Griechenland ist also nicht zusammengebrochen und Europa hat begonnen, wieder leichter zu atmen. Aber nicht für lange Zeit. Italiens rebellische Wähler, die für einen extravaganten Milliardär und einen Clown stimmten, haben uns daran erinnert, wie tief unser Kontinent in der Krise steckt. Währenddessen handelt Frankreich in Mali so gut wie im Alleingang und Großbritannien spricht offen davon, das europäische Schiff ganz zu verlassen. Diese Krise betrifft nicht nur Europas Währung, sondern seine Seele.

Falls sich überhaupt jemals ein Bild eines vereinten Europas abgezeichnet hat, dann bricht es heute mangels Unterstützung durch seine verschiedenen Völker auseinander. Jedes von ihnen hegt seinen Partnern gegenüber Ressentiments oder Verdächtigungen. Doch allen fehlt dasselbe: Nur äußerst wenige Bürger betrachten sich als Europäer zuerst.

Wie kann das sein? Die Geschichte Europas der letzten 50 Jahre wird gewöhnlich als stetiger Fortschritt hin zu einer gemeinsamen Zukunft beschrieben. Doch damit wir verstehen, wo wir heute stehen, sollte die Geschichte vielleicht früher beginnen – nicht mit dem Zusammenwachsen von Frankreich und Deutschland in den 1960er Jahren, sondern mit dem europäischen Modell, das im Jahrzehnt vor dem Unheil von 1914 bestand.

Kosmopolitisch und europäisch

In wichtiger Hinsicht war Europa 1913 kosmopolitischer und europäischer als das Europa von heute. Ideen und Nationalitäten vermengten sich und liefen zu einem Nährboden für Kreativität zusammen. 1913 war der Höhepunkt des Futurismus, der Beginn der Abstraktion mit Picasso und Braque, das Debut von Strawinskys Frühlingsopfer, die Erscheinung von Swanns Welt von Proust. Bei der Zusammenarbeit, um die tiefsten Geheimnisse der Wissenschaft zu erkunden, wurden die Landesgrenzen problemlos überschritten. Die Architektur des kaiserlichen Österreichs und des republikanischen Frankreichs wurde in kleineren Städten in ganz Mittel- und Südeuropa erfolgreich imitiert, man nannte diese Klein-Wien oder Klein-Paris.

Und es gab große Gemeinschaften von im Ausland lebenden Kosmopoliten – sie waren „Passeure“ zwischen den Kulturen, insbesondere städtische Juden sowie deutsche Minderheiten, die quer durch Mittel- und Osteuropa verstreut waren.

Später sollten die meisten der Juden durch die Hand der Totalitaristen niedergemetzelt und die Deutschen – wie auch andere Gruppen – in ihr Ursprungsland deportiert werden. Hitler und Stalin taten also neben ihren größeren Verbrechen auch das ihrige dazu, die Idee des Kosmopolitismus, so wie ihn das alte Europa verstanden hatte, auszulöschen.

Das macht den gewöhnlichen Ausgangspunkt für die moderne europäische Geschichte – die Trümmer von 1945 – um so bewegender. Eine überwältigende Notwendigkeit des Wiederaufbaus, verstärkt durch den Kalten Krieg, vereinte das westliche Europa und rückte Westdeutschland ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Die Europäer prosperierten in einem zunehmend gemeinsamen Markt. Doch das vereinende Element war nicht so sehr der Optimismus als vielmehr die Furcht. Die Furcht vor einem neuen Krieg gegeneinander oder vor einer Ausdehnung der Sowjetunion spornte die Westeuropäer dazu an, eventuell entstehende Differenzen zu überbrücken.

Europa, der Easyjet-Kontinent

Nach dem Fall der Berliner Mauer erweiterte sich Westeuropa nach Osten und schien sich gelassen dem Ende der Geschichte zu nähern — Frieden, Wohlstand, soziale Sicherheit, Demokratie, mit einem verbindenden Symbol vom finnischen Helsinki bis zum spanischen Sevilla. Für seine mehr als 400 Millionen Einwohner wurde Europa zum Freizeitpark, zum Museum, zum Supermarkt – der Easyjet-Kontinent: effizient, schnell, offen für alle zum kleinen Preis.

