Wie jeden Sonntag wurden neben den alten Holzbänken reihenweise Plastikstühle aufgestellt. Das etwas baufällige barocke Kirchenschiff von Santa Eufemia ist zum Bersten voll. Eine mailändische Gemeinde wie so viele andere, in der Nähe der Porta Romana, einem inzwischen yuppisierten Viertel der lombardischen Hauptstadt. Loden und Nerz sieht man hier genauso wie Anorak und Jogginganzug. Familien, ein paar Senioren und viele junge Leute. Rund 20 Prozent der Italiener gehen im Durchschnitt einmal pro Woche in die Kirche, doch in der Diözese Mailand, der größten des Landes, sind es noch mehr.

Nach der Messe diskutieren kleine Gruppen über die bevorstehenden Wahlen. „Berlusconis Eskapaden haben uns alle angewidert, aber mehr noch als die moralische Seite sind da die ganzen Reformen, die er versprochen und dann 18 Jahre lang nicht durchgeführt hat“, schimpft Matteo, Lehrer an einer katholischen Schule. „Jeder muss sich fragen, nach bestem Gewissen, was heute am dringendsten ist und welche Partei am besten darauf eingeht. Doch die Antwort ist unklarer denn je“, bekräftigt ihn Riccardo, ein Literaturwissenschaftler auf Arbeitssuche. Wie Zehntausende anderer junger Katholiken in der lombardischen Hauptstadt engagieren sie sich in Freiwilligenarbeit: Der eine kümmert sich um Kranke in einem psychiatrischen Krankenhaus, der andere gibt Nachhilfeunterricht.

Welche Partei für engagierte Christen?

Am anderen Ende der Stadt, am Rand von Sesto San Giovanni, einem krisengebeutelten Industrievorort, der früher wegen seiner massiv kommunistischen Wählerschaft als „italienisches Stalingrad“ bezeichnet wurde, befindet sich in einer ehemaligen Grundschule die Stiftung Casa Della Carità (Haus der Barmherzigeit). Hier werden notleidende Immigranten, mittellose Arbeitslose und, als direkte Auswirkung der Krise, auch ein paar bankrotte Unternehmer aufgenommen. „Die Zivilgesellschaft ist lebendig und kreativ, doch es ist ihr noch nicht gelungen, ihre politische Repräsentanz zu finden“, seufzt Don Virginio Colmegna, Frontmann der christlichen Rechten in Mailand, die tief im sozialen Bereich engagiert ist. Knapp 33 Prozent aller Italiener sind noch unentschlossen, wem sie ihre Stimme geben werden. Darunter sind besonders viele Katholiken, vor allem in der Lombardei, die bei der Wahl eine ausschlaggebende Region ist. Die hohe Mehrheitsprämie, die der zuvorderst liegenden Partei zukommt, wird für die Abgeordnetenkammer auf nationaler Ebene errechnet, für den Senat aber nach Regionen. Wenn die Lombardei rechts bleibt, hat die Rechte gute Chancen, die Mehrheit im Oberhaus zu behalten.

In Mailand und vor allem in der restlichen Region mit ihren über zehn Millionen Einwohnern – bei weitem die meistbevölkerte, reichste und produktivste Region der Halbinsel – verkörpern die katholischen Bewegungen immer schon eine politische und kulturelle Macht.

Einerseits gibt es da die Progressisten im weiteren Sinne, sie folgen immer noch der sozialen Botschaft des verstorbenen Carlo Maria Martini, eines prestigereichen Jesuiten, der von 1980 bis 2002 Erzbischof der Stadt war. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die wie Johannes Paul II. vor allem den Vorrang der katholischen Werte hochhalten, so etwa die Bewegung Communione e Liberazione (Kommunion und Befreiung, CL). Der aktuelle Erzbischof, Kardinal Angelo Scola, einer der großen Favoriten für die Nachfolge Benedikts XVI., steht dieser Strömung nahe. Ihr politisches Gewicht in der Region ist entscheidend, dank ihrer ausgedehnten Netzwerke in Gesellschaft und Wirtschaft. Die Progressisten haben sich deutlich für die Linke und die Demokratische Partei entschieden, doch die anderen – und dabei allen voran die CL, die Silvio Berlusconi jahrelang unterstützte – sind heute ratlos. Bei einem Großteil der lombardischen Katholiken ist die Verwirrung umso stärker, da Roberto Formigoni, 17 Jahre lang allmächtiger Regionspräsident und Mitglied der CL, wegen Korruptionsbeschuldigungen zum Rücktritt gezwungen wurde.

