Seit ein paar Monaten richte ich mich jeden Tag mit meinem Computer im Pressebereich der Europäischen Kommission ein – buchstäblich nur ein paar Schritte entfernt vom großen Pressesaal. Um mich herum tummelt sich eine multinationale, mehrsprachige Armee von Freelance-Reportern, die das kostenlose WLAN nutzen und den offensichtlich subventionierten Kaffee trinken (0,90€ pro Tasse – wie kann das möglich sein?).

Während die „großen“ Korrespondenten, die für die bekannten Titel arbeiten, nebenan im Internationalen Pressezentrum oder im Résidence Palace sitzen, drängen wir Freelancer uns in die hintersten Winkel einer überfüllten Medienlandschaft.

Da ich weit und breit der einzige Australier bin und mich den anderen Englisch-Muttersprachlern nicht unbedingt verbunden fühle, wurde ich von einer Gruppe von Italienern adoptiert. Die teilten mir auch prompt mit, mit jeder Mahlzeit in der Kantine der Kommission verletze ich meine Menschenrechte (und die Kantine vom Europäischen Rat auf der anderen Straßenseite sei um Klassen besser).

Interessanter Haufen

Sie sind eine interessanter Haufen: intelligent, sprachgewandt, mit guten Englischkenntnissen und zum Großteil in den Dreißigern. Einer von ihnen hat einen Nischenmarkt gefunden und schreibt für eine kleine Nachrichtenagentur und eine Luftfahrtzeitschrift, ein anderer wird vor Ort von der Brüsseler Geschäftsstelle eines italienischen Kabelsenders beschäftigt, wieder ein anderer berichtet für einen Landwirtschafts-Newsletter. Sie alle leben von einem Auftrag zum nächsten, manchmal sogar von einem Job zum nächsten, und sind immer auf der Suche nach mehr.

Ich werde auch dem „Vater“ des italienischen Pressekorps vorgestellt: ein distinguierter Herr, dessen Visitenkarte etwas zweideutig ist – collaboratore fisso („fester Mitarbeiter“). Seine Zeitung in Italien wollte nicht dafür zahlen, dass er in Brüssel bleibt, willigte jedoch ein, ihm jede Woche eine bestimmte Anzahl seiner Storys abzukaufen und ihm somit eine Art Honorarpauschale zu sichern.

Und da ist er nicht der einzige: Italiens zweitgrößte Zeitung, La Repubblica, ersetzte kürzlich ihren in den Ruhestand tretenden Korrespondenten in Brüssel durch... sich selbst. Sie erklärten ihm, er könne den Posten behalten, aber als freier Mitarbeiter mit einem Exklusivvertrag. Die Brüsseler Redaktion der Repubblica besteht jetzt also aus einem pensionierten Korrespondenten, der seine Rente dadurch aufbessert, dass er denselben Job macht wie zuvor.

Prekarisierung die Berichterstattung

Also nicht das glamouröse Leben, das man sich beim Gedanken an Journalismus in der wichtigsten Stadt Europas vorstellt. Einmal habe ich gehört, wie ein Journalist am Telefon wissen wollte, was denn bei einer Konferenz, über die er vielleicht berichten wollte, für ein (kostenloses) Mittagessen serviert würde. „Was genau meinen Sie mit belegten Broten?“ fragte er.

Kurz darauf steckte jemand im Clinch mit seiner Zeitung, die zwar auf seiner Teilnahme an einem jährlichen Meeting in seinem Heimatland bestand, aber nicht für den Flug zahlen wollte. Die Redaktion gab zwar im Endeffekt nach, aber der Journalist musste mit Ryanair ab Charleroi fliegen (die Stadt liegt eine Autostunde südlich von Brüssel und alle hassen sie). Daraufhin war er den ganzen Tag sauer.

Wie diese Prekarisierung die Berichterstattung über das europäische Zeitgeschehen beeinflusst, ist schwer zu sagen. Schließlich kennen es viele europäische Freelancer – die neben mir sitzen, während ich dies schreibe – nicht anders. Sie arbeiten wie die Irren, kommen im Laufschritt von der Mittags-Pressekonferenz und tippen dann eine Stunde lang fieberhaft. Sie reisen selten und geben gerne zu, dass sie nicht viel Zeit für Recherchen haben – sie sind hier, um die anspruchlosen Nachrichten aufzusammeln, die ihnen die Europäische Union jeden Tag bietet.

