Die Unruhen, die in der [im Nordwesten von] Stockholm gelegenen Vorstadt Husby ausbrachen, haben sich auch auf die benachbarten Viertel im Westen Stockholms, darunter Rinkeby und Tensta, sowie die südlich der Hauptstadt gelegenen Vorstädte Hagsätra und Fruängen ausgebreitet. All diese Vororte sind Teil des schwedischen Bauprogramms „Miljonprogrammet“ [Millionenprogramm] gewesen, das darauf abzielte, zwischen 1965 und 1975 eine Million neue Wohnungen zu schaffen. Den meisten dieser Viertel verlieh man besonders poetische Namen, wie beispielsweise Lindägen in Malmö [Wiese der Linden], oder Hammarkullen in Göteborg [Der Hammer-Hügel].

Als meine Mutter Ende der sechziger Jahre meinen Vater kennenlernte, wohnte sie in Fruängen, in einem niedrigstöckigen Wohnhaus, das damals gerade fertiggestellt wurde und in dessen Erdgeschoss sie die erste Mieterin war. Mit dieser kleinen Einraumwohnung schaffte sie es, ihr zehnjähriges Nomadendasein zu beenden, während dessen sie sich von einem Untermietvertrag zum anderen hangelte. Mein Vater lebte damals in Kopenhagen. Das junge Paar einigte sich auf einen Kompromiss und ließ sich in Malmö nieder, im Stadtteil „Rosengård“ [Rosengarten], zweifelsohne einer der schönsten Namen, der je einem Bezirk gegeben wurde.

Eines der ärmsten Ballungsgebiete Europas

Nach meiner Geburt im November 1969 zog unsere Familie in ein Wohnhaus im Viertel Herrgården, in eine Straße namens Bennetsväg. Eine der meisterzählten Familiengeschichten handelt von der ersten Busfahrt, die meine Mutter auf dem Weg nach Rosengård zurücklegte. Damals war sie voller Wunschträume und Hoffnungen. Heutzutage steht das Viertel Herrgården im [Stadtteil] Rosengård auf der von der EU erstellten Liste der ärmsten Ballungsgebiete Europas.

Als meine kleine Schwester geboren wurde, hat es unser Vater geschafft, im sechzehnten und letzten Stockwerk eines neuen Wohnhauses im Widellsväg eine Dreizimmerwohnung zu ergattern. Dafür hatte er den Angestellten der Wohnbaugenossenschaft HSB allerdings zum Mittagessen einladen müssen. Vom Balkon aus konnte er Öresund [die Meerenge zwischen Schweden und Dänemark] und sogar seine alte Wohnung sehen, die sich im Domus Portus Hochhaus im Kopenhagener Stadtviertel Østerbro befand.

Meine beiden Eltern stammen aus wohlhabenden Familien. Mein Großvater väterlicherseits war für die [dänische Tageszeitung] Politiken als Redakteur tätig. Mein Großvater mütterlicherseits war Bezirksrichter in [der südschwedischen Gemeinde] Ängelholm.

Die große Nivellierungs-Welle

Eigentlich haben wir zu Hause nie ausdrücklich darüber gesprochen, aber meine Mutter und mein Vater wurden damals von der großen Nivellierungs-Welle mitgerissen, welche die schwedische Nachkriegszeit kennzeichnete. Der [damalige] Ministerpräsident Olof Palme gehörte auch dieser Bewegung an: Mit seiner Frau Lisbet, die einer schwedischen Adelsfamilie angehörte, kehrte er dem friedvollen [im Stadtzentrum Stockholms gelegenen] Viertel Östermalm, in dem er seine Kindheit verbracht hatte, den Rücken, um sich nicht weit von Husby entfernt niederzulassen, in dem neuen Stadtbezirk Vällingby, in dem alle Häuser gleich aussehen. Auf dem Arbeitsweg in sein Kabinettsbüro nahm der Regierungschef nicht etwa ein Auto mit Chauffeur, sondern fuhr seinen kleinen Saab selber.

