Am 30. April 1980 wurde Königin Juliana der Niederlande von ihrer Tochter Beatrix abgelöst. Dieser Tag wurde von gewalttätigen Ausschreitungen in Amsterdam überschattet. Unter dem Motto „Geen woning, geen kroning” (keine Wohnung, keine Krone) protestierten Hausbesetzer und Anarchisten gegen die Krönungszeremonie der neuen Königin und die Immobilienkrise des Landes.

Ich war 9 Jahre alt und schaute mir mit meiner Mutter alles im Fernsehen an. Die Rauchbomben und Polizisten machten auf mich mehr Eindruck, als die Krönung selbst. Mein Vater war sowohl von den Hausbesetzern als auch von der Königin völlig unbeeindruckt und verbrachte den Tag in seine Briefmarkensammlung versunken.

Skandalfreie Beatrix

Meine Eltern, die als deutsche Juden in den 1930er Jahren nach Holland flüchteten, kann man schwerlich als Royalisten bezeichnen. Aber meine Mutter hatte eine gewisse Schwäche für königliche Familien und vor allem für die Skandale, in die Monarchien häufig verwickelt sind. Und wenn es um Königin Juliana ging, wurde meine Mutter reichlich mit Skandalen bedient. Julianas Ehemann Prinz Bernhard war ein notorischer Schürzenjäger, der reichlich uneheliche Kinder zeugte. Ihm wurde außerdem vorgeworfen, in den 1970er Jahren von Lockheed Bestechungsgelder angenommen zu haben und musste daraufhin vom Amt des Generalinspektors der niederländischen Streitkräfte zurücktreten.

Die 33-jährige Regentschaft von Königin Beatrix verlief fast skandalfrei. Als aber ihr ältester Sohn Willem-Alexander, der am heutigen Tag Beatrix auf den Thron folgt, die Tochter von Jorge Zorreguieta heiratete, litt der royale Ruf. Zorreguieta war während der Militärdiktatur in Argentinien stellvertretender Landwirtschaftsminister und wusste vermutlich über das systematische Ausschalten von Regimegegnern während des „schmutzigen Krieges” Bescheid.

Beatrix gegen die Partei für die Freiheit

Beatrix’ Sohn Friso, der seit einem Skiunfall in Österreich im Koma liegt, heiratete Mabel Wisse Smit, die früher eng mit dem 1991 vor dem Amsterdamer Hilton-Hotel ermordeten Drogenbaron Klaas Bruinsma befreundet war. Beatrix selbst blieb über jeden Zweifel erhaben. Und ihr Ehemann Prinz Claus wurde zu einem moralischen Vorbild. Er hinterließ mit seiner humorvollen Art bei der niederländischen Öffentlichkeit einen bleibenden Eindruck, als er 1998 anlässlich einer Preisverleihung an drei afrikanische Modedesigner einen Aufruf an „alle Arbeiter der Welt” startete, ihre „Fesseln” und „ihre Schlangen um den Hals” (in Anspielung auf die Krawatte) abzulegen. Er bezeichnete auch Nelson Mandela als best gekleideten Mann, den er je gekannt hatte.

Krawalle wie 1980 wird es bei der Thronbesteigung dieses Jahr wohl nicht geben. Hausbesetzer sind im Amsterdam dieser Tage rar geworden und die Anarchisten von 1980 schätzen inzwischen das königliche Haus. Das ist sicher auch der Verachtung Beatrix’ für die rechtsextreme Partei für die Freiheit des fast in Vergessenheit geratenen Politikers Geert Wilders geschuldet. Beatrix hatte für Wilders rassistische und islamfeindliche Ideen nichts übrig.

Entzug der politischen Macht

Die einzige politische Macht der Königin — die Ernennung der Personen, die nach einer Wahl geeignete Koalitionspartner suchen — wurde ihr im letzten Jahr durch einen Parlamentsbeschluss entzogen. Sie spielte bei der Bildung des jüngsten niederländischen Kabinetts keine Rolle mehr.

Das NRC Handelsblad, eine der führenden niederländischen Zeitungen, bezeichnete vor kurzem das Königshaus als „Staatstheater”. In der Tat ist die Monarchie heute nicht mehr als eine verfassungsrechtliche Form von Performance-Kunst. In der gleichen Zeitung enthüllte eine berühmte Schauspielerin des niederländischen Theaters, dass an einige ihrer Kollegen diskret mit der Bitte herangetreten wurde, der königlichen Familie Schauspielunterricht zu geben. Diese Schauspieler würden aber leider nicht für ihre Dienste bezahlt werden. Dieser Job ist schließlich eine Frage der Ehre.

Jahresgehalt von 1 Million $

Es gibt heute nur schwache Stimmen, die sich für eine Abschaffung der Monarchie aussprechen. Die kleine Sozialistische Partei hat nur wenig Schlagkraft und die Bürgerinitiative „ Neue Republikanische Gesellschaft” macht einen noch schläfrigen und verwirrten Eindruck. Warum sollte man auch so viel Energie darauf verwenden, sich gegen Perfomance-Kunst zu widersetzen?

Vielleicht, weil die Vergütung für diese Kunst etwas ungewöhnlich ist. Der König der Niederlande Willem-Alexander erhält ein steuerfreies Jahresgehalt von 825.000 Euro sowie eine Zulage von 4,5 Millionen Euro „für Personal- und Sachkosten”. Seine Frau Máxima erhält ebenfalls steuerfrei mindestens 350.000 Euro jährlich und 580.000 Euro als Ausgleich für zusätzliche Kosten. Solche Summen erscheinen übertrieben, wenn man sieht, dass in den Niederlanden drastische Kürzungen an den Subventionen für andere Theaterformen vorgenommen wurden. Es scheint, als habe die altmodische königliche Familie noch nichts von Marktmechanismus und Leistungsgesellschaft gehört.

Castings für die Rollen des Königs und der Königin

In Zeiten, in denen Theater, Opernhäuser und Museen nicht mehr ohne Sponsoren leben können, ist es vielleicht für die Holländer an der Zeit, sich auf eine königliche Familie einzustellen, die bei Staatsbesuchen und offiziellen Anlässen diskret wissen lässt, dass dieser Besuch von Royal Dutch Shell oder auch Pfizer gesponsert wurde. In Zeiten der Globalisierung müssen es auch nicht nur niederländische Unternehmen sein.

Und wäre es nicht schön, wenn es von nun an Vorsprechen für die Rolle des Königs und der Königin gäbe? Man würde sicher Kandidaten finden, die größeres schauspielerisches Talent vorweisen als die jetzige königliche Familie und die gewillt wären, diese Arbeit für einen Bruchteil des Gehaltes der Royals zu übernehmen.