Ein Inselstaat erklärt sich selbst zum Paradies für Superreiche – vor allem aus Russland-, weil sie ihr Geld und Ansehen waschen und gleichzeitig von der hohen Lebensqualität und den niedrigen Steuern profitieren können. Doch nicht alles ist so, wie es scheint.

Nicht nur Zypern hat Grund genug, sein Geschäftsmodell zu bereuen. Nachdem die natürlichen Ressourcen der ehemaligen Sowjetunion durch einige rücksichtslose und politisch gut vernetzte Individuen geplündert wurden, hat Großbritannien in den frühen 1990er Jahren dieser neu entstandenen, globalen Elite eine zweite Heimat geboten.

Spielplatz und Schlachtfeld

London ist gleichzeitig Spielplatz und Schlachtfeld für reiche Russen. Gelegentlich laufen die Dinge auch aus dem Ruder. Der Mord an Alexander Litwinenko in der Hauptstadt war einer der schamlosesten Angriffe.

Und der Fund der Leiche von Boris Beresowski am Samstag in seiner Villa im feinen Londoner Vortort Ascot hat viele Fragen aufgeworfen. Hat sich der Mann wirklich umgebracht, wie es ursprünglich angenommen wurde? Oder steckt viel mehr dahinter?

Nach der Konsolidierung seiner Macht brachte Putin die Oligarchen, auch diejenigen, die ihm in den Kreml verholfen haben, geschickt unter seine Kontrolle. Früher war früher und jetzt ist jetzt, wurde ihnen gesagt.

Der Deal war: sie können ihren Geschäft innerhalb und außerhalb Russlands nachgehen, solange sie a) sich nicht in die Politik einmischen und b) sich um die finanziellen Interessen der Siloviki – Politik-/Sicherheitsapparat.

Einige von ihnen wollten sich nicht daran halten. Michail Chodorkowski, der seine politischen Ambitionen öffentlich äußerte, schmachtet im Gefängnis.

Wladimir Gussinski, der den einst furchtlosen Fernsehsender NTV gründete, wurde zur Flucht gezwungen. Beresowski konnte sich vor seiner Festnahme nach England retten und startete dort von seinem goldenen Käfig aus eine Ein-Mann-Kampagne der Denunzierung.

In die Welt der rechtlichen und steuerlichen Durchsetzung übertragen handelt es sich um eine Art Ausschreibungsverfahren. Großbritannien geht dabei als Sieger gegen die amerikanische und europäische Konkurrenz hervor. Was kann einem hier nicht gefallen, vom Wetter einmal abgesehen?

Neue Infrastruktur für Oligarchen

Es wurde sogar eine Industrie geschaffen, um allen Ansprüchen der Oligarchen zu entsprechen. Ehemalige Minister repräsentieren sie im Parlament. frühere Spin-Doktoren leisten weiter PR-Arbeit. Rechtsanwälte stehen Schlange, um sie zu vertreten und nutzen die britischen extrem nachsichtigen Gesetze im Bezug auf Verleumdung, um beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten zu klagen.

Finanzberater stellen sicher, dass die Oligarchen so wenig wie möglich von ihren Gewinnen, Ersparnissen und selbst an Beraterhonoraren abgeben müssen. Private Internatschulen heißen ihre Kinder und ihre Scheckhefte willkommen.

Für sie und andere Neureiche aus China, Brasilien oder dem Mittleren Osten existiert eine Parallelwirtschaft mit Designer-Läden, Privatjets, Schnellbooten und Sicherheitspersonal. Das Beste vom Besten auf dem Immobilienmarkt von London oder dem Südwesten gibt es nur für sie.

Ein moralisches Urteil darüber müssen andere abgeben. Mit Ausnahme der Killer (und sie können von überall herkommen), sind die Dienstleistungen für die Superreichen alle legal. Das Problem sind eher die Auswirkungen, die das auf unsere Politikstruktur hat.

Reset-Diplomatie

Englands Einstellung zu Russland war lange Zeit widersprüchlich. In den letzten zehn Jahren, in denen wir unsere Türen weit für die Elite öffneten, wurden die diplomatischen Beziehungen immer slozhny (schwieriger), wie die Russen gern sagen. Die Schuldzuweisungen nach dem Mord von Litwinenko haben sie fast einfrieren lassen.

Im letzten Jahr sind Anstrengungen unternommen worden, um die Situation zu verbessern. Es gab eher unauffällige Versuche, einen „Reset"-Knopf zu drücken (den die Obama-Regierung ankündigte). Die Engländer wählten dagegen eine langsame und vorsichtige Herangehensweise.

Trotz der großen Differenzen in Bezug auf Syrien wurde kürzlich der russische Außen- und Verteidigungsminister bei einem fein säuberlich choreographierten Besuch empfangen.Über Probleme wie der wiederauflebenden russischen Spionage in Großbritannien (einige sind davon überzeugt, dass das Gleiche für die englische Spionage in Russland gilt) wird nicht gesprochen.

Der Begriff „Friendship" erhält meist eine merkwürdige Definition. Mehrere hochrangige Persönlichkeiten traten aus der neu gegründeten Organisation der Konservativen Freunde von Russland aus, als sie feststellten, dass diese Gruppierung kaum mehr als ein Cheerleader von Putins Kreml ist.

Pragmatismus statt Freundschaft

Die Motive der britischen Regierung sind klar erkennbar. Die Verbesserung der Handelsbeziehungen hat jetzt Vorrang. Kleine, störende Probleme wie Morde dürfen dem nicht im Weg stehen. Das Auswärtige Amt verweigert die Veröffentlichung regierungsinterne Dokumente zum Fall Litwinenko mit der Begründung, dass eine „ernsthafte Gefahr für die nationale Sicherheit und/oder die internationalen Beziehungen bestehen könnte".

David Cameron verwendet gern den Begriff der „globalen Rasse". Wohin der Weg führt ist nicht völlig klar. Aber Diplomaten (und Finanzexperten) verstehen Pragmatismus als Zeichen einer reiferen Außenpolitik. Denn wenn wir es nicht tun, macht es ein anderer und nimmt uns damit das Geschäft weg. Vielleicht sollten wir Zypern nacheifern und alle Ankömmlinge herzlich aufnehmen. Es wäre auf alle Fälle hilfreich, die Öffentlichkeit darüber zu informieren.