1973 erreichte diese Nivellierungs-Bewegung ihren Höhepunkt. Im Sommer diesen Jahres ereignete sich ein Banküberfall am Norrmalmstorg, [einem Platz im Stadtzentrum Stockholms] bei dem der Bankräuber für Schlagzeilen sorgte. Der Mann nahm [vier] Angestellte der Bank als Geiseln und forderte, dass der damals berühmt-berüchtigtste Verbrecher zu ihm gebracht werde. So wurde Clark Olofsson unter Polizeischutz aus seiner Gefängniszelle bis zur Bank geführt. Der [damalige] Regierungschef Olof Palme unterbrach sogleich seinen Wahlkampf und begab sich ins Regierungshauptquartier in Rosenbad, um die Verhandlungen einzuleiten.

Mitgefühl für die Verbrecher

Ganz im Geiste der Zeit entwickelte sich bei den Geiseln so etwas wie Mitgefühl für die Verbrecher, die sozial weniger gut gestellt waren. [Der wissenschaftlich-psychiatrische Begriff, der sich in Folge dieses Ereignisses durchgesetzt hat, lautet seither „Stockholm-Syndrom“.] Eine Kassiererin rief Olof Palme sogar direkt an, um ihm die Forderungen der Geiselnehmer bekanntzugeben: Bargeld, ein Fahrzeug und die Garantie, flüchten zu können.

Als die Polizei die Geiseln nach einigen Tagen befreite, wurde das dramatische Geschehen live im schwedischen Fernsehen übertragen. Mitten in der Nacht war Palme sofort zur Stelle, um eine Pressekonferenz zu improvisieren. Wenige Monate später, im Herbst 1973, bestätigten die Wahlen diese Nivellierungs-Bewegung. Im Parlament erlangten die politischen Fraktionen die gleiche Anzahl von Sitzen. Palme durfte sein Amt als Regierungschef behalten und warb auf der anderen Seite des Zentrums um Unterstützung. Für den Fall, dass sich die Politiker mal uneinig waren, wurde das Problem per Los gelöst. Gab es je eine Nation, für die der Konsens zum Greifen so nahe war?

Die jungen Moderaten

In den siebziger Jahren war es mit der Nivellierungs-Bewegung dann aber vorbei. Das Wachstum des Bruttosozialprodukts der fünfziger und sechziger Jahre war ins Stocken geraten. Allerdings galt das nicht für die Lohnsteigerung, wodurch sich eine galoppierende Inflation entwickelte. Als der rechte Flügel Palme bei den darauffolgenden Wahlen ablöste, erklärte dieser, dass ein Großteil der zu leistenden Arbeit bereits geschafft sei. In Wirklichkeit aber sollten die Rechtsliberalen bald erkennen, dass sie bis zum Hals im Schlamm stecken. Anschließend übernahmen die Sozialdemokraten 1982 wieder die Macht. Ein geheimes Wahlkampfstrategie-Komitee, das vom zukünftigen Finanzminister Kjell-Olof Feldt angeleitet wurde, entschied, auf die Vollbeschäftigung als politischem Ziel zu verzichten, und sich dafür vielmehr um einen Rückgang der Inflation zu kümmern. Die Nivellierungs-Bewegung hatte den Höhepunkt seiner Entwicklung überschritten. Laut jüngster OECD-Statistiken ist Schweden inzwischen das Land Europas, in dem die Einkommensunterschiede am stärksten anwachsen.

