Die Erfahrung hat gezeigt, dass Rail Baltic wirklich nötig ist. Die existierenden Trassen sind weder für den Passagierverkehr noch für den Frachttransport geeignet. Siim Kallas, der [estnische] EU-Kommissar für Verkehr, erzählte mir, wie er einmal – rein aus Neugierde – eine Zugfahrkarte von Berlin nach Tallinn verlangt hatte. Er hatte sie auch bekommen, nur ging die Reisestrecke über Moskau.

Jeder, der den Zustand der Bahnstrecken [in dieser Region] gut kennt, bestätigt, dass es heutzutage nicht möglich ist, von Europa mit dem Zug nach Tallinn zu fahren, denn irgendwo zwischen Litauen und Polen gibt es noch nicht einmal mehr Gleise.

Ich war also sehr überrascht, als mir ein Regierungsbeamter aus der Region Harju vorschlug, mit der Bahn von Berlin nach Kaunas zu reisen. „Die ganze Strecke mit dem Zug?“ fragte ich auf gut Glück. „Ja, mit dem Zug“, bestätigte er. Mein Entschluss, bei diesem Experiment mitzumachen, war in zwei Sekunden gefasst. Und ich beschloss, wenn möglich sogar bis Tallinn zu fahren.

Tag 1

Freitag, 14. Juni. Expresszug von Berlin nach Warschau. Es gibt keinen prächtigeren Bahnhof in Europa als den Hauptbahnhof der deutschen Hauptstadt: von kolossaler Größe, ganz aus schillerndem Glas, mit Blick auf das deutsche Kanzleramt und den Reichstag.

Es bleibt keine Zeit zum Bestaunen, der Zug kommt genau pünktlich an, um 17.37 Uhr. Man führt mich zu einem Sonderwagon und serviert mir dort ein Abendessen. Ich fühle mich wie Hercule Poirot, der einen im Zug verübten Kriminalfall lösen soll. Ich weiß auch die elegante Bewegung des Fernzugs zu schätzen, nicht wie die berühmten Hochgeschwindigkeitszüge mit ihren 300 Stundenkilometern. Die fahren nämlich nicht in den Osten. Der Zug nach Warschau fährt maximal 160 km/h und verlangsamt seine Fahrt an den engeren Stellen auf 60 bis 80 km/h. „Seit der Einweihung der neuen Autobahn ist man mit dem Auto schneller als mit dem Zug“, gibt der Marketingdirektor der neuen Bahnlinie traurig zu.

Hat man erst einmal die deutsch-polnische Grenze überquert, fühlt man sich im Osten. Es wird stoßweise gebremst und beschleunigt. „Es ist so, als ob hier Rail aufhört und Baltic anfängt!“ witzelt ein erfahrener Reisender.

23.14 Uhr: Der Expresszug fährt in den Warschauer Hauptbahnhof ein. Es ist schon dunkel, aber die Fahrt war erträglich.

Tag 2

Samstag, 15. Juni. Sonderzug Warschau–Šeštokai–Kaunas [Polen-Lettland-Litauen]. Der Zug verlässt Warschau um 9.40 Uhr, Richtung Litauen. Nach einer halben Stunde Fahrt hat man begriffen, dass die Gleise, die von Warschau in den Norden des Landes führen, aus einer anderen Zeit stammen. Wir fahren weit weniger schnell als die angekündigten 120 km/h. In Polen ist das Auto ganz offensichtlich praktischer als der Zug.

Bei jedem Bahnübergang – und es gibt Hunderte davon! – bleiben wir stehen, bevor es mit einem Pfiff weitergeht, im Schritttempo. „Die polnische Regierung interessiert sich nur für den Bau von Autobahnen, die Bahn ist ihr egal“, erklärt der Assistent eines polnischen EU-Abgeordneten, der auch von der Partie ist. „Die haben die zwei Milliarden Euro an europäischen Subventionen für das Eisenbahnnetz immer noch nicht verwendet“, bedauert er.

