Ein Langzeitarbeitsloser aus Neapel, eine Teenie-Mutter auch Sachsen-Anhalt, ein Schulabbrecher aus Lelystad, ein depressiver Bankdrücker aus Vilnius: Alles gefährdete Jugendliche, die vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind. Und mit der anhaltenden Krise rücken sie noch weiter weg vom arbeitenden Europa.

„Die Zahlen über die steigende Jugendarbeitslosigkeit sind schockierend. Aber in den Berechnungen tauchen nur die jungen Menschen auf, die bereit sind zu arbeiten, die das auch wirklich wollen. Doch gibt es auch eine riesige Gruppe, die ist so demotiviert, dass sie sich völlig vom Arbeitsmarkt abgekehrt hat.“ Am Telefon spricht Massimiliano Mascherini von der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen, einer EU-Agentur. Er forscht dort über die Jugend, die weder Job noch Ausbildung oder Praktikum hat (die sogenannten „Neets“, Not in education, employment or training). Dabei untersucht er die Hintergründe und das Verhalten dieser „Schwänzer“, und was sie Europa kosten.

Die Ergebnisse sind alarmierend. Vierzehn Millionen junge Menschen sitzen in Europa zu Hause. Manche sind freiwillig arbeitslos oder aber auf Reisen, doch die meisten sind viel schlechter dran. „Sie haben wenig Vertrauen in die Institutionen und sind sozial wie politisch isoliert. Auch haben sie größere Chancen, am Ende in die Kriminalität abzurutschen“, sagt Mascherini.

Behinderungen und schwierige häusliche Situation

In Brüssel wird die Entwicklung rund um die „Aussteiger“ mit Sorge verfolgt, denn die Probleme verursachen Kosten. Mascherini hat nachgerechnet, dass die jungen Menschen die Mitgliedsstaaten im Jahr 2011 rund 153 Milliarden Euro gekostet haben. 2008 waren es 119 Milliarden. Und das ist nur eine vorsichtige Schätzung, welche nur die Ausgaben für Sozialleistungen berechnet. Die Kosten beispielsweise durch Kriminalität oder im Bereich Gesundheit sind nicht dabei.

Ton Eimers vom KBA (Forschungszentrum zum Berufs- und Arbeitsmarkt) kennt die Problemgruppe gut: „Meistens junge Menschen mit Behinderungen, mit Lernschwierigkeiten und/oder einer schwierigen häuslichen Situation.“ Der Soziologe aus Nimwegen spricht über diese Studie: „Sie beschreibt frühzeitigen Schulabbruch und Arbeitslosigkeit. Es ist stets das gleiche Problem: Die jungen Leute verpassen den Anschluss und können sich nicht in die Gesellschaft eingliedern. In Krisenzeiten nehmen die Probleme dieser Gruppe zu. In normalen Zeiten kann der Arbeitsmarkt auch Menschen absorbieren, die keine Qualifikation haben, aber das ist nun anders. Wenn es denn Arbeitplätze gibt, werden die von jungen Leuten mit höherer Bildung belegt. Die jungen Leute, die nur von der Kraft ihrer Arme leben können, sind damit faktisch ausgeschlossen.“

Auffallend ist, dass die jungen Menschen in den verschiedenen Teilen Europas anders mit der Situation umgehen. In den angelsächsischen Ländern, in Mittel- und Osteuropa sind die „Schwänzer“ eher passiv. Sie sind von der Gesellschaft und den Institutionen enttäuscht und haben das Gefühl, dass niemand ihnen helfen will. Als Reaktion, kapseln sie sich ab. Die Gruppe ist politisch nicht relevant, und der Großteil geht auch nie zur Wahl. Rumhängen, soziale Isolation und Einsamkeit sind hier die Schlagwörter.

