Es hat immer etwas Berauschendes, wenn man einen Volksaufstand beobachtet, egal ob er sich in Istanbul oder Frankfurt ereignet, in Athen, Madrid oder London. Innerlich feuert man den wütenden Kampf für die Gerechtigkeit voller Leidenschaft an, weil man die Welt gerade als Wohlstandsbürger als ungerecht empfindet, obwohl man in Deutschland in der Regel nicht mehr unter Repression und Not zu leiden hat. Da schleicht sich schnell eine Art von Guerrillaromantik ein. Demonstranten auf dem Taksim-Platz tragen T-Shirts mit dem Bild des Helden der kubanischen Revolution Che Guevara, schwärmte ein deutscher Radioreporter. Und legte schon die falsche Spur.

Bald nach der Begeisterung stellte sich in den letzten Jahren Frustration ein. Die Unruhen in Griechenland, Spanien und England verpufften genauso wie die weltweite Occupy-Bewegung. Es mangelt an revolutionärem Glamour, an Funken, an Kraft. Was aber eigentlich fehlt, sind die Vergleichsmöglichkeiten der Beobachter. Denn auch im 21. Jahrhundert bezieht sich die Guerillaromantik immer noch auf das Schlüsseljahr 1968.

Es ist nicht einfach, der Guerillaromantik zu entkommen. 1968 ist zwar nur ein Symbol, weil zu diesem Jahr im allgemeinen Empfinden von Bob Dylans Kaffeehauskonzerten über die Dschungelkämpfer von Lateinamerika bis zu den Pariser Barrikaden und dem vermuteten Gruppensex in deutschen Wohngemeinschaften so ziemlich alles gehört, was sich zwischen 1954 und 1973 Aufregendes abspielte. Die Popkultur wird bis heute von jener eigenartigen Sehnsucht nach dieser revolutionären Zeit bestimmt, welche sehr viele der heute Erwachsenen höchstens als Kind erleben konnten. Doch weil die Bürgerrechts- und Volksbewegungen jener Zeit ja wirklich etwas veränderten, bleiben sie bis heute auch politisch das gültige Vergleichsmodell.

Vergangenheit bewahren

Der entscheidende Unterschied zwischen 1968 und 2013 ist jedoch die Stoßrichtung. 1968 ging es darum, sich von der Vergangenheit zu lösen und die Verhältnisse zu ändern. 2013 geht es darum, die Vergangenheit zu bewahren und dafür zu sorgen, dass sich möglichst wenig ändert. In Europa und Amerika ist das ein Kampf um die Errungenschaften des 20. Jahrhunderts. 1968 wollte man auf keinen Fall so sein wie die Eltern. 2013 will man unbedingt weiter so bequem leben wie die Eltern – nur möglichst nicht in deren Haus. Das nämlich ist ein Schicksal, das viel zu viele junge Erwachsene ereilt, denen die stabilen Laufbahnen der vorangegangenen Generationen verwehrt bleiben. Und wenn dann eine Krise kommt, verwandelt sich die Freiheit des nomadischen Berufslebens ganz schnell in Armut.

Das ist keine plötzliche Entwicklung. Schon die sogenannte Generation X klagte, dass sie es nicht mehr so gut haben könnten wie einst ihre Eltern. Das war Anfang der Neunzigerjahre. Praktika, Zeitverträge, Freiberuflertum, auch die derzeit gefeierte Start-up-Kultur sind Zeichen für den rapiden Verfall der bürgerlichen Perspektiven. Dazu gehören all jene Dinge, die den Revolutionären von 1968 als bedrückende Fesseln des Spießerlebens galten: Renten, Eigenheime, Versicherungen, Angestelltenverträge, Gewerkschaften, geschützte Familien. Und doch waren all diese kleinbürgerlichen Sicherheiten Dinge, die sich Bürgertum und Arbeiterschaft über ein Jahrhundert lang hart erkämpfen mussten.

Reiner Überlebenskampf

In Spanien und Griechenland ist dieses bürgerliche Leben kaum noch möglich, in England und den USA ist es gefährdet. Nun sind die Unruhen in der Türkei viel komplexer als in anderen Mittelmeerstaaten. Neben den Guevara-T-Shirts sieht man eben auch die Fahne der konservativen Kemalisten und das Banner des Islams. Und doch geht es auch dort um den Erhalt des Bestands und nicht um den Umsturz des Systems.

Die Parallele zu Stuttgart 21ist kein Zufall. Das Drama des Strukturwandels hält sich in Deutschland in Grenzen. Die Flurschäden der Euro-Krise sind überschaubar. Und doch begreift man auch hier langsam, dass der revolutionäre Furor reine Verzweiflung, dass der Aufstand kein Umsturz, sondern ein Kampf ums Überleben ist. Die Verteidigung aber ist nie so kraftvoll wie der Angriff. Denn der Abwehr fehlt der Triumph der Eroberung.