Die Portugiesen haben ein neues Wort, „grandolar“, das aus der Eurokrise heraus entstanden ist und bedeutet: „einem Regierungsminister aus Protest revolutionäre Hymnen vorsingen“. Doch heute, nach drei Jahren Sparpolitik „grandolieren“ sogar portugiesische Kinder ihre Eltern, wenn sie nicht in die Badewanne wollen.

Die Italiener, die den Spread zwischen den deutschen und den italienischen Anleihenrenditen heute so gespannt verfolgen wie einst die Fußballergebnisse, benutzen Wörter wie etwa „spreaddite“, das von der römischen Tageszeitung La Repubblica ironisch als „Intensivierung des Leidens infolge des hohen Spreads“ definiert wurde.

In Griechenland peppen Formulierungen, die der Krise entspringen, die Gespräche im Café, im Büro und in der U-Bahn auf, insbesondere der spöttische Gebrauch von Wendungen oder Slogans führender Politiker. So etwa eine Behauptung von Giorgos Papandreou aus dem Jahr 2009, als er Ministerpräsident war. Er sagte, es sei Geld da, obwohl das ganz offensichtlich nicht stimmte. „Keine Sorge, ich übernehme das“, sagte neulich ein Grieche, der seinen Geburtstag in einer Athener Taverne feierte, zu seinen Freunden, als diese nach ihren Brieftaschen griffen. „Hey, es ist ja Geld da, stimmt’s?“

Jedem seine Krisensprache

Die lange Wirtschaftskrise in Europa hat zu Arbeitslosenzahlen in Rekordhöhe und zu geräuschvollen Protesten geführt, doch es gibt auch subtilere Mittel, ihre Auswirkungen zu beurteilen. In einem Land nach dem anderen hat die Krise auch eine eigene Sprache hervorgebracht, einst exotische finanzielle Termini in den Alltagsgebrauch übergehen lassen und einen Slang generiert, der den schwarzen Humor wiedergibt, mit welchem viele ihre anhaltenden Schwierigkeiten meistern.

Sogar die höchsten Regierungs- und Gesellschaftsschichten haben sich den Krisenjargon angeeignet. So wollte der spanische Haushaltsminister Cristóbal Montoro letztes Jahr Befürchtungen zerstreuen, dass Spanien wie Griechenland internationale Rettungsmaßnahmen benötigen könnte, und versprach den nervösen Spaniern, die „los hombres de negro“ – die Männer in Schwarz, wie die EU-Beamten inzwischen bekannt sind – würden ganz bestimmt nicht kommen.

Die Sprache erfährt so viele Veränderungen, dass die Hüterin der spanischen Sprache, die Königliche Spanische Akademie, einem aktualisierten Lexikon den letzten Schliff gab: Es enthält 200 Wörter, die entweder neu hinzugefügt wurden oder neue Bedeutungen erhielten. Dazu gehört zum Beispiel die besorgniserregende „prima de riesgo“ (Risikoprämie), mit dem illustrierenden Satz: „Die Risikoprämie unserer Staatsanleihen ist um mehrere Punkte angestiegen.“

Die Spanier, die solche Ausdrücke vor dem Beginn der Finanzkrise 2008 zum Großteil noch nie gehört hatten, verwenden sie jetzt so regelmäßig, dass sie nicht nur in den Abendnachrichten, sondern auch im Gespräch mit einem Taxifahrer vorkommen können. Was die Sprache anbelangt, gibt es eben „poukou“, womit die Griechen die Zeit vor der Krise bezeichnen, und heute.

Schuldenbremse und Eurobonds

Ähnlich sind auch unter den 5000 neuen Wörtern in der im Juli erschienenen, aktualisierten Ausgabe des Dudens, des maßgeblichen Wörterbuchs der deutschen Sprache, mehrere Begriffe, die aus der Wirtschaftskrise stammen. Dazu gehören die „Schuldenbremse“ und auch die „Eurobonds“ – die vorgeschlagenen Anleihen, die die Europäische Union ausgeben sollte, um die Schulden der Euro-Staaten abzusichern. Die Deutschen befürchten, derartige Anleihen würden ihnen schwerwiegende Verpflichtungen auferlegen. Das Wort existiert zwar, doch Angela Merkels Regierung hat ihr Bestes getan, damit dies für die Anleihe nicht der Fall ist.

Um nicht außen vor zu bleiben, veröffentlichte der französische Soziologe Denis Muzet kürzlich das Buch Les Mots de la Crise (die Wörter der Krise), in welchem er Begriffe analysiert, die seit dem Wirtschaftsabschwung in die Sprache eingegangen sind. Zu seiner Liste gehören „perte du triple A“, der Verlust des AAA-Ratings (etwa für die französischen Anleihen), „suppressions d’emploi“, Arbeitsplatzkürzungen, und „choc de compétitivité“, Wettbewerbs-Schock – lauter Folgen des bösen Erwachens, das die Krise mit sich geführt hat. „Unsere Art, über die Krise zu reden, trägt zur Panik und zum nationalen Depressionismus bei“, schreibt Muzet und erfindet damit selbst ein neues Wort.

Der Sparkurs als solcher ist so allgegenwärtig, dass selbst das Wort mancherorts für alles mögliche benutzt wird. Trägt eine Portugiesin einen kurzen Rock, kann ein Bewunderer sie scherzhaft fragen, ob sie denn „auf Sparkurs“ ist und den Rest des Stoffs für später aufhebt.

Ni-Nis und yayoflautas

Europas Krise geht nun schon so lange, dass sie ganze Generationen definiert. Sie tragen Namen wie etwa die „Ni-Nis“ [Weder-Noch] in Spanien: Scharen junger Leute, die weder studieren noch arbeiten. Oder die „geração à rasca“, die verzweifelte Generation, wie sie in Portugal genannt wird. „Ich bin mit den Ni-Nis leider nur zu gut vertraut, weil ich ein Exemplar zuhause sitzen habe“, erklärt die arbeitslose Carmen Blanco, 43, und meint damit ihre 20-jährige Tochter, die die Schule abgebrochen hat und bei ihr lebt.„Ich habe ihr klargemacht, dass sie ohne jeglichen Abschluss möglicherweise ihr ganzes Leben lang eine Ni-Ni bleiben wird“, sagt die Mutter.

Die Terminologie für die Notleidenden hört nicht bei den jungen Leuten auf. In Griechenland, wo Lohnkürzungen und eine Arbeitslosenquote von 27 Prozent eine breite neue Klasse dazu gezwungen haben, sich auf das absolut Notwendige zu beschränken, spricht man von den „neoptohi“, den neuen Armen – ein Wortspiel mit dem griechischen Wort für „neureich“.

Namen für die verschiedenen Proteste und Protestler durchlaufen das ganze Spektrum. In Spanien bezeichnen sich die Protestler selbst als „indignados“, die Empörten. Ältere Protestler sind als „yayoflautas“ oder alte Flöten bekannt. Die „marea blanca“, weiße Flut, beschreibt die Welle von Ärzten und Krankenschwestern in weißer Montur, die gegen die Kürzungen im öffentlichen Gesundheitssektor demonstrierten. Das eine Wort, das in ganz Europa fast jeder kennt, ist „Troika“. Damit sind die drei internationalen Kreditgeber gemeint: der Internationale Währungsfonds, die Europäische Zentralbank und die Europäische Kommission. Die bedrängten Bürger von Lissabon bis Athen machen sie für ihre Schwierigkeiten verantwortlich.