Als ein amerikanischer Medizinstudent im ersten Semester sein Skateboard neben dem Eingang zum Vorlesungssaal aus dem 19. Jahrhundert liegen lässt, hebt Professor Andrea Dorottya Szekely es behende auf und rügt den jungen Eigentümer.

„Hier sind die Dinge anders“, sagt Dr. Szekely über die Semmelweis-Universität, eine 244 Jahre alte Institution in Budapest, deren Schwerpunkt auf den Fächern Medizin und Gesundheitswissenschaften liegt. Es wird zum Beispiel von den Studenten erwartet, dass sie in Habachtstellung im Hörsaal stehen bleiben, bis die Glocke läutet und der Professor eintritt.

Trotz der kulturellen Differenzen, die sie zeitweise überwinden müssen, drängen immer mehr ausländische Studenten nach Osteuropa, um dort Medizin, Zahnmedizin oder Pharmazie zu studieren. Obwohl dort noch deutlich weniger internationale Studenten leben als in Westeuropa, scheint es zunehmend Interesse zu wecken.

80% mehr ausländische Studenten in Polen

Die Anzahl der ausländischen Hochschulstudenten in Ungarn stieg von 2005 bis 2011 um 21 Prozent – von 13.601 auf 16.465. Dies berichtet das UNESCO Institute for Statistics, das einen ausländischen Hochschulstudenten dadurch definiert, dass er seinen Sekundarschulabschluss nicht im selben Land erworben hat. In Polen beträgt der Zuwachs an ausländischen Studenten zwischen 2005 und 2010 (dem letzten Jahr, für welches Zahlen verfügbar sind) 80 Prozent. Die Tschechische Republik berichtet über eine Verdoppelung der Studentenzahlen aus dem Ausland zwischen 2005 und 2011, während die Slowakei nach Angaben der UNESCO ihre ausländische Studentenbevölkerung mehr als verfünffachte.

Viele ausländische Studenten, die sich für diese Region entscheiden, studieren dort Medizin oder andere Gesundheitsfächer. 2010 waren 30 Prozent der ausländischen Studenten in Polen im Bereich „Gesundheit und Fürsorge“ immatrikuliert, so eine Studie der OECD. Von allen Studenten in diesem Bereich waren 15 Prozent Ausländer, so die Studie weiter. In der Slowakei studierten 45 Prozent der ausländischen Studenten ein medizinisches Fach. Im Vergleich dazu sind in Ländern wie Deutschland, Schweden und Kanada, in denen die Konkurrenz um Medizinstudienplätze besonders hart ist, nur sechs bis neun Prozent der Studierenden in diesen Fächern Ausländer, so dieselbe Studie. In Ungarn, wo vier Universitäten ein Medizin- und Zahnmedizinstudium in englischer Sprache anbieten, studieren 42 Prozent der internationalen Studenten in gesundheitsbezogenen Feldern, so die OECD weiter.

Weniger Studiengebühren als in den USA

Es gibt verschiedene Gründe für diesen Wandel: So genießen etwa die Diplome osteuropäischer Universitäten mit Studiengängen in englischer Sprache immer höheres Ansehen. Doch auch andere Faktoren kommen ins Spiel, insbesondere die Tatsache, dass die Studiengebühren an diesen Hochschulen nicht so hoch sind wie an den Universitäten im Westen und dass es nicht so schwierig ist, hineinzukommen.

An der Semmelweis-Universität zahlen ausländische Medizinstudenten knapp 20.000 US-Dollar pro Jahr an Studiengebühren, wobei Studenten aus EU-Staaten oft Stipendien oder Studiendarlehen bekommen können. An der Karlsuniversität in Prag, die ebenfalls einen englischsprachigen Medizinstudiengang anbietet, betragen die Studiengebühren jährlich höchstens 14.100€ bzw. 18.600$. Ein Zahnmedizinstudium ist oft etwas teurer, aufgrund der Materialkosten für Füllungen oder Gussformen.

Europäern, die in ihrem Heimatland meist so gut wie gebührenfrei Medizin studieren können, kommen solche Gebühren oft sehr hoch vor. Doch für Studenten aus den USA, wo sogar ein Studium an einer staatlichen Hochschule über 30.000 Dollar pro Jahr kosten kann, sind die Kosten vergleichsweise günstig.

Ärzte, Zahnärzte und Apotheker mit Diplomen von anerkannten Universitäten in Osteuropa dürfen fast überall in der Europäischen Union praktizieren. Die Medizinstudenten der Semmelweis-Universität absolvieren ihre klinischen Praktika im sechsten Jahr gewöhnlich an Krankenhäusern in Europa – oft in dem Land, in dem sie später zu arbeiten hoffen.

Sarah Moslehi, die aus dem schwedischen Göteborg nach Budapest zog, um dort Medizin zu studieren, vergleicht die fließenden Grenzen innerhalb der EU mit denjenigen zwischen den amerikanischen Bundesstaaten. „Im Grunde ist es in Europa heute so wie in den USA“, sagt sie. „Man kann einfach irgendwo studieren und dann in einen anderen Staat ziehen.“

Unterricht auch auf Deutsch

Um Studenten von außerhalb Ungarns anzuziehen, begann man an der Semmelweis-Universität schon in den frühen 1980er Jahren, manche Kurse in deutscher Sprache zu unterrichten. Noch im selben Jahrzehnt, während der politischen Öffnung Osteuropas, begann der Unterricht auf Englisch. Für das im September 2013 beginnende Studienjahr hat die Universität 380 ausländische Studenten in den englischsprachigen Studiengängen Medizin, Zahnmedizin und Pharmazie angenommen. 1.910 der 12.719 angemeldeten Studenten belegten englischsprachige Kurse, 911 von ihnen belegten Kurse auf Deutsch.

Die Semmelweis-Universität profitiert ganz klar von diesem multikulturellen Campus, finden sowohl die Studenten als auch die Professoren. Aber die internationalen Studenten bieten auch reelle finanzielle Vorteile, denn sie zahlen Studiengebühren – im Gegensatz zu den Ungarn, die fast kostenfrei studieren.

Die Karlsuniversität in Prag hat bei den Medizinstudenten, die sich in Osteuropa umsehen, einen guten Ruf und auch die Medizinische und Pharmazeutische Universität Iuliu Hatieganu im rumänischen Cluj-Napoca zieht eine zunehmende Anzahl potentieller Ärzte, Apotheker und Zahnärzte an.

Studenten aus Europa und Nahost

Die Studiengänge an der Semmelweis-Universität sind attraktiv für Studenten aus Deutschland, Norwegen und Schweden, wo die Medizinstudienplätze durch die Zulassungsbeschränkungen extrem umkämpft sind, doch auch für Studenten aus Nahoststaaten wie Iran und Israel.

Nach Ansicht der Studenten ist der konservative Ansatz der medizinischen Ausbildung einer der größten Vorteile eines Studiums in Ungarn. Nicht nur wird sehr auf Etikette (die Studenten müssen etwa zur Prüfung im Anzug erscheinen), Rangordnung und Auswendiglernen geachtet, die Medizinstudenten kommen hier auch früher als viele ihrer Kollegen mit den Patienten in Kontakt und erlangen mehr praktische Erfahrung in Fächern wie Pathologie und Anatomie.

„Unser Unterricht ist anders“, erklärt Dr. Szekely, eine Ungarin, die ihre Kurse sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch abhält. Der Weg zum Diplom mag zwar ein anderer sein, doch das Ergebnis ist ihrer Meinung nach dasselbe: „Es gibt hier nur ein einziges Ziel“, sagt sie. „Sie wollen Ärzte werden.“