Wer Großes will, muss zuerst das Kleine tun. Das weiß nicht nur der Volksmund, sondern auch Bundesumweltminister Peter Altmaier; und so hat der CDU-Politiker in einem Leitfaden praktische Tipps zusammengestellt, wie jeder im Alltag die Energiewende ein kleines bisschen voranbringen kann, dieses „Jahrhundertprojekt“, von dem die Kanzlerin so gern redet.

Es gilt, die Bürger rechtzeitig auf Sparmöglichkeiten bei den Stromkosten hinzuweisen, denn die Umlage für Ökostrom, die jedem Verbraucher bei der Stromrechnung aufgeschlagen wird, steigt laut Prognose der Regierung von derzeit 5,3 Cent pro Kilowattstunde auf einen Betrag zwischen 6,2 und 6,5 Cent. Das ist ein Plus von etwa 20 Prozent. Schon heute tragen die deutschen Verbraucher mit die höchsten Stromkosten in Europa. Der Preisanstieg geht [vor allem] darauf zurück, dass der Staat sich neue Abgaben, Zuschläge und Steuern ausgedacht hat. Doch weder Renten noch Hartz-IV-Sätze werden automatisch an steigende Stromkosten angepasst. Jährlich mehr als 300000 Haushalten wird wegen unbezahlter Rechnungen bereits der Strom abgeklemmt. Die Caritas und andere Sozialverbände haben dafür ein Wort erfunden: Stromarmut.

Unter- Über- und Fehlversorgung

Für die Gesellschaft als Ganzes haben die Kosten längst Größenordnungen erreicht, wie sie sonst nur von der Eurorettung bekannt sind. Mehr als 20 Milliarden Euro müssen die Verbraucher in diesem Jahr zwangsweise für Strom aus Solar-, Wind- und Biogasanlagen ausgeben, dessen Marktpreis kaum drei Milliarden Euro beträgt. Und selbst diesen Betrag dürfte der Strom nicht wert sein, wenn man die Kollateralschäden und Folgekosten berücksichtigt, die der planlose Ökoausbau im System anrichtet.

Weil die Solardächer und Windräder, je nach Tageszeit und Wetterlage, mal extrem viel Strom erzeugen und mal gar keinen, kommt es zuabsurden Fällen von Unter-, Über- und Fehlversorgung. Ist zu viel Strom im Netz, müssen Windpropeller abgeregelt werden und stillstehen. Trotzdem wird der theoretisch erzeugte Phantomstrom bezahlt. Bei jäher Flaute und Dunkelheit hingegen wird das Angebot knapp. Dann müssen alte Schweröl- und Kohlekraftwerke ran, um die Lücke zu schließen, weshalb Deutschlands Energieerzeuger im vergangenen Jahr mehr klimaschädliches Kohlendioxid in die Luft pusteten als im Jahr davor.

Die Rückkehr der Braukohle

Zu bestaunen ist dieses Drama derzeit wohl am besten in dem beschaulichen Ort Großkrotzenburg in Hessen. Dort betreibt Deutschlands größter Energieversorger, die Düsseldorfer E.on AG, seit vielen Jahren ein großes Steinkohlekraftwerk. Fünf Blöcke gibt es im Kraftwerk Staudinger, der älteste von ihnen stammt aus dem Jahr 1965 und arbeitet mit einem Wirkungsgrad von lächerlichen 32 Prozent. Selbst bei E.on gilt er mittlerweile als „ökonomisch und ökologisch völlig inakzeptables Kraftwerk“.

Das ist eine der kuriosesten Entwicklungen der an Kuriositäten reichen Energiewende: Die größten Dreckschleudern der Nation sind nun gleichzeitig die profitabelsten – alte, abgeschriebene Braunkohlekraftwerke. Das hinterlässt eine schmutzige Spur in der deutschen Umweltstatistik. Während im Jahre eins der Energiewende, dem Jahr 2012, 10,2 Prozent mehr Strom aus erneuerbaren Energien stammte, wuchs auch die Elektrizitätserzeugung aus Stein- und Braunkohle um jeweils gut fünf Prozent. Unangenehm berührt kommentierte Bundesumweltminister Altmaier: „Diese Entwicklung darf nicht zur Tendenz werden.“

Das Problem mit der Windenergie

Große Hoffnungen der Regierung ruhen auf dem Ausbau von Windparks vor der Küste. Doch auf den Meeresbaustellen herrscht Chaos. Vor der Nordseeinsel Borkum drehen sich Windräder im Leerlauf ohne Netzanschluss. Das Kabel wird wohl erst nächstes Jahr komplett verlegt, bis dahin wird die Anlage mit Diesel betrieben, damit sie nicht rostet.

Doch die Regierung treibt den Ausbau mit Macht voran. Die Pläne sind atemberaubend. Bis zum Jahr 2020 sollen Hochsee-Windräder bis zu zehn Gigawatt Leistung beisteuern können – theoretisch so viel wie acht Atomkraftwerke. Um Investoren anzulocken, hat die Regierung möglichst gute Förderbedingungen geschaffen. Jede Kilowattstunde Offshore-Strom soll mit 19 Cent vergütet werden, etwa 50 Prozent mehr als für Windstrom an Land. Und auch die Haftungsrisiken hat die Regierung den Windparkbetreibern abgenommen. Wenn etwas schiefgehen sollte, müssen die Stromverbraucher den Schaden tragen.

Parteien werfen sich Versagen vor

Im Wahlkampf werfen sich die Parteien gegenseitig vor, für das Desaster verantwortlich zu sein, und die Bundesregierung würde über die Energiewende am liebsten gar nicht mehr reden. Doch [nun] drängt das Thema mit Macht auf die Tagesordnung. Am [5. September ] hat die von der Regierungbeauftragte Monopolkommission ein Sondergutachten übergeben, Titel: „Wettbewerb in Zeiten der Energiewende”. Das Werk prangert die Fehlentwicklungen an: Das System belohne ausgerechnet die ineffizientesten Anlagen. Es trage nichts zum Klimaschutz bei, gefährde die Stromversorgung und benachteilige die Armen. Die Experten schlagen in ihrem Gutachten einen [dringenden] Systemwechsel vor.