Ich muss zunächst einmal meinen Freund Niall berichtigen. Das mit der Telefonnummer stimmt nicht. Es gibt nämlich eine Telefonnummer: die von Catherine Ashton. Und wenn man diese Nummer anruft, dann wird man mit einer Computerstimme verbunden: Für Deutschland drücken Sie bitte die Eins, für Frankreich drücken Sie bitte die Zwei... da sieht man gleich, wo es in Europa langgeht.

Und auch etwas anderes muss ich sagen. Ich finde, Europa war eine wunderbare Idee. Schließlich setzte Zeus, der Gott aller Götter, seine Ehe aufs Spiel, indem er mit Europa durchbrannte – einer Frau, in die er sich verliebt hatte. Der römische Dichter Ovid besingt dies: „...trägt quer über des mittleren Meeres Fläche den Raub. [...] Zurück [...] schaut sie und hält mit der Rechten ein Horn, auf den Rücken die andere stemmend“.

Eine großartige Geschichte?

Europa war auch lange Zeit später eine wunderbare Idee, als es beschloss, sich nach den zwei mörderischsten Kriegen der Geschichte zu vereinen. Was für eine großartige Geschichte! Zuerst kamen sechs Nationen zusammen, die Kohle und Stahl zusammenlegten. Dann bildeten sie nach und nach einen gemeinsamen Markt für Güter, Kapitaldienstleistungen und Menschen. Darauf folgte die Demokratie à la Cohn-Bendit, mit einem Europäischen Parlament, und letztendlich führten sie den Euro ein, der mit Francs, Peseten und Drachmen Schluss machte. Heute gibt es 27 Mitgliedsstaaten. Der Euro regiert von Portugal bis an Polens Außengrenze. Was käme danach? Natürlich, die Vereinigten Staaten von Europa.

[Daniel Cohn-Bendit im Publikum ruft „Ja!“]

Falsch! Europa zerfällt vor unseren Augen. Das grandioseste Experiment, seitdem die amerikanischen Kolonien „E Pluribus Unum“ wurden, steht nun seiner tödlichsten Krise gegenüber. Warum ist der scheinbar unaufhaltsame Marsch des Fortschritts zum Stillstand gekommen?

Man muss sich diese Integration wie eine Bergbesteigung in den Rocky Mountains oder in den Alpen vorstellen. Am Anfang, im Vorland, ist alles schön einfach. Je höher man gelangt, desto steiler wird der Anstieg und auch die Luft wird immer dünner. Und dann kommt man endlich an den steilen Felsen, zum Beispiel die Eigernordwand in der Schweiz – einen Felsen, der den Kern der nationalen Souveränität darstellt.

Rückzug, Einhalt oder Angriff?

Genau da stehen wir heute, während uns der Euro, unsere stolzeste Errungenschaft, fast begräbt. Wir sind schon zu weit gegangen, was tun wir also jetzt? Es gibt nur drei Lösungen: Rückzug, Einhalt oder Angriff. Gehen wir den Gipfel an und steigen zu den Vereinigten Staaten von Europa auf? „Schaut euch doch eure 17 Mitstreiter an“, knurrt der Berg. „Lauter Nachzügler, Missetäter, Krüppel, Trittbrettfahrer.“ Und weil das ein sehr gebildeter Berg ist, würde er noch draufgeben, dass es gar keine wahre Vereinigung gibt ohne einen Krieg, in dem das stärkste Element die anderen in einen gemeinsamen Staat hineinzwingt.

Genau das ist in Italien und in Deutschland geschehen und natürlich auch, wie Dany schon sagte, in den USA, wo der Bürgerkrieg eigentlich ein nationaler Vereinigungskrieg war. So einen Krieg wird es in Europa nicht geben, und Gott sei Dank. In Europas Zukunft wird es keinen Lincoln und keinen Bismarck geben. Und Frau Merkel ist natürlich auch kein Bismarck.

Doch was sagt uns diese tödliche Krise? Sie sagt, dass man nicht bis zum Gipfel gelangt, wenn man nicht sowohl willig als auch dazu fähig ist. Nur sind Sie keines von beiden und werden es auch nie sein, denn: a) können und wollen Sie den größten Teil der demokratischen Souveränität, also die Macht zu besteuern und auszugeben, nicht abtreten, und b) gehören Sie ohnehin nicht in dasselbe Bergsteigerteam. Nur zwei oder drei oder vier von Ihnen haben genügend Disziplin und Kondition, um weiterzumachen. Die anderen sind zu dick, zu lahm oder außer Atem.

Beim Geld hört die Freundschaft auf

So, jetzt aber genug mit der Bergmetapher. Das politische Argument lautet hier, dass Europa pleite ist, und Deutschland für die anderen weder zahlen will noch kann. Sogar Frankreich ist pleite. Außerdem wollen die Nachzügler wieder zurück zum Lagerplatz und sich sich dort mit einer sehr schmerzhaften innenpolitischen Kur fit machen, die bereits so viele ihrer Regierungen umgebracht hat.

Das größte Problem ist die störrische Hartnäckigkeit des Nationalstaats, der nicht nachgibt, wenn es an die Substanz seiner Souveränität geht. Beim Geld hört, wie die Deutschen sagen, die Freundschaft auf – und auch die Integration. Die EU springt nicht mehr im Vorgebirge herum. Sie steht vor der Eigernordwand.

Ist Europa jetzt also Geschichte? Das wissen wir noch nicht. Aber eines wissen wir: Das Experiment ist in gewisser Hinsicht gescheitert, weil der wunderbare Traum der 50er Jahre – „Up, up and away“ – auf die hässliche Realität des Nationalstaats geprallt ist und dieser nicht in den Hintergrund treten will. Und ehrlich gesagt, wie viele Franzosen, Italiener, Deutsche, Polen usw. wollen sich schon von 2000 Jahren Geschichte trennen? Wer will statt von seiner eigenen Hauptstadt von Brüssel aus regiert werden?

Jetzt hilft nur noch beten

Lassen Sie mich mit einem Gebet enden. Beten wir darum, dass der unvermeidbare Zusammenbruch des Euro, des ehrgeizigsten Experiments, nicht den Rest der Union mit sich begraben wird. Und ersuchen wir Zeus darum, Europa aus dem wütenden Meer zu retten und sie in einem netten kleinen Hafen abzusetzen, denn Europa kann das Meer des Nationalstaats nicht erobern. Doch wenn sie ertrinkt, dann werden Kanada und die USA nicht aufblühen. Amen. Danke.

Dieser Artikel ist die Transkription von Josef Joffes Beitrag als „professioneller“ Redner während der Munk-Debatte zum Thema „Ist das europäische Experiment gescheitert?“ Er erschien als Teil der Titelgeschichte über „Europa unter Beschuss“ in der Aprilausgabe 2013 des Magazins IL von Il Sole 24 Ore.