„In 100 Jahren wird es in jeder kleinen und großen Stadt in diesem Land ein Lech-Wałęsa-Denkmal geben“, lautet ein berühmter Ausspruch des ehemaligen polnischen Staatspräsidenten und Vorsitzenden der Gewerkschaft Solidarność. In puncto Größenwahn reicht ihm praktisch niemand die Stange. [Der polnische Dramatiker] Witold Gombrowicz mit seinem „montags – ich, dienstags – ich, mittwochs – ich“ verblasst im Vergleich. Doch seitdem Wałęsa zu einer Person von öffentlichem Interesse wurde, hat es ihm nie an Schmeichlern gefehlt.

In seinem Heimatland Polen jedoch war er außerordentlich umstritten. Seine Gegner, wie einst [der antikommunistische Oppositionsführer und Chefredakteur der Tageszeitung Gazeta Wyborcza] Adam Michnik und Konsorten, sowie heute Jarosław Kaczyński [von der Oppositionspartei Recht und Gerechtigkeit] und der Rest der polnischen Rechten, beschrieben ihn mit äußerst harschen Worten. Er wurde als Teufelsfigur bezeichnet, als Buhmann, aber auch als Inbegriff der Mittelmäßigkeit. Als sei der ehemalige Präsident gar kein Mensch. Nun, er ist einer. Und ein Vollblutmensch obendrauf: mit vielen Fehlern, aber auch mit Errungenschaften, durch die er sich einen Platz in Polens Geschichte verdient haben wird. In vieler Hinsicht jedoch ist er einfach ein ganz normaler Mensch, wie Millionen andere.

„Platzhirschgehabe“

Alle, die heute schlecht über Wałęsa sprechen und es in der Vergangenheit getan haben, machen ihren Anführern links und rechts keine Ehre. Warum? Weil sie jahrelang nur in seinem Schatten standen. Er kümmerte sich nicht um sie, benutzte sie nur, wenn er sie brauchte – wie ein Baumeister seine Lehrlinge braucht. Wałęsa traf die wichtigen Entscheidungen höchstpersönlich: vom Streik an der Danziger Schiffswerft im August 1980 bis zum Endspiel mit den Kommunisten Ende der 80er Jahre. Letzteres gipfelte in den runden Tischen, die dann zur Auflösung des Kommunismus führten.

Mit seinem „Platzhirschgehabe“ lädt Lech Wałęsa gewiss nicht zu einer ausgewogenen Beurteilung ein. Er ist ein Angeber ohnegleichen. Und natürlich akzeptieren viele nur schwer seine Prahlerei, er habe den Kommunismus praktisch im Alleingang besiegt und bei der Befreiung Mittel- und Osteuropas von der sowjetischen Herrschaft die wichtigste Rolle gespielt. Doch wäre es nicht besser, Wałęsa mit seiner Vermessenheit in Ruhe zu lassen? Vielleicht sollten wir endlich anerkennen, dass es innerhalb des Sowjetblocks nirgends eine organisierte Opposition im großen Maßstab gab. In Polen selbst machten die aktiven Antikommunisten Ende der 1980er Jahre vielleicht 0,01 Prozent der Bevölkerung aus – eine Person auf 10.000. Der Kommunismus in Europa brach zusammen, weil er musste.

Beim Fesseln von Menschenmengen war er das, was Lionel Messi beim Fußball oder Krystian Zimerman beim Klavierspiel ist.

Es ist nicht leicht zu verstehen, wie ein 37-jähriger unbekannter Elektriker von keineswegs bemerkenswertem Aussehen, der sich oft etwas unbeholfen in seiner eigenen Muttersprache ausdrückte, zum Anführer erst des Schiffswerftstreiks und dann der Gewerkschaft Solidarność wurde, die in ihrer besten Zeit knapp 10 Millionen Mitglieder zählte. Doch wer sich an die Zeit von 1980 und 1981 erinnert, muss zugeben, dass Wałęsa für den Großteil der breiten Öffentlichkeit der unumstrittene Leader war. Beim Fesseln von Menschenmengen war er das, was Lionel Messi beim Fußball oder Krystian Zimerman beim Klavierspiel ist. In dieser Hinsicht war er allen überlegen, ob den Aktivisten und Beratern der Solidarność oder den Partei-Apparatschiks wie Stanisław Kania und Wojciech Jaruzelski.

