Wir könnten es die Geschichte des Korkens nennen. Sie spielt in Portugal, und in leichter Abwandlung in anderen Ländern. Sie lehrt uns, das Portugal einer der größten Exportländer für Kork ist, der zur Herstellung von Kronkorken benutzt wird. Zur Korkherstellung braucht man die Rinde der Korkeiche und den Boden, der letztere nährt. Was gibt es Greifbareres oder Konkreteres? Der genaue Gegensatz zu Darlehen, Schulden, Wechselbriefen und Derivatgeschäften, jener "Teufelsmist", der die Krise hervorgerufen hat. Würde diese Prämisse stimmen, hätte die Wertpapierkrise nicht den Korken einholen können. Doch genau das Gegenteil ist der Fall.

Eine Verschuldung von 300 % des BIP

Wie kommt es also, dass die kleinen europäischen Länder wie Portugal am stärksten durch die Spekulation ins Schwanken gekommen sind? Zuerst einmal wegen ihrer Größe: Ihre Staatsanleihen werden von Finanzriesen an- und verkauft, die über ein Kapital verfügen, das so manchen Staatshaushalt übersteigt.

Und dann, weil viele dieser Länder zu hohe öffentliche und private Schulden haben. Trotz aller Steuerreformen und Sparkurse schaffen es die Länder nicht, aus dem Schlamassel herauszukommen. Irlands Volkswirtschaft repräsentiert 1,7 Prozent des BIP des Euroraums, doch verschlingen die irischen Banken ein Viertel der von der EZB zu Verfügung gestellten Fonds.

Griechenland — 2 Prozent des EU-PIB — verschlang 17,3 Prozent der Liquiditäten aus Frankfurt. Portugal, nicht ganz so gefräßig, stellt 1,8 Prozent Bruttoeinnahmen der Eurozone, bei nur 7,5 Prozent der Kredite. Allerdings sind die Portugiesen höher verschuldet als die Griechen: Summiert man die Schulden von Privathaushalten, Unternehmen und Staat, so landet man bei 300 Prozent des BIP, im Vergleich zu den 240 Prozent der Griechen.

Und zu guter Letzt gibt es einen dritten und auf lange Sicht den bestimmt wichtigsten Grund: Besagten Ländern gelingt es nicht, genügend Einnahmen zu erzielen, um ihre Schulden begleichen zu können. Portugal mit einem Verhältnis von 7,2 Prozent zwischen Schulden und BIP, rechnet in diesem Jahr mit einen 0,7 Prozent-Wachstum. Aber die Rating-Agentur Standard & Poor’s erwartet im kommenden Jahr einen Wachstumsrückgang von 1,8 Prozent, was die Märkte in Aufruhr versetzt.

Waren mit geringer Wertschöpfung

Schauen wir einmal ins Herz des Systems. Portugal hat lange Zeit gebraucht, um die von der Diktatur António Salazars verschuldete Unterentwicklung zu überwinden. Mit der Nelkenrevolution 1975 kam die Demokratie, aber noch nicht der Wohlstand, zumindest noch nicht. Man musste erst auf die Neunziger Jahre warten, um einen wirklichen wirtschaftlichen Aufschwung festzustellen, auch wenn die heimische Wirtschaft noch eine marginale war. Der portugiesische Export besteht aus Waren mit geringer Wertschöpfung.

Portugal knüpfte die engsten Beziehungen mit Spanien — dessen Zweigstelle das Land im Grunde ist. Es folgen Frankreich, Deutschland und schließlich die afrikanische Ex-Kolonie Angola, vor allem als Erdöllieferant. Hauptindustrie war die wegen der niedrigen Lohnkosten sehr wettbewerbsfähige Textilindustrie, bis dann die osteuropäischen Länder auf den Markt drängten. Und schließlich kam der Euro.

Über Nacht begann Portugal mit einer starken Währung zu leben, zu produzieren, zu kaufen und zu exportieren, mit einer Währung fast so stark wie die Mark. So ist es also kein Zufall, dass sich die Situation ab 2001 zu verschlechtern begann.

Negativ-Saldo ist ein langfristiger Trend

Das reale Wachstum der letzten zehn Jahre liegt fünf Punkte unter dem Durchschnitt der gesamten Eurozone. Portugal hat es nicht geschafft, vom spanischen Wirtschaftsboom zu profitieren. Die heimische Industrie hat in allen Branchen Marktanteile verloren. Der IWF zeigt in einer Vergleichsstudie von 1995 bis 2005 auf, dass die portugiesische Wirtschaft in allen wichtigen Bereichen nachgelassen hat, auch in der Textil- oder Korkproduktion. Negativ ist der Saldo ist auch bei Dienstleistungen und Tourismus, dem wichtigsten Bereich des tertiären Sektors in Portugal. Es handelt sich also um einen langfristigen Trend, der sich also nicht durch den Euro allein erklären lässt. Allerdings hätte die Einführung des Euro zu einem tiefgreifenden Umdenken führen müssen, und zu einer Wettbewerbsförderung, und Letztere nicht nur über die Preispolitik. Mit einem Wort: eine völlige Umstellung der Wirtschaft.

Zwischenzeitlich haben die vermaledeiten Winzer — allen voran die Franzosen — angefangen, nach und nach Korken aus Silikon oder — der absolute Horror — Schraubverschlüsse aus Metall für Weißweine zu verwenden, die keine Alterung brauchen. So wurde aus einer exzellenten Rohstoff-Nische und einer hoch spezialisierten Produktion, die weltweit ihresgleichen suchte — nirgends auf der Welt stellen Menschen und Maschinen besseren Kork für echte Kronkorken her —ein bedeutungsloser Industriezweig.

Wenn man so will, ein weiterer Beleg der Theorie Ricardos zum komparativen Kostenvorteil: Die industrielle Spezialisierung hielt dem geänderten Geschmack, der neuen Strategie der Winzer oder den Erfordernissen der Kostensenkung nicht stand.

Kork, Portwein, Vinho verde, Bekleidung, Elektonik, Tourismus: Alle Bestandteile der portugiesischen Handelsbilanz haben an Gewicht verloren. Folge: das Land verarmt. Vor dem Platzen der amerikanischen Immobilienblase galt Portugal als ein Land mit Schwierigkeiten. Vor der Wertpapierwirtschaft wurde aber schon die Korkwirtschaft getroffen. Die Panik der Finanzmärkte hat dem Land nur den Rest gegeben.

Produktvielfalt wappnet gegen Krisen

In diesem Augenblick haben die Banken eingegriffen. Die portugiesischen Privathaushalte, ähnlich wie die italienischen, verschuldeten sich. Verschlimmernd kommt noch hinzu, dass man sich massiv auf ausländische Kredite stützte. Diese Abhängigkeit schwächte die portugiesische Wettbewerbsfähigkeit und Wirtschaft, die so anfällig wurde wie die griechische. Niemand ist gegen das seuchenhafte Ausbreiten der Krise immunisiert, doch sind empfindliche Volkswirtschaften exponierter.

Volkswirtschaften, die eine Produktvielfalt in Industrie und Dienstleistungen wahren, auch wenn sie sich auf hoch spezialisierte Bereiche stützen, werden immer besser abschneiden als die anderen. Hier ist also ein Land, das über seine Verhältnisse gelebt hat. Weniger aufgrund der Verschwendung öffentlicher Gelder oder der Faulheit seiner Bevölkerung, als aus der Unfähigkeit, sein eigenes System dem neuen Umfeld der Einheitswährung anzupassen. (j-s)