Alle nur erdenklichen Akzente sind an diesem späten Vormittag bei der in Englisch abgehaltenen Redaktionssitzung zu hören. Seit den frühen Morgenstunden läuft die Schlagzeile über den von der Zeitung El Pais aufgedeckten Korruptionsskandal um eine „schwarze Kasse” ununterbrochen über den Bildschirm.

Mit dem Geld soll die Volkspartei des spanischen Regierungschefs geschmiert worden sein. Wie wird im Laufe des Tages weiter darüber berichtet? „Es ist ein riesiger Skandal”, meint ein spanischer Ressortleiter. Peter Barabas verzieht das Gesicht. Du übernimmst das Thema, aber über die Enthüllungen der spanischen Tageszeitung hinaus, betont der rumänische Cheredakteur. Und vor allem „ohne Affekt”.

Unparteiisch zu bleiben ist keine leichte Aufgabe für die 400 Journalisten mit ihren unterschiedlichen Sichtweisen auf die Geschehnisse in der Welt. Dafür „gibt es Hilfen”, erklärt der stellvertretende Redaktionsleiter François Chignac. Dazu gehört die Aufteilung der Redaktion in Ressorts (Welt, Wirtschaft usw.) mit jeweils 11 Journalisten. Einen für jede Sprache, in der Euronews ausstrahlt – mit Ausnahme der Griechen.

Herausforderung der Vielfalt

„Die Vielfalt stellt eine ständige Herausforderung dar, meint Pedro Lasuen, Leiter des Sportressorts. Ich selbst komme aus Spanien, wo man sich wenig für Wintersport interessiert. Wenn der englische Journalist über Kricket berichten will, zittert das ganze Team!” Trotz der strengen Regeln, die bei der Auswahl der Themen herrschen, „gibt es immer jemanden, der nicht einverstanden ist. Die Journalisten wollen alle ihre nationalen Zuschauer zufriedenstellen.”

Sobald die Themen festgelegt und das Bildmaterial ausgesucht wurde, verfassen die 11 Journalisten einen Kommentar in ihrer Muttersprache, der nicht immer dem der anderen entspricht. Das ist eine Frage des Stils, der jeder Kultur eigen ist. Außerdem werden den Informationen unterschiedliche Prioritäten beigemessen.

Jeder passt sich dabei seinen Zuschauern an. „Beim Thema Mali wird der französischsprachige Journalist über die Zahl der eingesetzten Soldaten berichten, der Ukrainer dagegen nicht”, veranschaulicht François Chignac. Die Form ist flexibel, nicht aber der Kern, versichert er: „Die Bilder stehen im Vordergrund.”

Es gibt auch höchst sensible Themen

Dennoch kann es in seltenen Fällen passieren, dass die Kommentare voneinander abweichen. Diese Erfahrung hat Miguel Sardo 2002 beim Schiffbruch der Prestige vor der Iberischen Halbinsel gemacht. „Es ging um die Frage einer drohenden Ölpest für die Küste, erinnert sich der portugiesische Journalist.

Der Leiter der spanischen Ausgabe hielt sich an die zurückhaltende Stellungnahme seiner Regierung. Ich hatte allerdings Informationen von der portugiesischen Marine über bereits vorhandene Ölteppiche… ”

Es gibt noch weit sensiblere Themen. Wie sieht eine angemessene Berichterstattung über die baskische Terrororganisation ETA aus, welche lange Zeit von Spanien und Frankreich unterschiedlich bewertet wurde?

Die Schlagzeilen sind in allen Sprachen die gleichen. Aber kann man den Begriff „Völkermord an den Armeniern” wirklich benutzen, wenn die Massaker von 1915 von der Türkei nicht als solche anerkannt werden und dessen öffentlicher Sender TRT Anteilseigner von Euronews ist?

„Es kommt schon mal vor, dass man zur Vorsicht ermahnt wird. Aber uns wird generell eine große Freiheit gelassen”, berichtet ein Journalist. „Das ist eine Last, die uns daran hindert, bestimmte Themen zu vertiefen”, beklagt dagegen ein anderer.

Rücksicht auf nationale Empfindsamkeiten

„Es ist wichtig, auf die verschiedenen nationalen Empfindsamkeiten Rücksicht zu nehmen”, glaubt der rumänische Redaktionsleiter Lucian Sârb. Ohne dabei die Information zu opfern, ergänzt der „Faktenliebhaber”. „Wir haben zwanzig Jahre gebraucht, um aus Euronews den objektivsten Nachrichtensender zu machen.” Das gleiche hört man auch von Ali Ihsan Aydin, dem „Sprachchef” der türkischsprachigen Journalisten, zu denen eine Armenierin und ein Kurde gehören.

„Die gemeinschaftliche Herangehensweise verhindert, dass die Journalisten zu Anwälten einer patriotischen Sache werden, betont er. Das ist eine echte Garantie für Neutralität.” Genauso wie für Qualität, plädieren die Journalisten. „Um die Aussprache eines Namens zu überprüfen oder eine lokale Quelle anzurufen, findet man immer einen Kollegen aus dem fraglichen Land”, hebt der Iraner Babak Kamiar hervor.

Natürlich hat der Sender seine eigene „Handschrift”. “Am besten bleibt man neutral, fast langweilig,” verrät der Leiter des Sportressorts Pedro Lasuen. Er organisiert regelmäßig ein internes Fußballturnier, bei dem die verschiedenen Teams zusammengewürfelt werden. Der amtierende Sieger ist bezeichnenderweise die Verwaltung, die für den Anlass eine multinationale Mannschaft zusammengestellt hat.

Führungsposition bei Nachrichtensendern

Noch ein Jahr warten. In der Eingangshalle von Euronews werden auf einem Bildschirm die Sekunden heruntergezählt, bis der Sender in Lyon umzieht. Euronews bleibt in der Stadt, in der er am 1. Januar 1993 zum ersten Mal in fünf Sprachen (englisch, deutsch, spanisch, französisch und italienisch) sendete.

Nach zwanzig Jahren ist Euronews der führende europäische Nachrichtensender. Mit 3,4 Millionen Zuschauern täglich liegt er weit vor CNN (1,6 Millionen) und BBC World (1,2 Millionen). Trotz der zunehmenden Konkurrenz durch nationale Nachrichtensender entwickelt sich Euronews weiter.

Nach arabisch, türkisch, persisch und griechisch wird dieses Jahr ungarisch zur dreizehnten Sprache, in der Euronews sendet. Seine Programme werden seit 2004 weltweit ausgestrahlt. Heute sind seine größten Anteilseigner France Télévisions, Rai (Italien), RTR (Russland), TRT (Türkei) und SRG SSR (Schweiz).