Massenarbeitslosigkeit führt zu Radikalisierung

In den Mittelmeerländern hingegen ist diese Problemgruppe politisch aktiv. „Nicht umsonst sieht man, dass in Spanien und Griechenland die Jugendlichen bereit sind, auf die Straße zu gehen. Sie fühlen sich von der Politik nicht repräsentiert und wehren sich dagegen. Sie haben eine Tendenz zur Radikalisierung. Sollte in diesen Ländern ein radikaler Block entstehen, ist es durchaus wahrscheinlich, dass er bei den jüngeren Menschen eine große Anhängerschaft findet.“

Obwohl Spanien immer wieder als Land mit der höchsten Jugendarbeitslosigkeit genannt wird, sei die Lage in Italien und Bulgarien besorgniserregender, sagt Mascherini. „Die Spanier sind relativ gut ausgebildet und haben schon Erfahrung mit der Arbeit. Die Jugendarbeitslosigkeit rührt direkt von der Krise her. In Bulgarien und Italien sind die Probleme strukturell. Dort führen Ausbildungen nicht auf den Arbeitsmarkt. In Italien sitzen die jungen Leute schon seit Jahren zu Haus. Weshalb die Lage dort auch viel akuter ist.“

Den Unterschied zwischen passiver und aktiver Unzufriedenheit erklärt der Soziologe Eimers allerdings auf andere Art: „Ich denke, dass in Südeuropa die Frustration schneller in Wut umschlägt, weil die Zahlen größer sind. Wenn es in Nimwegen 40 Prozent Jugendarbeitslosigkeit gäbe, würden die Leute auch auf die Barrikaden gehen. Aber wenn sie einer von wenigen sind, dann würden sie sich auch lieber verschämt hinter das Sofa verkrümeln.“

Die einzige Region Europas, wo laut Studie die nichtbeschäftigten Jugendlichen ruhig bleiben, ist Skandinavien. Mascherini: „Dort sind alle jungen Menschen gleichermaßen an Politik und Gesellschaft beteiligt, ob arbeitslos oder nicht, ob frühzeitige Schulabgänger oder nicht. Sowieso gibt es in Ländern wie Dänemark oder Schweden kaum eine Kluft zwischen Ausbildung und Arbeitsmarkt. Der Unterschied zu Bulgarien oder Italien könnte nicht größer sein.“

Und die Niederlande. Ein vorbildliches Land, findet Mascherini. „Kaum strukturelle Probleme, zahlreiche gute Projekte, die auch gut begleitet werden, auch wenn die Zahl der Problemfälle mit der Krise angestiegen ist.“

Drogenhandel und Teenager-Schwangerschaften

Hennie van Meerkerk findet das Bild allerdings allzu rosig. Sie ist die Vorstandvorsitzende von Scalda, einer Fachoberschule [MBO] in Zeeland und spricht von einer „neuen Kategorie von Jugendlichen mir multiplen Problemen. Junge Menschen, die zuvor die Schule frühzeitig geschmissen haben, werden nun auf Kosten der Gemeinden in der MBO umgeschult und müssen dort eine Ausbildung machen. Doch bei den meisten dieser Jugendlichen habe das keinen Sinn: „Sie sind weniger motiviert, als unsere anderen Studenten. Viele haben psychologische Probleme oder Depressionen und sie sind schon häufig mit dem Gesetz in Konflikt geraten.“

Kriminalität sei eine berechtigte Sorge, sagt auch Mascherini. Aus seiner Studie geht hervor, dass diese jungen Leute anfälliger für Suchtgefahren sind. „Das kann sowohl die Ursache für ihr schulisches Versagen und Arbeitslosigkeit sein, als auch die Folge. Wenn man immer zu Hause sitzt oder unter Depressionen leidet, kommen Alkohol- und Drogenprobleme häufiger vor. Und über die Sucht kommen sie zum Drogenhandel. Bei den Mädchen gibt es zudem viele Teenager-Schwangerschaften.“

Van Meerkerk: „Es gibt kaum noch Festanstellungen. Und gerade die Jüngeren, die sich nicht gut ausdrücken können oder die eine schwierige Jugend gehabt haben, sind die Verlierer.“

Eimers stimmt dem zu: „Die Anzahl ist bei uns vielleicht nicht so groß wie in Spanien oder Italien, aber der harte Kern des Problems dieser Jugendlichen ist die schlechte Ausbildung und Verwundbarkeit. Und diese wird mit der Krise größer. Nun sind die Probleme, die sie in der Schule gehabt haben, in der Arbeitswelt angekommen. Die Kommunen, Arbeits- und Schulämter müssen besser zusammenarbeiten. Die Studie zeigt es immer wieder: Wir haben es stets mit der gleichen Gruppe von jungen Menschen zu tun. Man kann nicht weiter abwarten, bis etwas schief geht.“