Familie Cavling gefiel es in Rosengård. Im Süden des Stadtteils gab es vor allem Mietwohnungen, im Norden, wo wir wohnten, hauptsächlich Eigentumswohnungen der Wohnbaugenossenschaft. Zwischen beiden Gebieten verlief eine vierspurige Straße, die Amiralsgatan. [...] Auf beiden Seiten wohnten hauptsächlich gutsituierte Arbeiter, Beamte niederen Rangs und Kleinunternehmer, wie mein Vater. Die Wohnung behielt er bis zu seinem Tod im Jahr 1983 als Büro. Meine Mutter konnte noch so viel versuchen, sie fand einfach niemanden, der sie übernehmen wollte. Also mussten wir sie der Wohnbaugenossenschaften wieder zurückgeben.

Unser neues Zuhause war ein Reiheneinfamilienhaus. Wie in Rosengård wohnten wir auch hier in einem Viertel, in dem Autos und Bewohner klar voneinander getrennt wurden. Zu unseren Nachbarn gehörte Familie Billström, deren rothaariger und hartnäckiger Sohn Tobias Mitglied der Jungen Moderaten [der Jugendorganisation der bürgerlich-konservativen Moderaten Sammlungspartei, auf Schwedisch „Moderata samlingspartiet“] wurde, obwohl seine Eltern Sozialdemokraten waren.

Vom Schulsprecher zum Minister

Die in den achtziger Jahren äußerst aktiven Jungen Moderaten ermutigten ihre Mitglieder dazu, sich aktiv an den Schülerräten ihrer Schulen zu beteiligen. So wurde Tobias Schulsprecher in seinem Gymnasium, das ziemlich baufällig war. Aber anstatt die Stadtgemeinde um finanzielle Mittel zu bitten, entschied Tobias, einen Brief an den Papst zu schreiben, um an seine Großzügigkeit zu appellieren. Der positiven Antwort der Katholischen Kirche widmete die Regionalzeitung Sydsvenskan einen langen Artikel. Heute dient Tobias Schweden als Minister für Asyl- und Migrationsfragen. Die Bewohner in der Straße, in der wir unsere Kindheit verbracht haben, gaben der fremdenfeindlichen Partei Schwedendemokraten bei den letzten Wahlen zehn Prozent ihrer Stimmen. [Insgesamt erreichte die Partei bei den landesweiten Parlamentswahlen 2010 5,7 Prozent der Wählerstimmen, die damit erstmals in den Reichstag einzog.] Als wir noch jung waren, spielte die Herkunft der Menschen keine Rolle.

Artikel über Husby und all die anderen Vorstädte von damals gab es in den letzten Tagen in den schwedischen Zeitungen in Hülle und Fülle. Am Ende bleibt ein facettenreiches Bild übrig. Einerseits wurden Einrichtungen wie die Hebammenklinik, die Poststelle und die Bankfilialen in letzter Zeit geschlossen. Andererseits verschlang ein Sozialprogramm für das Viertel Millionen [schwedische] Kronen. Der Schule in Husby steht mehr Geld zur Verfügung als vielen anderen in der Umgebung von Stockholm. Und dennoch verlassen nur 64 Prozent der Schüler diese Einrichtung mit einem Abschluss in der Tasche. 65 Prozent der 12.2000 Einwohner Husbys wurden im Ausland geboren. 38 Prozent der Jugendlichen zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Jahren haben weder studiert, noch Arbeit. Und vor nicht allzu langer Zeit hat man ihnen auch noch die Karte weggenommen, mit der sie die öffentlichen Verkehrsmittel zu günstigeren Preisen nutzen konnten. Wenn man in Husby ganz unten angekommen ist, kann man einfach nichts mehr tun und findet auch keinen Ausweg.

Sie haben nichts zu verlieren

Meiner Meinung nach gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen diesen Jugendlichen und den Gefängnisinsassen, die in Guantánamo in Hungerstreik treten. Sie haben nichts zu verlieren. Ihre einzige Waffe ist ihr Körper. Die konservative Regierung behauptet, dass jede Arbeit auch ihren Lohn verdient. Dabei ist unsere Gesellschaft angesichts des Rückgangs der Inflation vor allem höchst effizient geworden.

