Die jüngsten Aufwallungen sezessionistischer Gefühle in Katalonien machen mich stutzig und besorgt. Ich habe hier bisher nicht über dieses Thema geschrieben, weil ich davon ausgehe, dass die Leser dieser Kolumne im Allgemeinen meine Meinung teilen – warum also offene Türen einrennen? Doch anlässlich meines neuen Romans wurde ich mehrmals interviewt und auch zu diesem Thema befragt. Meine Antwort lautet im Großen und Ganzen wie folgt.

Ich verstehe, warum manche Leute wütend und verzweifelt sind, und ich glaube, es könnte kaum schlimmer stehen. Ich kann nur mit einer Gewissheit und einem Geständnis antworten. Ich habe die Gewissheit, dass es uns in der Tat noch schlechter gehen könnte. Und mein Geständnis lautet, dass ich zwar abenteuerlustig bin, aber nur in der Literatur. Nicht in der Politik, denn da bin ich ein leidenschaftlicher Verfechter bleierner Langeweile, wie etwa in der Schweiz oder in Skandinavien.

Wenn ich also höre, wie Arturo Mas sagt, der Weg zur Unabhängigkeit führe durch „unbekanntes Gelände“, dann stehen mir die Haare zu Berge. Schriftsteller und Wissenschaftler haben die Verpflichtung, sich mutig auf unbekanntes Gelände zu wagen, doch für Politiker sollte das tabu sein. Wenn der Schriftsteller im dunklen Unbekannten in einen Abgrund fällt, was soll’s? Doch wenn ein Politiker in den Abgrund fällt, reißt er uns alle mit – es ist nämlich ein historischer Abgrund. Ich weiß nicht, ob ich hinzufügen muss, dass ich weder katalanischer Nationalist noch Sezessionist bin.

Linke Werte und Nationalismus sind unvereinbar

Das ist auch schon in etwa alles. Seitdem ich das zum erstem Mal kund getan habe, bin ich immer wieder überrascht, wie viele Leute mir zu diesen Worten gratulieren. Eine auf Katalonien spezialisierte Historikerin erinnerte mich daran, dass Pierre Vilar den Begriff „Unanimismo“ [zu Deutsch: Einstimmigkeit] im Hinblick auf Sachlagen prägte, bei denen die Angst jede Opposition zum Schweigen bringt und ein illusorisches Gefühl der Eintracht schafft. Sie gab zu, sie traue sich nicht öffentlich zu sagen, dass sie an diesem sezessionistischen Fieber keinen Anteil nimmt.

Ich war erstaunt, dass es immer noch Ecken und Enden gibt, in denen die Menschen nicht verstehen, dass der Nationalismus – sei es der spanische oder der regionale – mit den Werten der Linken unvereinbar ist. Und es gibt immer noch Ecken und Enden, in denen man nicht versteht, dass der katalonische Nationalismus, der –ismus einiger weniger, nicht dasselbe ist wie die katalanische Sprache, die uns allen gehört.

Ich bin verblüfft über die allgemeine Verblüffung, die [José Manuel] Lara auslöste, als er erklärte, sein Verlag Planeta [der größte Spaniens] werde seine Kisten packen und ein unabhängiges Katalonien verlassen. Verblüfft, wenn der Anführer der Unabhängigkeitspartei ERC [Esquerra Republicana de Catalunya, links] jetzt sagt, ein unabhängiges Katalonien wäre zweisprachig, wenn es doch bislang stets hieß, die Zweisprachigkeit führe zum Aussterben der katalanischen Sprache

Nichts ist unmöglich

Ich bin auch verblüfft über die Raffiniertheit von Artur Mas, der es von heute auf morgen geschafft hat, dass die Katalanen nicht mehr ihm die Schuld an allen Missständen geben, sondern stattdessen Spanien. Ich bin verblüfft und entsetzt, wenn ein ehemaliger Regionspräsident aus der Extremadura verkündet, dass die Leute, die ursprünglich aus der Region im Südwesten stammen und heute in Katalonien leben, in die Extremadura zurückgeschickt werden sollten, als handle es sich um Vieh; und wenn der katalanische Regionspräsident, dessen Aufgabe es ist, Gesetze zu erstellen und dafür zu sorgen, dass sie befolgt werden, nun sagt, er werde das Gesetz missachten.

Vor diesem Hintergrund verblüfft es mich weniger, zu sehen, wie ein Autor fast zu einem bewaffneten Aufstand aufruft, oder wie ein Politiker [Alejo Vidal Quadras, Abgeordneter der Volkspartei] fordert, dass Katalonien unter die Herrschaft der Zivilgarde gestellt wird. Doch am allermeisten verblüfft es mich allerdings, wenn scheinbar vernünftige Menschen behaupten, eine Abspaltung Kataloniens würde in einer freundlichen Atmosphäre und ohne Trauma ablaufen, und wenn fast alle zu glauben scheinen, dass eine solche Situation unmöglich in Gewalt ausarten könne.

Lieber Gott, haben wir denn immer noch nicht gelernt, dass in der Geschichte nichts unmöglich ist und dass große Umbrüche fast immer durch Feuer und Schwert erlangt wurden? Sind wir schon wieder so besinnungslos und ängstlich geworden, dass wir nicht in der Lage sind, einen zivilisierten Ausweg aus diesem Schlamassel zu finden?

Übersetzung von Patricia Lux-Martel.