Doch nun verlangt Europa Opfer und Solidarität, und befindet sich selbst im Niedergang. Überall legen die Populisten und Nationalisten zu. Das Halten des Sparkurses, der Kampf gegen die Schulden – wie sich herausstellt, ist das kein Weg, um Europa zu einen.

Vielleicht hätten die führenden Politiker in Europa alarmierter sein sollen, als der Enthusiasmus sich schon vor der Krise abzunutzen begann. 2005 blockierten die französischen und niederländischen Wähler den Fortschritt der europäischen Verfassung. Unterdessen hatten die erst seit kurzem freien Länder in Mittel- und Osteuropa – Milan Kunderas „gekidnappter Westen“, entstellt durch 45 Jahre sowjetische Besetzung – ihre Wirtschaft weniger re-europäisiert als vielmehr globalisiert. Dasselbe gilt für Europas aufsteigende Generation. Abgesehen vom Euro in ihrer Tasche spürt die europäische Jugend Europas Präsenz nicht tagtäglich.

„Maximale Diversität auf minimalem Raum“

Die führenden Köpfe der öffentlichen Meinung, des Handels und der Regierung sind sich allgemein darüber einig, dass der Kontinent von einer größeren politischen Einheit profitieren könnte, da die Globalisierung kontinentale Blöcke begünstigt. Doch die Länder und Völker Europas müssten große Teile ihrer Souveränität aufgeben und nichts hat sie darauf vorbereitet. Bei der Geschwindigkeit, mit der die Dinge ablaufen, werden die Europäer die Einheit ablehnen anstatt darauf zu drängen.

Aus diesem Grund muss Europa eine neue Idee, eine neue Vision, einen Zusammenhalt für die Zukunft finden. Die vertrauten hochfliegenden Grundsätze werden nicht ausreichen. Menschenrechte, Pluralismus, Meinungsfreiheit, freie soziale Marktwirtschaft – all das ist in den Verfassungen der Länder selbst enthalten. Die Bürger brauchen keine Europäische Union, um es ihnen zu geben.

Wie können also emotionale Bindungen zu Europa hergestellt werden?

Vielleicht liegt die Antwort in der Vorstellung eines leibhaftigen Europas, mit Farben, Gerüchen, Volkskunde und poetischer Kraft. Und Vielfalt. Das Ziel beruht nicht auf gewohnten Grundsätzen – gemeinsame Sprache oder Geschichte oder Geblüt – sondern auf genau dem Gegenteil: einem supranationalen, grundlegend kontinentweiten kulturellen Verständnis und seinen Bezugspunkten. Kundera spricht von Europas „maximaler Diversität auf minimalem Raum“ – ein Gedanke, der vielleicht ebenso machtvoll ist wie „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ oder „alle Menschen sind von Geburt gleich“.

Europakunde in der Schule

Solch eine fundierende Idee ist die unabdingbare Voraussetzung für eine kontinentale politische Einheit.

Erreicht werden könnte sie durch Unterricht in Europakunde an allen Schulen, durch die Hervorhebung des Beherrschens von Fremdsprachen, durch die Zunahme von Austauschprogrammen (für verschiedene Altersgruppen und Jahrgangsstufen), durch die Verbesserung der Mobilität, durch die Vereinheitlichung der europäischen Gesundheits- und Rentensysteme, durch die Wahl europäischer Volksvertreter, die ihren Wählern gegenüber direkt verantwortlich wären, durch eine stärkere Gleichberechtigung von Gastarbeitern und Migranten.

Dazu nun ein Denkanstoß. François Hollande, Angela Merkel und vor allem David Cameron: Erinnert euch an die Passeure! Unterstützt die Bildung eines gemeinsamen, europäischen öffentlichen und kulturellen Raums. Gebt uns eine Vision für die Völker Europas: Lasst sie davon träumen, ein Volk zu sein, und lasst eure Mehrdeutigkeiten hinter euch. Wenn ihr aufrichtig ein politisches Europa anstrebt, dann übernehmt die Verantwortung dafür – mit einer Beherztheit und einer Vision, die über die nächsten Wahlen und den nächsten wirtschaftlichen Stein im Weg hinausgehen. Fördert die geistige Einheit des Kontinents, in deren Mittelpunkt seine Diversität steht.