In Portugal liegt die Arbeitslosenquote bei jungen Menschen doppelt so hoch wie im Bevölkerungsdurchschnitt. Von denen, die einen Job haben, hat nur ein Drittel eine Festanstellung oder sind Selbständig. Regelfall ist heute der befristete Vertrag und die sogenannten recibos verdes “grüne Quittungen“, anfangs zur Bezahlung von Selbständigen konzipiert, haben sie sich verallgemeinert und gelten heute in Portugal als Sinnbild für soziale Unsicherheit und ähnliche Formen des Prekariats. Jeder zehnte Hochschulabsolvent wandert aus. In Zeiten des Generalstreiks vom Mittwoch dem 24. November verwundert es niemanden, dass die Gewerkschaften gerade die Jugend in den Mittelpunkt des Konflikts stellen.

In einem Land, in dem Arbeitskräfte mit Hochschulabschluss selten sind, sowie in einer zunehmend wettbewerbsorientierten Welt, in der Ausbildung lebensnotwendig ist, sollte die Zunahme an Hochschulabsolventen eigentlich als gute Nachricht begrüßt werden. Aber nein. In der Krise werden gerade die jungen Leute von der Zerstörung der Arbeitsplätze getroffen. Und ausgerechnet diejenigen, die in ein Studium investiert haben, finden sich heute vor verschlossenen Türen wieder.

Der Individualismus hat sein Endstadium erreicht

Für Elísio Estanque, Professor an der Wirtschaftsfakultät der Universität Coimbra ist die Position der Gewerkschaften „mehr als gerechtfertigt, da Überlebensinstinkt und Individualismus bei den jungen Menschen einen gewissen Widerstand zu Formen des kollektiven Kampfs geschaffen hat.“ Die Gewerkschaften müssen „Wege zur Sensibilisierung und Mobilisierung finden.“ „Der Individualismus kann vielleicht in fetten Jahren funktionieren, wenn man Zukunftsperspektiven hat. In Krisenzeiten ist das anders“, meint Estanque.

Er ist überzeugt, dass „der Individualismus sein Endstadium erreicht hat.“ „Ich finde es nur normal, dass die jungen Leute anfangen, sich zu organisieren — sei es nun aus Hoffnungslosigkeit oder aus Gründen eines neuen Bewusstseins. In dieser Hinsicht hatte die friedliche Besetzung eines Callcentersdurch die Aktivisten der Gruppe der „Unflexiblen Prekären“ am 11. November sicherlich eine Signalwirkung.“ Mit einem Zeitvertrag oder recibos verdes in der Tasche wage man es nicht, gegen den Chef aufzubegehren. Umso weniger, als dass man im Kontext eines „Demokratiedefizits“ sei, meint Elísio Estanque.

Junge Portugiesen gehen aus dem Land

Arbeitsplätze sind rar (und oftmals nur für Ungelernte). Es verwundert also niemanden, dass viele junge Portugiesen auswandern. In den vergangenen zehn Jahren hat die Abwanderung Proportionen angenommen, wie man sie zuletzt in den Sechziger Jahren gekannt hatte. Und wenn die Zahlen derzeit leicht rückläufig sind, dann deshalb, weil die Krise auch im Ausland wütet. Rui Pena Pires, Soziologe und Professor am Institut für Arbeitswissenschaften (ISCTE) in Lissabon, spricht von 60.000 Abwanderern pro Jahr (gegenüber 70.000 in den Sechziger Jahren). Dennoch unterscheide sich die Abwanderung von heute darin, dass früher „niemand nach ein paar Jahren zurückkehrte, während heute die Mobilität höher ist.“

„Wir werden erst in sechs Monaten Statistiken nach Altersgruppen haben, doch wissen wir bereits, dass die Abwanderung vor allem junge arbeitsfähige Menschen betrifft“, erklärt der Koordinator des Projekts Atlas das Migrações [Atlas der Migration]. Die Zahlen bestätigen den gefühlten Eindruck: „Jeder kennt in seinem Umfeld junge Menschen, die kürzlich Portugal verlassen haben. Meine beiden Söhne beispielsweise leben im Ausland.“

Portugal – Nettoexporteur der Gebildeten

Besser vorbereitet und mit einem Netzwerk von Bekannten im Ausland, die man von Austauschprogrammen her kennt, sind die Studienabgänger die ersten, die über die Grenzen Portugals hinaussehen. Der Arbeitsmarkt ist heute international. Laut Schätzungen der Weltbank leben rund 20 Prozent der portugiesischen Hochschulabsolventen im Ausland. Und wenn wir diese Zahlen noch verfeinern, stoßen wir auf eine weitere aufschlussreiche Tatsache: Mehr als jeder zehnte (11 Prozent) erwirbt sein Diplom in Portugal, bevor er auswandert.

„In Großbritannien wandern 10 Prozent Studienabgänger ab. Nur mit dem Unterschied, dass dort hochqualifizierte Zuwanderer diesen Verlust mehr als ausgleichen. In Portugal ist das ganz und gar nicht der Fall“, sagt Rui Pena Pires. Anders gesagt, Portugal leidet am Brain-Drain, der Abwanderung von Hochqualifizierten. „Wir Portugiesen müssen uns um die junge Generation kümmern, wenn wir wettbewerbsfähig bleiben wollen und nach mehr Sicherheit und Demokratie streben“, betont Elísio Estanque, „denn gerade die kompetentesten und qualifiziertesten Menschen sind die wagemutigsten. Deshalb nehmen sie auch das Risiko in Kauf, ins Ausland zu gehen.“ (js)