Ausländer finden es überraschend, dass die lettische Regierung und Zentralbank fest den Kurs halten, um den Euro am 1. Januar 2014 einzuführen – und das obwohl die Gesellschaft dagegen ist. Eine Meinungsumfrage, die im vergangenen August von der lettischen Notenbank in Auftrag gegeben wurde, besagt, dass nur 13 Prozent der Einwohner wollen, dass der Euro so schnell wie möglich eingeführt wird. 21 Prozent finden, dass man ihn in den kommenden Jahren besser nicht einführen sollte, und 59 Prozent sind wenig oder gar nicht geneigt, ihn überhaupt einzuführen.

Doch die Regierung schreitet unbeirrt voran. Im vergangenen September stimmten alle lettischen Indikatoren mit den erforderlichen Kriterien zum Eurobeitritt überein. Die geringe Begeisterung, die sich in den Meinungsumfragen niederschlägt, hindert die Regierung nicht daran, weiter in diese Richtung zu arbeiten. Die lettischen Politiker sind schon lange an die permanente Negativität der Einwohner gewöhnt, ganz gleich in welcher politischen Frage.

Sie haben auch festgestellt, dass die Wähler das enorme Talent besitzen, an zwei gegensätzliche Dinge zu glauben. Die Gesellschaft drückt in den Umfragen ihre Skepsis gegenüber dem Euro aus, aber Ministerpräsident Valdis Dombrovskis, der größte – und auffallendste – Verfechter der Euro-Einführung liegt nach wie vor unangefochten an der Spitze der Beliebtheitsskala.

Instinktive Ablehnung

Offensichtlich merken auch die Oppositionsparteien, dass sie sich in seichte Gewässer begeben, wenn sie sich klar gegen den Euro stellen. Die Ablehnung des Euro ist sowohl durch die sentimentale Bindung an den geliebten Lats [die lettische Währung] als auch durch eine instinktive Ablehnung alles Neuen und Unbekannten bedingt. Es handelt sich keinesfalls um einen eingefleischten nationalen Widerstand oder um die Konsequenz rationaler politischer und wirtschaftlicher Argumente.

Es gibt zudem relativ starke Argumente für die Annahme der gemeinsamen europäischen Währung. Die meisten lettischen Geschäftsleute sprechen sich zugunsten des Euro aus, um den mit der Währung verbundenen Risikofaktor aufzuheben. Der Euro wird auch Devisenumtauschgebühren einsparen und den Handel begünstigen.

Andres Aslund, ein weltweit renommierter Experte, äußert sich zum Thema der Wirtschaft in den mittel- und osteuropäischen Ländern und betont, dass die Zugehörigkeit zum Euro dem lettischen Bankensektor im Fall einer neuen Krise den Zugang zu den Hilfsfonds der Europäischen Zentralbank bieten wird, was für ein kleines Land mit vielen ausländischen Einlagen ein starker Ansporn sein kann. Die geopolitischen Vorteile spielen ebenfalls eine nicht unerhebliche Rolle. Je stärker die Integration in allen Bereichen der EU ist, desto spürbarer geht der Einfluss Russlands zurück.

Optimistische Prognosen aus Politik und Wirtschaft

Die jüngste Krise der Eurozone hat deutlich bewiesen, dass die Einführung der gemeinsamen Währung allein keine Garantie für Wohlstand und Wirtschaftswachstum ist. Doch die lettische Nationalbank und die Regierung veröffentlichen viele äußerst optimistische Prognosen über die Vorteile, die das Land durch die Einführung des Euro erhalten kann. So sollen etwa die ausländischen Investitionen zunehmen und das Land zu niedrigeren Zinssätzen Kredite aufnehmen können. Doch auch diese Prognosen können unbeachtet bleiben.

Trotz allem stellt eine Nichtumsetzung der versprochenen Vorteile ein weit geringeres politisches Risiko dar als die Gefahren, die mit dem Auftreten der Inflation und mit der nationalen Beteiligung am Hilfsfonds der Eurozone verbunden sind. Die Hoffnung, einem neuen Schuldenschnitt der griechischen Schulden zu entgehen, wird immer schwächer. Diese Situation ist keinesfalls außergewöhnlich, da eine ähnliche, nicht zu einer Entschädigung berechtigende Unterstützung auch jedem anderen von der Krise getroffenen Land gewährt werden muss. Wenn Lettland weitaus reicheren Ländern große Hilfsgelder gewähren muss, dann droht eine harte, erbarmungslose politische Reaktion. Die Einwohner sind heute auch davon überzeugt, dass die Preise steigen werden.

2014 ist nicht nur das Jahr der Einführung des Euro, sondern auch ein Wahljahr für die Saeima [das lettische Parlament]. Die Bevölkerung wird für jedes wirtschaftliche Problem, und dabei besonders die Preissteigerungen, die Einführung des Euro verantwortlich machen. Wenn die neuen Scheine, die im Januar in den Brieftaschen landen, zu schnell an Wert verlieren, dann werden die Koalitionsparteien, die den Euro hergeholt haben, einen hohen Preis dafür zahlen müssen – insbesondere bei den Wahlen im Oktober. (pl-m)