990 waren noch rund 6.000 Litauer Agenten des Geheimdienstes. Die meisten von ihnen konnten ihre Vergangenheit bisher geheim halten. Etwa 1.500 ehemalige Mitarbeiter haben ihre Tätigkeit inzwischen gestanden, wodurch ihre Verbindung zum sowjetischen Geheimdienst durch ein entsprechendes Gesetz von 1999 als Staatsgeheimnis vertraulich behandelt wird. Viele jener, die ihre Zusammenarbeit zugegeben haben, arbeiteten schon lange vor 1990 für den KGB.

Mangels genauer Angaben kann die Zahl der ehemaligen KGB-Mitarbeiter, die heute im öffentlichen Dienst arbeiten, nicht genau bestimmt werden. Dem Leiter des parlamentarischen Ausschusses für nationale Sicherheit und Verteidung Arvydas Anusauskas zufolge arbeiteten 1991 noch etwa 1.000 litauische Führungskräfte für den KGB. Einige sind danach in Rente gegangen. Fast 200 fanden eine Anstellung im öffentlichen Dienst. Nach der Verabschiedung des Gesetzes von 1999, das KGB-Kollaborateure von bestimmten Berufen ausschloss, konnten jedoch nur einige Dutzend Personen ihre Stellen behalten.

Von der Vergangenheit eingeholt

Die Direktorin des litauischen Forschungszentrums für Völkermord und Widerstand, Teres Burauskait, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Archiven des KGB und kennt einige hohe Beamte, die ihre Tätigkeit für den KGB verschweigen. Aber sie vor Gericht zu bringen, ist schwierig. „Wir Forscher haben genügend Beweise, denn wir betrachten ihre gesamte Aktivität. Aber die Justiz hat eine andere Herangehensweise. Nicht alle vorhandenen Dokumente haben rechtlichen Wert. Es handelt sich dabei um Kopien, Dokumente ohne Unterschrift, Arbeitshefte oder Konzeptpapiere. Wir wissen, dass dieses Material echt ist, wir lesen darauf die Namen der Personen, aber all das kann vor Gericht nicht verwendet werden“, bedauert sie.

Mehrere Kandidaten wurden bei den letzten Parlamentswahlen von ihrer Vergangenheit als KGB-Kollaborateure eingeholt. So zum Beispiel ein berühmter Chemiker, der zugeben musste, mit dem sowjetischen Geheimdienst zusammengearbeitet zu haben: Er hatte behauptet, dass seine Mitarbeit habe nur ein Jahr gedauert, obwohl es ein Jahrzehnt gewsen war. Die Namen mehrerer aktueller Politiker befinden sich auf den Einsatzreservelisten des KGB, die vor kurzem von dem Forschungszentrum veröffentlicht wurden. Mindestens sieben von ihnen sind Mitglieder der sozialdemokratischen Partei [die durch den Sieg bei den Parlamentswahlen vom 28. Oktober die neue Regierung stellen wird]. Der bekannteste Fall ist der ehemalige Außenminister und aktuelle Lettland-Botschafter Antanas Valionis. Der Ausschluss ehemaliger Mitarbeiter des KGB von bestimmten Berufen [gemäß dem Gesetz von 1999] wurde 2009 wieder aufgehoben. Das bedeutet, dass heute ehemalige KGB-Kollaborateure jedes Amt im öffentlichen Dienst übernehmen können.

Einmal KGB, immer KGB

Arvydas Anusauskas glaubt, dass es dennoch keinen Grund zur Beunruhigung gibt. „Wenn jemand aufgrund dieses Gesetzes vor zehn Jahren seine Stelle in der Staatsanwaltschaft verloren hat, welche Chancen hat er dann, seine Arbeit heute Jahren wiederzubekommen? Seine Kompetenzen und Kenntnisse sind nicht mehr aktuell“, erklärt er.

Die Unterlagen beweisen auch, dass kein Litauer freiwillig mit dem KGB zusammengearbeitet hat. Teres Burauskait berichtet, dass neue Mitarbeiter entweder geködert oder gezwungen wurden. Aus diesem Grund waren die meisten ehemaligen Mitarbeiter des KGB froh, sich reinwaschen zu können. Diejenigen, die ihre Vergangenheit noch leugnen, haben ihren Seelenfrieden für immer verloren, denn sie können sich nie sicher sein, dass ihre Verbindung zum KGB nicht eines Tages doch noch ans Licht kommt, gibt sich die Direktorin des Zentrums überzeugt.

Sollte man sich also immer noch vor dem Phantom des KGB fürchten? Arvydas Anusauskas kann kleine klare Antwort auf die Frage geben, ob ehemalige Mitarbeiter des KGB weiterhin für Russland spionieren. Die Vermutung kann weder klar bestätigt noch gänzlich entkräftet werden. Es lässt sich auch nicht von der Hand weisen, dass frühere KGB-Agenten in Russland und Litauen noch immer miteinander in Kontakt stehen, sich in professionellen Fragen gegenseitig helfen und Informationen austauschen. „Wie Putin sagte: 'Es gibt keine ehemaligen KGBler'. In diesem Punkt hat er wohl Recht“, so der Abgeordnete. (mz)