Cekamo vas, "Wir warten auf euch". Dieser Slogan, der in großen roten Lettern neben aufgemalten Bluttropfen an den Mauern Belgrads prangt, ist Hillary Clinton wahrscheinlich nicht entgangen, als die amerikanische Außenministerin am 12. Oktober erstmals über die Save fuhr, da, wo diese in die Donau mündet und das Karpatenbecken an den Balkan stößt. An dieser Drohung ist nichts Leeres: Letzten Sonntag verwüsteten nationalistische Rechtsextremisten und serbische Hooligans – die viel mit den Aufwieglern im Genueser Fussballstadion gemeinsam haben – die Hauptstadt bei ihrer Demonstration gegen die Gay Pride. Eine katastrophaler Ausdruck der Intoleranz in einem Land, dessen Antrag zum EU-Beitritt am 25. Oktober von den 27 untersucht werden soll.

Niemand bemüht sich so um die EU wie Serbien

Doch Frau Clinton begrüßte das Engagement der Polizeikräfte und des Präsidenten Boris Tadic: "Niemand", so sagte sie, "hat sich so um eine Annäherung an Europabemüht wie Serbien und seine Regierung." Washington unterstützt die europäischen Ambitionen Belgrads, das nach jahrelangem Revanchismus den Dialog mit dem Kosovo akzeptiert hat und den richtigen Zeitpunkt – nämlich eine gehaltvolle politische Gegenleistung – abwartet, um Ratko Mladic, der als General 1995 in Srebenica 8000 Muslime niedermetzeln ließ, zu verhaften.

Die italienischen Unternehmen Fiat, ENI und bald auch Finmeccanica spielen in Serbien eine entscheidende Rolle. Dank Fiats Investitionen in die historischen Zastava-Werke in Kragujevac könnte Serbien in ein paar Jahren über 200.000 Autos produzieren und Fahrzeuge im Wert von 1,3 Milliarden Euro jährlich exportieren, was knapp 20 Prozent der gesamten serbischen Exporte für 2009 entspricht. Zehn Jahre nach dem Sturz von Slobodan Milosevic am 5. Oktober 2000 ist dies eine der meisterwarteten Nachrichten in einem Land, dessen Arbeitslosenrate bei 30 Prozent liegt und in dem eine Arbeitsstunde fast halb so viel kostet wie in Polen.

Die ausländischen Investitionen, über zehn Milliarden Euro in den letzten zehn Jahren – eine ansehnliche Summe – sind das Steuerrad einer Wirtschaft, die sich anschickt, die serbische Telekom (1 Mrd. Euro) zu privatisieren. Doch für seinen wirtschaftlichen Aufschwung benötigt Belgrad auch Geld aus Brüssel, für seine Infrastrukturen, sowie eine Zusammenarbeit mit seinen ehemaligen Feinden.

Ein Zusammenhalt zwischen Serben, Kroaten und Slowenen

Jugoslawien existiert nicht mehr, doch eine gemeinsame Balkanwelt bleibt noch bestehen, eine "Jugosphäre“ – eine Wortschöpfung des Economist: ein Handels- und Industrieraum, in dem Slowenen, Kroaten und Serben die Waffen niedergelegt und mit der Kooperation begonnen haben. Der jüngste Beweis ist eine Joint Venture zu dritt, durch welche die Eisenbahnstrecke entlang des transeuropäischen Korridors 10 für den Frachtverkehr wieder geöffnet werden konnte.

Doch die großen Strategien auf dem serbischen Schachbrett betreffen vor allem die Pipelines. Hier wird voraussichtlich das erste europäische Teilstück des South Streamverlaufen, einer russischen Pipeline, die in Joint Venture mit ENI und der Türkei entwickelt wird und in welche auch deutsche Unternehmen einsteigen könnten.

Das Unternehmen Serbijagas, das fest mit der russischen Gazprom verbunden ist, kündigte an, es sei bereit, Ende 2012 mit dem Bau der Onshore-Strecke von South Stream zu beginnen.

Dies wäre ein deutlicher Vorsprung vor Nabucco, dem anderen Megaprojekt im Erdgastransport nach Europa, das von den Amerikanern und von der EU unterstützt wird. Nabucco will Russland umgehen, indem direkt aus den Erdgasvorkommen im Kaspischen Meer geschöpft und das Erdgas nach Österreich transportiert wird, was einer Befreiung gegenüber Moskau entspricht. Diese Logik steht im völligen Gegensatz zum Konzept des South Stream, der Europa mit russischem Erdgas beliefern, aber dabei die Ukraine und Belarus umgehen soll, welche in kräftezehrende Erdgasstreitigkeiten mit Moskau verwickelt sind.

Zehn Jahre nach Milosevics Sturz leidet das aufgesplitterte Balkanmosaik noch an den Folgen einer Vergangenheit, die sich dem Wandel zu widersetzen scheint. Bosnien hat gerade einen Wahlkampf hinter sich, der die ethnischen Spaltungen bestätigte, der Kosovo bemüht sich in Erwartung vorgezogener Wahlen um sein Fortbestehen innerhalb instabiler Nebelschwaden und Boris Tadic erklärte am 12. Oktober, dass "Belgrad seine Unabhängigkeit niemals anerkennen wird“.

Lieber Freund sein von Washington als von Moskau

Die Vereinigten Staaten können Tadic mit guten Argumenten davon überzeugen, dass es besser ist, Washington zum Freund zu haben als Moskau. Die Außenministerin ist gewillt, außer dem Beitritt zur Europäischen Union auch die Angliederung an die NATO zu fördern. Ein entscheidender Schritt für die militärische Ausrüstung einer im Wandel begriffenen Armee: Die Wehrdienstpflicht wurde abgeschafft und die serbische Vojska soll ab 2011 eine professionelle Streitkraft werden, die zunehmend für internationale Einsätze bestimmt ist.

Genau wie die NATO, die Amerikaner, die Russen und die Nachbarländer erwarten auch die Europäer von Belgrad, dass es sich bewährt. Cekamo vas, "wir warten auf euch", können wir den Serben entgegnen, doch diesmal weitab von streitlustigen Szenarien, ohne Intoleranz und Jugo-Nostalgie. Der länderspezifische Internet-Domainname ".yu", der innerhalb von zehn Jahren auf den Landkarten immer weniger Platz einnahm, wurde kürzlich offiziell aufgelöst, ein digitales Ende, das vielleicht einer neuen Generation von Serben den Weg öffnet. (p-lm)