Mittags hält der Zug in Białystok. Hier endet der elektrische Strom. Unsere blaue Lokomotive wird durch eine grüne Diesel-Lok ersetzt. Eine halbe Stunde bleiben wir stehen. Weitere 45 Minuten Stopp dann im Norden Polens, in Suwałki, wo wir einen Zug vorbeilassen, der Vilnius mit Warschau verbindet. Anders als mir gesagt wurde, gibt es tatsächlich jeden Tag einen Direktzug zwischen Vilnius und Warschau, wenn auch ohne jeden Komfort.

In der letzten halben Stunde vor der litauischen Grenze fährt der Zug 20 bis 25 km/h. Doch hier gibt es auch die schönsten Ausblicke auf die polnischen Felder und die zahlreichen Kirchen... Während ich die Landschaft bewundere, bemerke ich Bauarbeiten auf den Gleisen. In Šeštokai endet dann die 1435 mm breite Trasse, ab jetzt sind es 1520 mm. Wir müssen also in einen anderen Zug umsteigen.

Die Vertreter der litauischen Eisenbahngesellschaft erzählen, dass sie ein Abkommen getroffen haben, damit derselbe Zug im Jahr 2015 bis Kaunas fahren kann. Dafür soll ein Netz gebaut werden, das den europäischen Normen entspricht. Für die Litauer wäre das eine erste Fahrt mit Rail Baltic. Die Estländer und die Letten bezweifeln jedoch die Absicht der Litauer, den Bau weiter fortzusetzen.

Nach achteinhalb Stunden Fahrt setze ich erfreut den Fuß auf das Bahngleis in Kaunas. Ich habe die halbe Reise hinter mir!

Tag 3

Sonntag, 16. Juni. Kaunas–Vilnius, Vilnius–Daugavpils. Ich setze meine Reise alleine fort und steige in den Zug von Kaunas nach Vilnius. Ich bin überrascht über die neuen roten, zweistöckigen Bahnen. Die Fahrt ist schnell und angenehm. Bei der Ankunft in Vilnius werden wir allerdings von der Realität eingeholt. Der Zug zwischen Litauen und Lettland fährt über Sankt Petersburg. Eine richtige sowjetische Nostalgie überkommt mich: Der brechend volle Zug fährt mit Gerassel an. Im Wagon sind die Sitze unglaublich eng, es knistert russische Diskomusik, die Leute richten sich zum Schlafen ein... Bei der Ankunft in Daugavpils um 22 Uhr frage ich mich, ob diese Fahrt überhaupt noch trostloser werden kann.

Tag 4

Montag, 17. Juni. Daugavpils–Riga, Riga–Valga, Valga–Tartu–Tallinn. Die Straßen von Daugavpils sind leer, sowohl am Abend wie auch am frühen Morgen. In Lettland fahren dieselben alten Dieselzüge wie in Estland. Ich versuche, mich für das zu interessieren, was ich aus dem Fenster sehe, doch die vier Tage im Zug machen sich langsam bemerkbar. Es gibt viele Haltestellen, 19 Stück bis Riga. Die lettischen Bahnhöfe sind zwar sehr gut renoviert, aber die Bahn selbst nicht. Der Zug von Riga nach Valga fährt extrem langsam und bleibt überall stehen.

Völlig erledigt steige ich in den Zug von Valga nach Tallinn, in Estland. Die Minuten zwischen den letzten Stationen (insgesamt sind es 33!) vergehen wie in Zeitlupe. Ein paar Stationen vor Tallinn fragt mich eine Kundenberaterin des Bahnbetreibers „Edelaraudtee“, wie ich diese Reise mit kaum einer Bewegung überstanden habe. „Ach, das ist noch gar nicht. Ich habe vor vier Tagen in Berlin angefangen.“ „Sie müssen ja Blasen am Po haben“, meint sie mitleidig. Und das stimmt! Ich gebe auf. Ich halte nicht bis zum Bahnhof von Tallinn durch, sondern steige an der Station aus, die meinem Zuhause am nächsten ist.