Der Wendepunkt

Am 30. November 1988 um 20h schien Polen zum Stillstand gekommen zu sein. Eine spätere Umfrage ergab, dass acht von zehn Befragten in Warschau die TV-Debatte zwischen Wałęsa und seinem Gegner Alfred Miodowicz, dem Anführer der regimefreundlichen Gewerkschaften, verfolgt hatten. Überträgt man diese Zahl auf das ganze Land, kann es sich da um 20 Millionen Zuschauer gehandelt haben. Und die Debatte war der Wendepunkt. Der Solidarność-Chef erfüllte die Herzen und Geister vieler seiner Landesgenossen mit Hoffnung. Er feierte sein Comeback im großen Stil und die Menschen fühlten sich ihm verbunden. Und das vom ersten Augenblick an, als er geradeheraus ins Publikum blickte und sagte: „Guten Abend. Schön, dass Sie da sind. Und vielen Dank an alle, die in den letzten sieben Jahren nicht die Hoffnung verloren haben“, [eine Anspielung auf den 13. Dezember 1981, als die Armee den Ausnahmezustand ausgerufen hatte, der die Solidarność verbot und Wałęsa sowie Tausende andere gefangen nahm]. Als Miodowicz begann, Polens Errungenschaften unter den Kommunisten aufzuzählen, konterte Wałęsa: „Sie gehen nur schrittweise auf die Modernität zu, während der Rest der Welt ihr entgegenreitet. Wenn Sie so weitermachen, kommt die Wirkung in zwei- oder dreihundert Jahren.“ Volltreffer! Wałęsa, der Superstar war geboren.

100 Millionen Zloty für jeden

Und Macht war etwas, das er haben wollte. Wenn man Zeitungsausschnitte aus der Zeit zwischen der TV-Debatte und der Formierung des ersten nichtkommunistischen Kabinetts unter Tadeusz Mazowiecki liest, ist es offensichtlich, dass Wałęsa in gewisser Weise ein Diktator für die Solidarność-Seite war. Es kursierte – nicht ohne Grund – der Witz, dass, wenn „Lechu“ während der Kampagne für die denkwürdige Wahl vom 4. Juni 1989 neben einem Hund fotografiert würde, [so wie er neben jedem der Solidarność-Kandidaten abgelichtet wurde], der Vierbeiner ebenfalls einen Sitz gewinnen würde.

Doch er konnte die Tatsache nicht überwinden, dass der neue Superstar, der erste nichtkommunistische Regierungschef in Polen seit einem halben Jahrhundert, Ministerpräsident Mazowiecki, und seine Berater ihn an den Rand drängen wollten. Wałęsa stellte schnell ein Kampfteam zusammen, mit Jarosław Kaczyński als einer der Schlüsselfiguren, stieg 1990 ins Rennen um das Präsidentenamt ein und gewann. Während der Kampagne war er auch über Populismus nicht erhaben und versprach jedermann 100 Millionen Zloty [ein nicht rückgabepflichtiges Anlageguthaben im Wert von heute rund 2500€] – und verdreifachte diesen Betrag sogar, als er 1995 um seine Wiederwahl kämpfte.

Wunderwaffe Wodka

Wałęsa scheint der einzige zu sein, der seine Präsidentschaft von 1990 bis 1995 als Erfolg betrachtet. Und doch kann nicht geleugnet werden, dass er 1993 maßgeblich an den erfolgreichen Verhandlungen zum Abzug der sowjetischen Truppen aus dem polnischen Staatsgebiet beteiligt war. Er hatte auch genug Wodka in den russischen Präsidenten Boris Jelzin hineingeschüttet, dass dieser ein Protokoll unterzeichnete, in dem stand, Russland habe nichts gegen Polens Plan, der NATO beizutreten. Dabei war das damals noch nicht einmal spruchreif.

Lech Wałęsa ist ein lebendes Paradox. Einerseits scheint er voller Bitterkeit, Schärfe und Egoismus, doch andererseits beweist er Schlauheit und Beharrlichkeit im Verfolgen seiner Ziele. Er ging gerne Risiken ein und war auch ein richtiger Opportunist. Er ist stolz auf seine Intuition, denn sie leistete ihm oft gute Dienste, doch letztendlich kam die Zeit, da sie fehlschlug. Mit 52 Jahren, ein Mann im besten Alter, wurde er zum politischen Ruheständler, nach nur 15 Jahren auf der politischen Bühne, davon höchstens zehn auf Spitzenniveau. Er besaß das Talent, Menschenmengen zu faszinieren, doch auch dieses ebbte ab. Wałęsa mag heute seine Verfechter und Lobredner haben, doch dass er ein charismatischer Anführer war, das ist etwa 20 Jahre her.