Ein Fabrikarbeiter, der bei Scania Lastkraftwagen herstellt, produziert heutzutage viermal Mehr als vor zwanzig Jahren. Die meisten Jobs für ungelernte Arbeitskräfte wurden im Rahmen von Rationalisierungsmaßnahmen abgeschafft. Und um die wenigen, die noch übrig bleiben, liefern sich die Menschen verbissene Konkurrenzkämpfe. Auf eine Stelle als Raumpfleger im Nachtdienst bewerben sich manchmal mehrere Hundert Kandidaten. Das Gehalt ist lausig und die Arbeitsbedingungen noch viel schlechter.

99 Prozent der Steinewerfer sind Jungs oder junge Männer. Sie bekriegen nicht nur die Polizei und die Feuerwehrmänner. Sie kämpfen auch gegen das Bild an, das sie von sich selbst haben. In schwedischen Schulen haben Jungen in eigentlich allen Fächern schlechtere Ergebnisse als Mädchen. Vor ein paar Jahren schnitten Jungen in technischen Disziplinen noch besser ab. Als man die Schüler dann aber zwang, zu erklären, was sie genau tun, also zu kommunizieren, haben die Mädchen sie auch in diesen Bereichen überflügelt.

Es wimmelt von intelligenten jungen Mädchen

Von jungen und intelligenten Mädchen wimmelt es heutzutage nur so in Schweden. Es sind die „neuen Schwedinnen der ersten Generation“ [die Nachkommen der ersten Generation von Einwanderern]. Die beliebteste ist Gina Dirawi. [Sie wurde 1990 in Schweden geboren. Ihre Eltern sind Palästinenser aus dem Libanon.] Ihre Karriere begann sie mit unterhaltsamen Kurzfilmen, die sie auf YouTube online stellte. Nur ein paar Jahre später moderierte sie den [nationalen] Eurovision Song Contest. Und sie ist nur eine von vielen.

Auf der Seite der Männer gibt es nur ein Beispiel für jemanden, der ganz unten angefangen und es bis ganz nach oben geschafft hat: Der Fußballer Zlatan Ibrahimović, der in Rosengård in Malmö geboren und aufgewachsen ist. Vergangene Woche verriet er, welche Ziele er sich als Spieler der Nationalmannschaft gesteckt habe. Zlatan will der beste Spieler aller Zeiten werden und die meisten Tore schießen. Dafür fehlen ihm noch elf.

Wenn man mit dem Fahrrad vom Zentrum Malmös aus nach Rosengård fährt, durchquert man einen Tunnel. Am Eingang dieses Tunnels steht geschrieben: „Man kann einen Jungen aus Rosengård rausholen, aber man kann Rosengård nicht aus einem Jungen herausbekommen. Zitat Zlatan.“

Ein lebenslanges Stigma

Für einige ist die Vorstadt zu einer Art Medaille geworden, die man sein Leben lang mit sich trägt. Allerdings gilt das nur für jene, die weggehen. Für die, die bleiben, ist es ein Stigma, dass man einfach nicht loswird. Ganz egal wie viele Steine man schmeißt und wie viele Autos man in Brand steckt. Dieses Zeichen wird immer deutlich sichtbar sein.

Im neuen Schweden gibt es viele, deren Lebensbedingungen sich verbessert haben. Mich zum Beispiel. Ich lebe im Stadtzentrum, verdiene ein überaus anständiges Gehalt und kann die ganze Welt zu meinem Spielplatz machen. Von der Nivellierung [JH1] entferne ich mich immer mehr. Und gleichzeitig habe ich eine furchtbare Angst davor, zu scheitern und mich ganz unten wiederzufinden. Wenn ich erst einmal dort angekommen bin, weiß ich, dass mir niemand mehr helfen kann. Dann würden meine Kinder und ich uns genauso verloren fühlen wie all jene, die Steine schmeißen.