Wunsch nach ethischem Wandel

Die katholische Hierarchie hat den Cavaliere lange Zeit unterstützt, doch seit Anfang Herbst 2011, noch bevor er unter dem Druck der Märkte zurücktreten musste, ist sie zur Offensive übergegangen und verlangt dringendst einen ethische Wandel. „Es ging nicht darum, Wahlanweisungen zu geben, sondern darum, Grundsätze zu bekräftigen und darüber nachzudenken, wie die Präsenz der Zivilgesellschaft verstärkt werden kann, um die Politik neu zu beleben“, erklärt Massimo Ferlini, mailändischer Direktor und nationaler Vizepräsident der Compagnia delle Opere (Gesellschaft der Werke): ein Netzwerk von rund 40.000 Klein- und Mittelbetrieben, davon mehr als die Hälfte in der Lombardei, das rund 70 Milliarden Euro Umsatz aufweist. Die Unternehmen sind in den Sektoren Gesundheit, Gastronomie, Abfallaufbereitung, Biotechnologie oder High-Tech tätig, übernehmen aber auch die Schirmherrschaft für Lebensmittel- oder Medikamentenspenden für Bedürftige. Ihre Gegner sehen in ihr den bewaffneten Arm der CL in der Wirtschaft und den Kern eines Machtsystems, das sich an die Regionalbehörden anlehnt.

Für Massimo Ferlini, einen ehemaligen Kader der Jungkommunisten, der zu seinem Kindheitsglauben zurückkehrte, besteht das Wichtige darin, „den Kurs auf Europa zu halten“, damit die seit einem Jahr von Mario Monti und seiner Technikerregierung auferlegten Opfer nicht umsonst waren. Viele treffen diese Wahl, darunter auch hochrangige Volksvertreter, wie der EU-Abgeordnete Mario Mauro, der aus Berlusconis Partei Volk der Freiheit (PDL) ausgetreten ist. Andere bleiben dem Cavaliere trotz allem treu, weil ihnen die Alternativen nicht glaubwürdig genug sind.

„Noch nie waren die Katholiken zwischen den verschiedenen politischen Mächten so aufgesplittert, doch vielleicht ist das die Gelegenheit, eine Linke, die kein Zukunftsbild mehr hat, durch gemeinsame humanistische Werte wieder zu beleben“, findet Paolo Sorbi, ein Alt-68er, der zum Chef der kommunistischen, revolutionären Formierung Lotta Continua (Ständiger Kampf) geworden war und dann zum Katholizismus zurückkehrte – und zwar so inbrünstig, dass er jahrelang einer der mailändischen Leiter der Lebensrechtsbewegung war. Diesmal fühlt er sich von der Demokratischen Partei angesprochen. Zumal manche Kandidaten aus dem katholischen Umfeld stammen oder über Themen Kampagne führen, die den Gläubigen wichtig sind.

„Fremdenfeindlicher Beigeschmack“

„In den letzten 20 Jahren haben wir gesehen, welche verheerenden Auswirkungen fanatischer Egoismus und individualistische Arroganz haben“, wiederholt Umberto Ambrosoli gerne und er erinnert daran, dass „ein Wert, nämlich die Legalität“ seinem Engagement zugrunde liegt. Der junge Strafrechtler, Sohn von Giorgio Ambrosoli (einem renommierten Anwalt, der 1979 von der Mafia umgebracht wurde), ist in der Politik ein Newcomer und vertritt die Linke für die Regionspräsidentschaft, nachdem er in der Vorwahl an der Spitze einer zivilen Liste siegte. Vor knapp zwei Jahren gewann Roberto Formigoni bei den Regionalwahlen die Lombardei zum dritten Mal, mit über 54 Prozent der Stimmen.

Könnte diese traditionell rechtslastige Region umkippen, wie letztes Jahr schon die Stadt Mailand? Den Umfragen nach steht Umberto Ambrosoli Kopf an Kopf mit Roberto Maroni, dem Anführer der Lega Nord und Verbündeten Berlusconis. Viele Katholiken sind besorgt, diese Partei mit ihren sezessionistischen Tendenzen könne die Lombardei gewinnen, wenn sie doch schon die anderen Regionen im Norden kontrolliert. Und der fremdenfeindliche Beigeschmack der „Leghisten“ verärgert viele Gläubige.