Alle offiziellen Kommunikationsdokumente

Und wenn man es gerne unkompliziert mag, dann kann die Arbeit hier bei der Europäischen Union durchaus einfach sein. Jeden Tag füllen sich die Verteilerfächer vor dem Pressekonferenzsaal der Europäischen Kommission mit Pressemitteilungen, in welchen wichtige und kostspielige politische Entscheidungen angekündigt werden. In den meisten Fällen bekommt man gleich die Handynummer von redegewandten (und mehrsprachigen) Beratern mitgeliefert, die einem dann Hintergrundinformationen oder offizielle Zitate zur Verfügung stellen. Man kann an „technischen Besprechungen“ teilnehmen und, wenn man seine Karten richtig ausspielt, ein Interview mit einem Kommissar ergattern.

Für die elektronischen Medien gibt es zwei Online-Kanäle, die über alle EU-Ereignisse (in Luxemburg, Brüssel und Straßburg) berichten, und mehr abrufbare Videos als auf einen Memorystick passen. Studios und Techniker werden gratis bereitgestellt: Will man ein TV-Interview mit einem Abgeordneten des Europäischen Parlaments aufnehmen, genügt ein Anruf nach unten zu den Jungs von der audiovisuellen Reservierung.

Einmal habe ich an einem Tag alle offiziellen Kommunikationsdokumente mitgenommen, die ich finden konnte: 15 Stück. Eine Mitteilung vom Kommissar für Regionalpolitik über Wettbewerb und Staatshilfe; ein Ausschuss des EU-Parlaments, der das Gemeinsame Europäische Kaufrecht untersucht; eine Mitteilung von Vizepräsidentin Catherine Ashton über die Wahlen in der Ukraine; die Zustimmung der Kommission zur Fusion von zwei Telekommunikationsunternehmen... Unterdessen füllte sich meine Mailbox mit Pressemitteilungen von EU-Organen, deren Existenz ich noch nicht einmal kannte.

Bester Job im Leben?

Das Kernstück dieses Systems zur Nachrichtenerzeugung in der Europäischen Union ist die tägliche Mittags-Pressekonferenz der Kommission. Gewöhnlich kann man sich darauf verlassen, dass es da neue Informationen gibt. Tatsächlich wiederholt die Sprecherin der EU-Kommission, Pia Ahrenkilde Hansen (eine mehrsprachige Version von C.J., für Fans der TV-Serie The West Wing), meist einfach nur, was in den Pressemeldungen schon angekündigt wurde. Ich habe langsam den Verdacht, dass die Reporter hier überhaupt nur herkommen, um den Aufhänger für einen Artikel zu finden oder um durch die Fragen der anderen Journalisten ein Gefühl für einen möglichen Ansatz zu bekommen.

Neue Kollegen witzeln, dass sie die wichtigste Regel für einen aus Brüssel arbeitenden Journalisten schon gelernt haben: Die letzten zehn Minuten des Tages verbringt man damit, die von der Europäischen Union erhaltenen E-Mails zu löschen. Das Zeug nimmt man lieber nicht mit nach Hause und das läuternde Ritual kann durchaus aufbauend wirken. Doch zu einem allgemeineren Thema, nämlich wie wir mit unserer Beziehung zu der Behörde umgehen sollen, bekommen wir keine Tipps.

Wir stehen an einem Wendepunkt in der Geschichte Europas – in der Weltgeschichte sogar. In den kommenden Jahren wird die EU entweder anfangen, sich aufzulösen, oder ihre Kernmitglieder machen sich den Pioniergeist der Gründer zu eigen und streben eine stärkere Einheit an – oder sogar einen vollwertigen Staatenbund. Das alles passiert im Schneckentempo, doch wenn unsere Berichte der nächsten fünf Jahre zusammengefasst werden, dann haben wir etwas Enormes festgehalten. Es könnte die beste Arbeit unserer Karrieren sein.

Doch sind wir der Herausforderung gewachsen? Wird es uns gelingen, über den täglichen Nebel der Pressemeldungen, der zitierbaren Zitate und des belanglosen Hickhacks hinauszuwachsen und aus den Zeiten, in denen wir leben, schlau zu werden? Oder sind wir durch unseren Blickwinkel aus dem Untergeschoss der Kommission zu nah am Geschehen – zu kompromittiert durch die Mechanik der politischen Ankündigungen –, um uns jemals einen Reim auf das zu machen, was da eigentlich abläuft?

Erschienen in der Presseserie:

1. El País: Am Größenwahn gescheitert

2. Und ewig lockt die Macht

3. Die Zeitung stirbt nicht im Silicon Valley

4. Der Tod des Literaturkritikers