Mehr als 20 Jahre sind vergangen, seitdem die zu Tränen gerührte Margaret Thatcher zum letzten Mal als Premierministerin das Haus in der 10 Downing Street verließ. Während damals die einen trauerten und die anderen jubilierten, war die Bedeutung dieses Augenblicks allen klar. Der Vorhang war gefallen, über eine Amtszeit, die das Land sowohl definiert als auch verändert hatte – zum Guten und zum Schlechten. Auch Thatchers Lebensabend am Rande der Politik hat daran nichts geändert.

Die 70er Jahre scheinen heute weit in der Vergangenheit zu liegen und nicht nur Großbritannien, sondern die ganze Welt hat sich verändert. Doch die leidenschaftlichen Ansichten, die sie vom Tag ihre Amtsantritts an entfachte, sind heute so präsent wie damals. Spaltungen, die im heutigen Großbritannien noch ebenso verspürt werden wie am Tag ihres Abgangs. Kaum ein Nachruf, der nicht dadurch eingeleitet wurde, dass man sie entweder schätzte oder hasste.

„Eintracht bringen, wo Zwietracht herrscht”

Vielleicht sah sie ja schon, welch eine entzweiende Figur sie werden sollte, als sie nach ihrem ersten Wahlsieg den berühmten Spruch des Heiligen Franziskus zitierte und erklärte: „Mögen wir Eintracht bringen, wo Zwietracht herrscht.“ Doch die feste Überzeugung, mit der sie zuerst in der konservativen Partei und dann an der Spitze des Landes ihre Führungsposition anging – die mit dem Durcheinander und der deprimierten Stimmung beider so in Kontrast stand –, war sofort ihre Signalstärke und letztendlich auch ihre fatale Schwäche.

Ohne diese Unbeirrbarkeit – ob bei der gesunden Währungspolitik, beim Volkskapitalismus (Verkauf von Aktien der Versorgungsunternehmen an Erstanleger), beim Abverkauf von Sozialwohnungen oder, nach 1988, beim Kampf gegen den Klimawandel –, hätte sie nicht erreichen können, was sie letztendlich erreichte. Doch es gab Zeiten, als ihre Weigerung, auch nur den kleinsten Kompromiss einzugehen, ihr politisches Leben schwerer machte, als es hätte sein müssen, und schließlich sollte ihre Sturheit zu ihrem Verderben werden.

Der Falkland-Krieg war, aus der Siegerperspektive gesehen, vielleicht ihre Sternstunde. Doch hätte dieser Krieg vermieden werden können, wenn sie sich nicht gegen jegliche Verhandlungen gewehrt hätte? Hätte die außerordentlich zerstörerische Macht der Gewerkschaften auch irgendwie ohne das Trauma der Bergarbeiterstreiks vermindert werden können? Und hätte es in Nordirland vielleicht früher Frieden geben können? Ihre Anhänger würden dies mit Nein beantworten: Ihre Weigerung, jemals nachzugeben – etwa nach dem Bombenanschlag von 1984 in Brighton –, war nötig. Von Nordirland vielleicht einmal abgesehen, wären ihre Gegner anderer Meinung. Sogar heute ist man sich noch nicht einig und eine breite Schicht der Verbitterung bleibt dicht unter der Oberfläche der britischen Politik bestehen.

Losgelöst von den Steuerzahlern

Aufgrund ihrer sehr gewöhnlichen Abstammung – die oft verspottete Tochter eines Kolonialwarenhändlers – und der Tatsache, dass sie eine Frau in einer Welt war, die damals noch mehr von Männern beherrscht wurde als heute, konnte sie nichts anderes als eine Streberin und Außenseiterin sein.

Was als Vorteil begann, wurde jedoch zur Anfälligkeit, als sie anscheinend die Verbindung zu genau den Wählern zu verlieren schien, denen sie ihre Macht verdankte. Die Unruhen über die Kopfsteuer („poll tax“) – die die Lady, die niemals kehrt machen wollte, zu einer ihrer wenigen Kehrtwenden zwangen – zeigten, wie weit sie sich von der steuerzahlenden Öffentlichkeit losgelöst hatte, deren Interessen sie doch so resolut zu verfechten vorgehabt hatte.

Viele der politischen Entscheidungen, die bis heute mit ihrem Namen verbunden werden, tragen immer noch die negativen Aspekte, aufgrund derer man sie damals ablehnte. Der Verkauf von Sozialwohnungen baute deren Bestand ab und führte zu Schulden, die das Land heute noch abbezahlt. Der Volkskapitalismus generierte neue Aktionäre, doch auch neue Verlierer, als die Finanzkrise zuschlug. Der „Big Bang“, der das Trading in der Londoner City von vielen seiner Beschränkungen befreite, kann im Nachhinein auch als Ursprung der Ausschweifungen der 90er und 2000er Jahre angesehen werden.

Die Entschärfung der Gewerkschaften führte günstige Auswirkungen mit sich – etwa die Möglichkeit neuer Projekte wie The Indepent – doch es kann auch geltend gemacht werden, dass sie zu den Problemen der niedrigen Löhne und der niedrigen Produktivität in der weitgehend deregulierten Wirtschaft von heute beitrug.

Harmlosere Euroskepsis als heute

Im Ausland wurde Frau Thatcher in einem weit weniger doppelsinnigen Licht gesehen. In Ost- und Mitteleuropa war sie wegen ihrer strengen Grundsätze und ihrer Offenheit äußerst beliebt. Ihre Beziehungen zu Ronald Reagan und Michail Gorbatschow, auf dessen Reformfähigkeit sie schon früh baute, gehörten zu den Grundsteinen für das Ende des Kalten Kriegs. Doch sie verhalfen Großbritannien auch zu einem globalen Einfluss, den es wohl seit Churchills Zeiten nicht mehr erlangt hatte, und über den es – trotz aller Ambitionen Tony Blairs – auch seither nicht wieder verfügt hat. Ihre Euroskepsis ging mit ihrem sehr englischen Konservatismus einher. Im Vergleich zu der heftigen Variante, von welcher die britische Politik heute erfasst ist, erscheint dies jedoch einerseits ernster und andererseits fast harmlos. Europa war dennoch der parteiinterne Streit, der sie zu Fall brachte.

Elf Jahre lang herrschte Frau Thatcher über Großbritannien und spielte weltweit eine Rolle. Sie setzte auch den Maßstab dafür, wie man die Macht eines Premierministers ausübt. Doch es sagt viel über ihr inländisches Vermächtnis aus, dass sie selbst keinen philosophischen oder politischen Erben besitzt, obwohl der Thatcherismus als solcher eine anerkannte politische Richtung ist. David Cameron war schon früh darauf bedacht, sich von ihrer Erklärung, eine Gesellschaft gebe es nicht, zu distanzieren.

Und obwohl Großbritannien, dessen Führung sie 1991 so ungern aufgab, im Jahr 2013 ein ganz anderes Land ist, sind viele der Themen, um die sie kämpfte – ob die Besteuerung, die Deregulierung, die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern oder die Erhaltung der britischen Souveränität innerhalb Europas – auch heute wieder aktuell. Das mag ihre Voraussicht beweisen, aber es spiegelt auch die Grenzen wider, auf welche sogar die entschiedensten und mutigsten Politiker treffen, wenn sie versuchen, in einer Demokratie einen Wandel hervorzurufen.

Margaret Thatcher gab in ihrer Glanzzeit eine Sololektion in Führungsstil. Doch die Briten bewiesen – wie so oft – einen hartnäckigen, und sogar bewundernswerten Unwillen, sich führen zu lassen.